Die weite Welt und wir

Neuer Rhythmus in Buenos Aires - Tobias Fisahn ist Lehrer in Argentinien

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Tobias Fisahn mit dem Argentinienflaggen-Denkmal am Dreiländereck Argentinien-Paraguay-Brasilien in Misiones, Nordargentinien. 

In unserer Serie „Die weite Welt und wir“ erzählen Menschen aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg, die im Ausland leben, ihre Geschichte. Heute Tobias Fisahn, der in Buenos Aires lebt.

Keine 300 Einwohner hat der Heimatort von Tobias Fisahn, der Bad Hersfelder Stadtteil Beiershausen. Gut drei Millionen Menschen sind es in Buenos Aires, wo er seit Februar dieses Jahres lebt und arbeitet.

Der 30-Jährige ist Lehrer im Auslandsschuldienst und unterrichtet in einer argentinischen Sprachdiplomschule. Angestellt ist er bei der Zentralstelle für Auslandsschulwesen. „Meine Schüler sind zwischen 15 und 18 Jahren alt und gehen in die Secundaria, was der deutschen Oberstufe entspricht“, berichtet Fisahn. Nach der zwölften Klasse verlassen die jungen Frauen und Männer die Schule mit einem Sprachdiplom, nicht wenige gehen dann zum Beispiel zum Studieren nach Deutschland. Ein Grund dafür ist laut Fisahn die Wirtschaftskrise in Argentinien.

Kommerzielles Zentrum: Das Bild oben zeigt Puente de Mujer in Puerto Madero, das kommerzielle Zentrum von Buenos Aires. 

Der Beiershäuser ist in Bad Hersfeld zur Schule gegangen, hat zuletzt aber zehn Jahre im Rhein-Main-Gebiet gewohnt. Studiert hat Fisahn in Mainz, sein Referendariat hat er anschließend an einer Berufsschule in Rüsselsheim absolviert. „Ich habe Englisch und Wirtschaft für kaufmännische Auszubildende unterrichtet“, erläutert der 30-Jährige, der nach einem weiteren Jahr als Berufsschullehrer jedoch den Wunsch verspürte, ins Ausland zu gehen. „Wenn nicht jetzt, in jungen Jahren und ohne eigene Familie, wann dann?“

Bei der Bewerbung für eine Stelle im Auslandsdienst habe er dann zwar Wünsche angeben können, aussuchen konnte er sich den Einsatzort aber nicht direkt. „Es gibt viele Stellen in Osteuropa, zum Beispiel in Sibirien und in der Mongolei“, so Fisahn. Südamerika aber habe er schon oft bereist, auch Praktika dort gemacht, zum Beispiel in Mexiko und Kolumbien. Seine guten Spanisch-Sprachkenntnisse waren ebenfalls von Vorteil.

Tobias Fisahn mit Schülern beim Finale von „Jugend debattiert“ in Buenos Aires, organisiert von der Zentralstelle für Auslandsschulwesen.

Von Argentinien hingegen habe er bis dato wenig Vorstellungen gehabt. „Ich habe sozusagen die Katze im Sack gekauft“, erzählt Fisahn lachend. „Aber ich dachte mir, mit einer Großstadt wie Buenos Aires kann man nichts falsch machen.“ Inzwischen hat er sich gut eingelebt und die Entscheidung auch noch nicht bereut. „Das ist eine gute Erfahrung“, meint er. In Buenos Aires pulsiere das Leben, nicht umsonst werde die Stadt häufig das Paris von Südamerika genannt. Es gebe viele Konzerte, die Bars hätten auch unter der Woche geöffnet, wobei neben der Arbeit natürlich nicht allzu viel Freizeit bleibe. Einiges vom Land gesehen hat Fisahn trotzdem schon, auch dank einiger Fortbildungen. Für zwei Jahre ist der Beiershäuser aktuell eingesetzt, eine Verlängerung sei für bis zu sechs Jahren möglich. „Der Rhythmus hier ist anders“, sagt Fisahn mit Blick auf das Leben in Argentiniens Hauptstadt. „Die Menschen essen abends erst spät und gehen auch erst sehr spät aus.“ Je nach Beruf halte man dafür am Mittag Siesta.

Ein Straßenmusiker in San Telmo, einem Künstlerviertel von Buenos Aires. 

Was deutlicher als in deutschen Großstädten auffalle, sei die soziale Ungleichheit, vor allem an den Rändern Buenos Aires’. Villas werden die Elendsviertel dort genannt. Ebenso deutlich sei die Kluft zwischen den politisch links ausgerichteten Bürgern und den marktliberalen. „Die Bevölkerung ist geteilt“, hat Fisahn festgestellt.

Extremer als in der Heimat sei zudem das Klima. So sei es im Sommer heiß, schwül und stickig, im Winter aber mitunter sehr kalt, zumal die meisten Wohnungen beziehungsweise Häuser keine Heizung haben und selten Doppelverglasung. „Da kommen einem auch zehn Grad sehr kalt vor“, sagt der 30-Jährige. Nach zehn Jahren in Wohngemeinschaften hat er in Buenos Aires eine Wohnung für sich. „Das ist hier auch so üblich. Man wohnt bei der Familie oder allein.“

Kulturell weise gerade Buenos Aires viele Ähnlichkeiten mit Europa auf. Vor allem italienische und deutsche Einflüsse seien gegenwärtig, etwa in Form von Restaurants oder Nachnamen. „Und viele Argentinier haben blondere Haare und blauere Augen als ich“, sagt Tobias Fisahn schmunzelnd.

Fast zum Erliegen komme das Leben in der eigentlich lebendigen Stadt während der zweieinhalb Monate Sommerferien. „Im Februar ist hier fast alles zu“, so Fisahn. Im Moment ist in Argentinien übrigens Frühling. Über Weihnachten kommt die Familie aus Beiershausen zu Besuch, dann wird bei sommerlichen Temperaturen gefeiert, freut sich der Auswanderer auf Zeit.

Steckbrief Argentinien: 

Ländername: Argentinische Republik (República Argentina)

Fläche: 2,78 Millionen Quadratkilometer, Argentinien ist damit das zweitgrößte Land Südamerikas 

Hauptstadt: Buenos Aires, über 3 Mio. Einwohner; im Großraum Buenos Aires leben knapp 15 Mio. Menschen 

Bevölkerung: rund 44,3 Mio. Einwohner; im 19. und 20. Jahrhundert war Argentinien Einwanderungsland mit Einwanderern vorwiegend italienischer und spanischer Abstammung, circa 2 Prozent indigener Abstammung, circa 2 Mio. Deutschstämmige

Landessprache: Spanisch

Religion: Katholiken circa 74 Prozent, Protestanten 9 bis 10 %, Juden unter 1%, Muslime gut 1%, andere Glaubensrichtungen 4%, circa 10% sind Atheisten 

Geografie: Die Landschaft ist vielfältig – mit den Gletschern, Vulkanen und Seen der Anden und den Steppen und Graslandschaften Patagoniens 

Nationaltag: 25. Mai (1810), Revolutionstag, „Tag des Vaterlandes“ (Sturz des spanischen Vizekönigs)

Regierungsform: Präsidialdemokratie, Bundesrepublik Staatsoberhaupt: Mauricio Macri (Präsident). (Quelle: Auswärtiges Amt)

Von Nadine Maaz

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