Bürgermeister verteilt Impftermine für Protestler

Corona-„Spaziergänge“ in Rotenburg, Bad Hersfeld und Heringen

Treffpunkt Lullusbrunnen: Auch in der Bad Hersfelder Fußgängerzone trafen sich am Montagabend erneut selbst ernannte Spaziergänger, die damit ihren Unmut über die Corona-Maßnahmen der Regierung zum Ausdruck bringen wollten. Begleitet wurde der offiziell als Versammlung eingestufte Zug von der Polizei.
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Treffpunkt Lullusbrunnen: Auch in der Bad Hersfelder Fußgängerzone trafen sich am Montagabend erneut selbst ernannte Spaziergänger, die damit ihren Unmut über die Corona-Maßnahmen der Regierung zum Ausdruck bringen wollten. Begleitet wurde der offiziell als Versammlung eingestufte Zug von der Polizei.

Aus Protest gegen die Corona-Maßnahmen haben sich am Montagabend in Rotenburg, Bad Hersfeld und Heringen insgesamt mehr als 300 Menschen zu „Spaziergängen“ getroffen. 

Hersfeld-Rotenburg – Sie kamen in Jogginghosen ebenso wie im feinen Mantel, als Paar oder in Gruppen, hatten Kinder und Hunde dabei: In der Kreisstadt Bad Hersfeld kamen am Montagabend ebenso wie in mehreren anderen osthessischen Kommunen erneut zahlreiche Menschen zu nicht angemeldeten Versammlungen zusammen. Die Teilnehmer selbst sprechen von Spaziergängen.

Auch in Rotenburg und Heringen gab es solche Zusammenkünfte, in Bebra soll wohl am Donnerstag eine ähnliche Aktion stattfinden.

„Ist heute mehr Polizei da? Gut so“, sagt eine unbeteiligte Passantin in Richtung der Ordnungshüter, als sich die ersten „Spaziergänger“ in der Nähe des Lullusbrunnens eingefunden haben, und fügt noch hinzu: „Aber letzte Woche waren es mehr Teilnehmer.“ Tatsächlich scheint die Gruppe im Bereich Klausstraße/Weinstraße zunächst eher klein, nach und nach schließen sich aber offenbar immer mehr Menschen dem Gang durch die Innenstadt an, der unter anderem entlang des viel befahrenen Stadtrings führt. Einige Autos und Busse müssen warten, als die Polizei den Tross über die bereits wieder rote Fußgängerampel geleitet.

Der „Spaziergang“ ist diesmal offiziell als Versammlung eingestuft worden – zum Schutz der Öffentlichkeit, aber auch der Versammlung selbst, wie die beiden Vertreter der Bad Hersfelder Ordnungsbehörde erläutern, die ebenfalls vor Ort sind. Per Durchsage weist die Polizei immer wieder auf die nun geltenden Auflagen wie 1,50 Meter Abstand zu anderen Haushalten und Maskenpflicht hin.

Von etwa 230 Teilnehmern in Bad Hersfeld spricht die Polizei am nächsten Morgen, es dürften aber noch deutlich mehr gewesen sein. Eine Steigerung im Vergleich mit letzter Woche verzeichnete jedoch auch die Polizei.

Es ist ein weitgehend stiller Protest ohne Plakate oder Sprechchöre. Nur vereinzelt ist mal ein „Freiheit und Souveränität“ zu hören. Die meisten „Spaziergänger“ schweigen oder plaudern über dies und das, um die Corona-Pandemie und die von der Regierung beschlossenen oder diskutierten Maßnahmen geht es kaum. „Nur weil ich in der AfD bin, bin ich doch kein Nazi“, echauffiert sich ein Mann mittleren Alters, er habe auch nichts gegen „Schwuchteln“, die könnten ja von ihm aus machen, was sie wollten. Zwei Herren ein paar Meter weiter vorn, aber noch in Hörweite rollen angesichts dieses „Niveaus“ eher mit den Augen.

Bei der Kontrolle seiner Personalien am Rande des Marktplatzes hat ein Mann offenbar kein Ausweisdokument dabei – dafür eine Kiwi in der Jackentasche, die er den Polizisten präsentiert, als diese ihn erneut auffordern, bitte die Hände aus den Taschen zu nehmen.

In Rotenburg trafen sich rund 70 Frauen und Männer auf dem Marktplatz, darunter auch der AfD-Kreistagsabgeordnete Gerhard Schenk aus Bebra sowie sein Fraktionsvorsitzender Dr. Kurt Gloos. Schenk hatte im Vorfeld per E-Mail-Rundbrief zur Teilnahme aufgerufen. In seinem vielfach verschickten Schreiben heißt es: „Spazierengehen an der frischen Luft fördert die Durchblutung und stärkt damit sowohl das Immunsystem als auch die Denkfähigkeit.“

Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald (CDU) überrumpelte die bis zum Start Wartenden, in dem er ihnen Zettel mit den nächsten Impfterminen in die Hand drückte. Er stellte sich auch der Diskussion, die allerdings nicht immer sachlich verlief.

Abschluss der Veranstaltung: Am Ende des „Spaziergangs“ trafen sich Teilnehmer wieder auf dem Rotenburger Marktplatz. Einige hatten sich schon früher verabschiedet.

Die Polizei hatte die Teilnehmer zu Beginn darüber informiert, dass die vermeintlich einfachen „Spaziergänge“ nun als Versammlungen nach dem Versammlungsgesetz gewertet würden und angemeldet werden müssen. Die Ordnungshüter seien zum Schutz der Teilnehmer da und begleiteten sie auf der Runde durch die Stadt. Dazu müssten sie zuvor über die Versammlung informiert sein.

Die Teilnehmer wurden aufgefordert, einen Mindestabstand von 1,50 Meter zueinander einzuhalten und – sollte dies an einigen Stellen nicht möglich sein – eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Über eine Stunde zogen Teilnehmer durch die Stadt, teilten sich auch in Gruppen mit unterschiedlichen Routen auf, bevor sie wieder auf dem Marktplatz eintrafen.

Und auch das gab es: Ein Ehepaar wollte an diesem Abend ein anderes Zeichen setzen und stellte sich mit einem Schild auf den Platz: „Bitte lasst euch impfen“. „Freiheit – jeder kann für sich entscheiden“, schallte es zurück.

„Bitte lasst Euch impfen“: Ein Ehepaar wollte in Rotenburg ein Zeichen für die große Mehrheit setzen.

In Heringen versammelten sich am Montagabend laut Polizei rund 20 Personen im Innenstadtbereich.

Laut Polizeisprecher Patrick Bug vom Präsidium Osthessen sind alle Versammlungen weitestgehend störungsfrei und ohne besondere Vorkommnisse verlaufen. In Bad Hersfeld sei ein Fall von Beleidigung aufgenommen worden. (Nadine Meier-Maaz/Silke Schäfer-Marg)

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