Verteidiger ist Christopher Posch, Staatsanwalt Harry Wilke

Prozess um Schläger von Alheim: Schlagabtausch im Plädoyer

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Symbolbild Gericht

In ungewöhnlicher Schärfe haben sich bei den Plädoyers im Prozess um die Schläger von Alheim Verteidiger Christopher Posch und Staatsanwalt Harry Wilke beharkt.

Vor der 1. Strafkammer des Fuldaer Landgerichts warf Posch dem Vertreter der Anklage vor, die Ergebnisse der mehrmonatigen Beweisaufnahme ignoriert und sich in seiner Zusammenfassung der Geschehnisse auf die ursprünglichen Vorwürfe beschränkt zu haben.

Wilke konterte seinerseits mit der Feststellung, dass das Opfer eines Tatkomplexes Todesängste ausgestanden und sich aus Furcht vor weiteren Repressalien zunächst einer Aussage vor Gericht verweigert hatte. Wilkes Vorwurf gegen Posch, dass dieser bei bestimmten Verhandlungstagen gefehlt und deshalb einen unvollständigen Eindruck habe, konnte dieser zumindest teilweise entkräften.

Uneins waren Posch und Wilke auch bei der Bewertung der Aussagen der beiden Hauptangeklagten. Während der Staatsanwalt bei den schwerwiegendsten Anklagepunkten der räuberischen Erpressung, der Freiheitsberaubung und der gefährlichen Körperverletzung strafmildernde Geständnisse vermisste, sahen Posch und sein Kollege Horst Korte in den „geständigen Einlassungen“ ihrer Mandanten den Anspruch erfüllt. Auch hätten sich beide bei dem im Streit verprügelten jungen Mann entschuldigt. Strittig ist auch, wie heftig die Auseinandersetzung am frühen Morgen des 14. Oktober 2018 tatsächlich war. Während der Staatsanwalt eine Art Racheakt für einen geplatzten Drogen-Deal mit entsprechenden Geldforderungen unterstellte (unsere Zeitung berichtete), war aufseiten der Verteidigung lediglich von eskaliertem Streit die Rede.

Auch entsprächen die Verletzungen des 27-Jährigen nicht den Vorwürfen von Tritten gegen Kopf und Körper. Allerdings war das Opfer erst zehn Tage nach dem Vorfall von der Rechtsmedizin untersucht worden.

Ebenso diffus die Angaben zur Alkoholisierung eines der beiden Haupttäter: Anderthalb Flaschen Jägermeister, zehn Cola-Hütchen und diverse Biere hätten einen Maximalwert von fast neun Promille ergeben – damit wäre der 24-Jährige selbst ein Fall für den Notarzt gewesen. 

Die Vorwürfe gegen das Trio aus Alheim waren heftig: Schwere räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung und dergleichen mehr. Das Meiste davon wird einem 29-jährigen Ex-Soldaten zur Last gelegt, der nach der Bundeswehr als Türsteher arbeitete und dabei mit Drogen – in erster Linie Kokain – in Kontakt geriet. Im Rausch kam es immer wieder zu Vorfällen, bei denen der Alheimer die Kontrolle über sich verlor. Mehrfach hatte er seine Lebensgefährtin misshandelt und im Streit mit einem Messer verletzt. Einmal hielt er auf Video fest, wie er einen Bekannten verprügelte und ließ den Film im Netz kursieren – als Warnung für andere. 

Und dann kam die Nacht zum 14. Oktober vor einem Jahr. Erst setzte es auf der Kirmes in Lispenhausen massive Prügel für einen Mann, mit dem man in Streit geraten war, dann kam der Tatkomplex an der Rotenburger Shell-Tankstelle, an dem auch der 25-jährige Mitangeklagte sowie ein 24-Jähriger als Fahrer eines Porsche Cayenne beteiligt waren. Hier muss sich die Strafkammer mit ihrem Vorsitzenden, Richter Josef Richter, nach der Beweisaufnahme zwischen zwei denkbaren Versionen, einer schlimmen und einer nicht ganz so schlimmen, entscheiden. 

Ob sich das 27 Jahre alte Opfer splitternackt ausziehen und gegen seinen Willen in das Auto steigen musste oder ob man sich noch halbwegs einvernehmlich auf den Weg Richtung Spangenberg machte und das Ganze erst unterwegs eskalierte, ist nach dem Auftauchen eines Überraschungszeugen am letzten Verhandlungstag eine unbeantwortete Frage. 

Der von der Verteidigung benannte Zeuge war sich sicher, dass in der Gruppe am Porsche niemand unbekleidet war und keine aggressive Stimmung herrschte. Sonst aber hatte der junge Mann angeblich nichts bemerkt. 

Keinen Zweifel gab es allerdings an der Einschätzung der psychiatrischen Gutachterin Birgit von Hecker, die beim 29-jährigen Angeklagten unter anderem wegen der Drogensucht eine verminderte Steuerungs- und damit auch Schuldfähigkeit nicht ausschließen konnte. Auch befürwortete sie die Unterbringung in einer Entzugsklinik. Beide mutmaßliche Haupttäter nutzten ihr Schlusswort, um sich zu entschuldigen. „Ich habe eine Menge falscher Entscheidungen getroffen“, sagte der 29-Jährige, und der Jüngere bat um die Chance, sein Leben neu zu ordnen. Die Kammer will ihr Urteil am Montag, 21. Oktober, verkünden. (ks)

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