Unterwegs auf der Via Francigena

Pilgerweg durch Italien: Sie war dann mal weg

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Johanna Heiderich zeigt stolz ihren Pilgerpass mit den Stempeln aller besuchten Orte. Auch eine Urkunde hat die 25-Jährige erhalten.

Pilgern wollte Johanna Heiderich aus Bad Hersfeld immer schon mal. Während sie in Italien unterwegs war, brach die Corona-Krise mit voller Wucht aus.

Zuhause am Küchentisch breitet Johanna Heiderich ihre Pilgerurkunde aus und entfaltet den Pilgerpass mit den bunten Stempeln. Im Februar hatte sich die 25-Jährige aus Bad Hersfeld auf den Weg gemacht, von Siena nach Rom. Die erste geplante Etappe auf der Pilgerroute Via Francigena ging Richtung Süden. Mindestens einen Monat wollten Johanna und ihre Begleiterin auf den Spuren der mittelalterlichen Pilger wandern. Doch die Corona-Krise machte den Plan zu Nichte.

„Als wir im Februar aufgebrochen sind, war der Virus noch kein akutes Thema in Italien“, erinnert sich Johanna Heiderich. Erst einmal stand die 25-Jährige vor ganz alltäglichen Reiseproblemen. Was muss eingepackt werden, wie wird das Wetter und wer kommt mit? Pilgern wollte Heiderich schon lange, Anfang des Jahres ergab sich schließlich eine Gelegenheit, als sie ihren Beruf als Erzieherin an den Nagel hängte und nun eine Kochausbildung anstrebt. Auch eine Pilgerpartnerin war schnell gefunden, über eine Reiseplattform im Internet lernte Johanna ihre Namensvetterin Johanna Werner kennen und beide schmiedeten Pläne über Routen und Unterkünfte. „Das war bei der Jahreszeit gar nicht so einfach, weil viele Pilgerherbergen erst im Sommer öffnen“, erklärt die Bad Hersfelderin.

Von Canterbury bis Rom: Die heutige Pilgerstrecke der Via Francigena wurde bereits 990 von Erzbischof Sigerich von Canterbury bewältigt.

Rund 200 dieser Wanderunterkünfte liegen allein in Italien an der insgesamt 1700 Kilometer langen Via Francigena, die von Canterbury in England bis zum Grab der Apostel Paulus und Petrus in Rom führt. Die Schlafplätze auf Spendenbasis sind in der Hochsaison heiß begehrt, oft müssen Pilger mehrere Nachtlager abklappern. „Wir haben aber im Februar noch niemanden auf der Strecke getroffen und auch die Unterkünfte waren leer“, sagt die Jungpilgerin. Wegen der kühlen Temperaturen hatten viele Herbergen allerdings geschlossen und die Reisenden mussten auf Hotels und private Unterkünfte ausweichen. Das machte die eigentlich mit bescheidenem Budget angesetzte Reise teurer.

Dafür nutzten die Pilgerinnen die gut ausgebaute Infrastruktur rund um die Via Francigena. „Überall gab es Bänke zum Ausruhen und Brunnen mit frischem Trinkwasser“, sagt Johanna Heiderich. Allerdings war so manche Wasserstation überschwemmt und schwer zu erreichen, die Trinkwassersuche wurde stellenweise im wahrsten Sinn des Wortes zum Balanceakt. „Man musste aufpassen, dass man nicht in den Brunnen fällt, das ist mir tatsächlich auch einmal passiert. Gut, dass es warm war“, erzählt die gelernte Erzieherin und muss lachen.

Rast für die Reisende: Johanna Heiderich ruht sich vor der 600 Ja hre alten Stadtmauer von Buonconvento aus. Die kleine Stadt liegt im Süden der Toskana. „Wir waren meistens von der Außenwelt und allen Nachrichten abgeschottet“, sagt die 25-Jährige aus Bad Hersfeld über ihre 200 Kilometer lange Pilgertour in Italien. Fotos: Johanna Heiderich/NH

Der steinige Weg vorbei an Schafherden, Zypressen, Thermalquellen und endlos scheinenden Feldern hielt noch mehr Kurioses für die deutschen Reisenden bereit. Auf dem steilen und staubigen Weg nach Aquapendente in der Region Latium lagen plötzlich dutzende Strohballen vor den Pilgern. Vorbeirasende Autos ließen die beiden zusammenzucken, und als dann noch ein Schild mit der Aufschrift „Rennbahn“ samt Ticketverkäuferin auftauchte, waren die Reisenden sich sicher, vom Weg abgekommen zu sein. Die Stadt Aquapendente hatte kurzerhand ein Autorennen auf einem Abschnitt der Via Francigena eröffnet. „Wir waren mitten in die Probefahrten für das Rennen am nächsten Tag geraten“, erzählt Heiderich.

Ernst wurde es dann bei der Rückkehr aus der Natur: In Rom machten sich bereits die Auswirkungen des Coronavirus bemerkbar. „Wir waren ja meistens von der Außenwelt und allen Nachrichten abgeschottet, auch weil wir keine anderen Pilger gesehen haben“, sagt die 25-Jährige. Mit Mundschutz gewappnet holten sich die Deutschen ihre Urkunde für die 200 Kilometer zurückgelegte Strecke ab. Dann siegte die Vorsicht und die Pilgerinnen flogen Ende Februar nach Malta. Ihre Italien-Reise brachen sie vorzeitig ab. „Da gab es an den Flughäfen schon Wärmesensoren, die Fieber messen, und überall stand Desinfektionsmittel.“ Nur wenige Tage zuvor hatte Italien begonnen, die ersten Städte abzuriegeln – unter anderem in der Lombardei, wo die Pilgerinnen kurz zuvor unterwegs waren. Mitte März flog Johanna Heiderich von Malta nach Nürnberg, einen Tag später wurde auf der Insel der erste Corona-Fall gemeldet.

Das Wasser der mineralhaltigen Quellen in Bagni San Filippo ist im Februar noch gefroren, glänzt aber das ganze Jahr über wie ein Opal.

„Ich hatte keine Angst, dass ich möglicherweise infiziert sein könnte, weil wir so abgeschottet waren“, sagt die 25-Jährige. Trotzdem kontaktierte sie schon auf der Rückfahrt das Bad Hersfelder Gesundheitsamt und ihren Hausarzt. „Aber alle haben uns beruhigt, so lange man keine Symptome hat, ist ohnehin nichts zu machen“, so Heiderich. Wenn die Corona-Krise überwunden ist, will sie eine längere Pilgerreise unternehmen. Das gehe auch, wenn man nicht gläubig ist, sagt die Bad Hersfelderin.

Von Kim Hornickel

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