Bad Hersfelder Festspiele

Premiere von Peer Gynt: Von einem, der sich neu erfindet

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Führt gerne das große Wort: Peer Gynt, der von Christian Nickel wort- und gestenreich dargestellt wird.

Bad Hersfeld. Die Bad Hersfelder Festspiele 2018 wurden mit Henrik Ibsens "Peer Gynt" in einer mutigen Inszenierung von Robert Schuster eröffnet. Dafür gab es viel  Beifall.

Willkommen im Blu Beach Club. Während das Publikum noch in die Stiftsruine strömt, vollführt Simone Kabst in ihrer Rolle als Senni hochkonzentriert schwierige Yogaübungen. Dieser „Peer Gynt“ spielt nicht in der norwegischen Einöde, sondern auf einem „Expeditionsdampfer auf der Suche nach sich selbst“. Und hier gibt Dr. Brigitte Begriffenfeld (Nina Petri) den Ton als, als Ärztin, Hoteldirektorin, Moderatorin, Irrenhausleiterin.

„Peer Gynt, du lügst“, stellt sie gleich zu Beginn klar. Doch tut er das? Vor den Augen und Ohren des Publikums entfaltet sich ein Panoptikum aus wilden Geschichten, Kindheits- und Jugenderinnerungen, Selbstherrlichkeit und Unsicherheit und immer wieder der Frage „Wer bin ich eigentlich?“

Keine festen Bindungen

Zu sehen ist der kleine Peer Gynt, der weiß, dass er seine Mutter immer wieder enttäuscht mit seiner überfliegenden Fantasie und seinen tollen Geschichten, der aber vom meist abwesenden Vater genau darin unterstützt wird. Und dann der Mann, der jede Frau nimmt, die er kriegen kann, festen Bindungen aber aus dem Weg geht und der schließlich immer mit der Frage konfrontiert wird, ob das, was er bisher getan hat, auch gut war und wo er eigentlich noch hin möchte.

Regisseur Robert Schuster hat Henrik Ibsens Stück für seine Inszenierung komplett auseinandergenommen, neu zusammengefügt und in die Gegenwart versetzt. All das wirkt wohl durchdacht und gut konzeptioniert, war für viele Zuschauer aber nur in Ansätzen verständlich. Einige gingen bereits in der Pause, andere waren zwar begeistert von der schauspielerischen Leistung, aber ein wenig ratlos. Modernes Theater in dieser Konsequenz war bisher in der Stiftsruine noch nicht so oft zu sehen.

Gefangen in der Welt der (Internet-)Trolle: Peer Gynt (Christian Nickel, Bildmitte) will sein Menschsein nicht aufgeben und auch die Trollprinzessin (Corinna Pohlmann, rechts) nicht heiraten und soll deshalb sterben.

Die Suche nach dem Kern, dem eigenen Ich, dem Sinn findet in dieser Inszenierung ganz zeitgemäß in Gruppen statt, bei Rollenspielen, beim Tanzen und zwischendurch gibt’s ein wenig Luxus. Und dann bietet das Internet unbegrenzte Möglichkeiten dazu, sich ständig neu zu erfinden, etwas vorzuspiegeln, was man nicht ist, aber vielleicht sein möchte und sich letztlich auch in den Tiefen des Netzes zu verlieren. Folgerichtig leben dort auch die Trolle – und nicht in Höhlen im Wald.

Mobile LED-Wände

Wichtiges Hilfsmittel für die Rückblenden und die Reisen in verschiedene Welten sind zwei große LED-Wände, die mobil als Bühnenbild (Jens Kilian) eingesetzt werden und mit verblüffenden optischen Effekten faszinieren. An den norwegischen Wald gemahnen nur die Holzstämme, die in der Apsis quer liegen und schließlich donnernd nach vorne auf die Bühne rollen.

Aus dem durchweg hochkarätig besetzten Ensemble stechen vor allem Christian Nickel und Nina Petri hervor.

Nickel schafft es, dem großspurigen, rücksichtlosen, egomanen Peer Gynt auch nachdenkliche, ja sogar sympathische Züge zu verleihen und eine vielschichtige Figur zu zeigen. Und Nina Petri ist als Dr. Begriffenfeld sein rationaler Gegenpart. Zudem spielt sie als Aase eine überforderte Mutter für den jungen Peer, die sich schließlich im Alter mit anrührender Intensität von ihm verabschiedet.

Nina Petri als Dr. Begriffenfeld.

Gegenentwürfe zur lauten, spielerischen Selbstsuche sind zum einen Leena Alams Solveig, die einfach sie selbst ist, geradlinig und ernsthaft und bedingungslos zu Peer Gynt steht und Anouschka Renzis Anitra, eine geheimnisvolle Frau ohne Seele.

Mit großer Spielfreude und Wandlungsfähigkeit sind Pierre Sanoussi-Bliss, André M. Hennicke, Tilo Keiner, Maximilian Wigger und Thorsten Kublank in verschiedenen Rollen zu sehen, als Peer Gynts Freunde, Trolle oder Bewohner eines Altenheims. Und auch Corinna Pohlmann begeistert als eigenwillige Trollprinzessin. Ein würdiger Trollkönig ist Andreas Schmidt-Schaller, während Claude-Oliver Rudolph einen sehr norddeutschen Kapitän gibt.

Beeindruckend die Leistung von Gloria Iberl-Thieme, die der Puppe Peer Stimme und Ausdruck verleiht.

Gloria Iberl-Thieme verleit der Puppe Peer Stimme und Ausdruck.

Bemerkenswert sind zudem die Kostüme von Clarissa Freiberg, die zum Beispiel den Trollen Masken mit den Gesichtszügen ihres Königs verordnet hat und die vielseitige, stimmungsunterstützende Musik von Jörg Gollasch.

„Ich lüge nie“, behauptet Peer Gynt am Anfang, muss dann aber am Schluss ganze Pyramiden von Lügen einräumen. Wie auch immer: Auf jeden Fall gab’s lang anhaltenden, lautstarken Beifall, zu dem sich viele von ihren Plätzen erhoben.

Szenenfotos: Peer Gynt bei den Bad Hersfelder Festspielen

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