„Umstieg vom Auto ist eine große Baustelle“

Neuer NVV-Chef kommt aus Wildeck: Steffen Müller im Interview

Steffen Müller Nordhessischer Verkehrsverbund, Geschäftsführer.
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Es geht um die Anschlusssicherheit: Steffen Müller, Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbundes, ist mit der Situation im Kreis bestens vertraut. 

Der Landkreis Hersfeld-Rotenburg ist im Verhältnis zu Fläche und Einwohnerzahl mit Öffentlichem Personenverkehr gut ausgestattet. Das sagt der neue NVV-Chef Steffen Müller.

Über den Öffentlichen Personennahverkehr im Landkreis Hersfeld-Rotenburg braucht man dem neuen Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV) nichts zu erzählen: Steffen Müller stammt aus der Gemeinde Wildeck. Wir haben mit ihm über Pläne, Probleme und Projekte seiner neuen Aufgabe gesprochen.

Welche Verkehrsmittel nutzt der Chef des NVV, wenn er unterwegs ist?

Für längere Strecken natürlich die Bahn, da kann man im Gegensatz zum Auto auch mal die Augen zumachen. In Kassel gerne auch Bus und Tram, aber ich nutze auch das Auto.

Aber bei Ihnen steht kein SUV in der Garage?

Nein, kein SUV (lacht). Nur eine klassische Familienkiste mit Kindersitz.

Haben Sie sich in Ihrer neuen Funktion ein bestimmtes Vorhaben auf die Fahne geschrieben, das Sie unbedingt umsetzen wollen?

Das eine große Einzelprojekt gibt es nicht. Aber es gibt die großen gesellschaftlichen Aufgaben, was die globale Erwärmung und die Digitalisierung angeht. Der NVV wird in der gegenwärtigen Diskussion um den Klimawandel als ein Problemlöser gesehen. Da sind wir im Deutschland-Vergleich mit schadstoffarmen Fahrzeugen gut aufgestellt. Wir wollen unser Angebot ausweiten, und da wird es meine Aufgabe sein, für eine dauerhafte Finanzierung zu sorgen. Es gibt noch viele Möglichkeiten, im Alltag unsere Angebote für den Kunden zu verbessern. Alle reden von Digitalisierung. Da geht es um Anschlusssicherung, da geht es um W-LAN in Bussen und Bahnen und um das NVV-Handyticket direkt beim NVV oder auch in der Navigator-App der Deutschen Bahn.

Schauen wir auf den Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Was läuft da gut, und wo hakt es noch?

Hersfeld-Rotenburg ist im Verhältnis zu Fläche und Einwohnerzahl mit Öffentlichem Personenverkehr gut ausgestattet. Vier große Bahnlinien, die sich in Bebra treffen, plus IC und ICE-Halt in Bebra und Bad Hersfeld. Zwar wird der Einzelne immer sagen, das könnte noch besser sein, aber es ist in der Vergangenheit schon sehr viel Gutes passiert wie zum Beispiel der Ausbau der Buslinien Richtung Treysa oder Bad Salzungen oder auch der Stadtbus in Bad Hersfeld. Was tatsächlich besser werden muss, ist die Verknüpfung. Unsere Kunden müssen sicher sein, dass sie ihre Anschlüsse erreichen – das gilt für die Hinreise wie für die Rückreise. Nur so kann der Umstieg vom Auto auf den ÖPNV klappen. Und da weiß ich, dass wir noch viel Luft nach oben haben.

Genau das wäre ein Kritikpunkt. Einerseits gibt der NVV eine Pünktlichkeitsgarantie, die andererseits aber auch bewirkt, dass der Anschluss an leicht verspäteten Fernverkehr nicht immer funktioniert. Am Ende schiebt einer die Schuld auf den anderen, und der Fahrgast ist der Dumme.

Machen wir es mal konkret: Der ICE wird auf den Cantus nicht warten. Umgekehrt gibt es zwar Möglichkeiten, aber das sind große Brocken. Da geht es auch um die Information an uns, dass Fahrgäste im ICE in den Cantus umsteigen wollen. Da sind wir wieder bei der Digitalisierung, an der gearbeitet wird. Im Kern wird es jedoch nicht nur auf die Technik, sondern auch auf die Menschen ankommen. Der Umstieg Nahverkehr-Fernverkehr ist für uns eine große Baustelle. Der Teufel steckt im Detail, und ich kann nur versprechen, dass ich mein Möglichstes tun werde, da Fortschritte zu erzielen. Mein Einfluss auf den großen Konzern Deutsche Bahn ist aber überschaubar.

Wie ist der Stand der Dinge beim W-LAN und bei der Bahn-App?

W-LAN werden wir machen, obwohl es sehr teuer ist. Ich denke, dass wir es in drei bis vier Jahren flächendeckend in unseren Fahrzeugen anbieten können. Und auch die Buchung über die Bahn-App ist ein Wunsch, doch da haben wir noch nicht alle Fragen geklärt.

Bei uns im Landkreis gibt es ja ein paar Spezialthemen, etwa die Neubaustrecke Fulda-Gerstungen oder auch den Bahnsteig in Lispenhausen. Wie steht der neue NVV-Chef dazu?

Also, wir vom NVV begrüßen es natürlich, wenn Eisenbahnnetze ausgebaut werden. Wir haben im Falle Fulda-Gerstungen ein großes Interesse daran, dass es einen guten Umstieg zwischen Nah- und Fernverkehr gibt. Die Bahn hat ja einen Haltepunkt Bad Hersfeld zugesagt, aber da wird sie angesichts von Topographie und Fahrzeiten noch einige kluge Ingenieure dransetzen müssen.

Da ist das Problem Lispenhausen vielleicht einfacher zu lösen.

Ja, dass der Bahnsteig erneuert wird, ist klar. Leider hat die DB die Maßnahme um ein weiteres Jahr auf 2022 verschoben. Dem NVV sind auch die kleinen Bahnhöfe wichtig. Wir kümmern uns.

Der Bahnhof Bebra ist von den Fahrgastzahlen der drittgrößte im Bereich des NVV nach Kassel-Wilhelmshöhe und Kassel-Hauptbahnhof. Bebra wurde und wird dank NVV und Stadt mit großem Aufwand ausgebaut. Die Bahn hat hier jedoch den Fernverkehr zuletzt stark reduziert. Hat der NVV eine Idee?

Wenn Sie mich so fragen, ja. Ich könnte mir vorstellen, dass hier das Angebot auf der Linie Kassel-Bebra-Erfurt durch Regionalexpresszüge ergänzt wird. Idealerweise mit Anerkennung der Tickets auch in IC und ICE. Das wäre ein echter Fortschritt.

Zur Person: Steffen Müller

Steffen Müller (41 Jahre) wurde in Kassel geboren und ist in Wildeck, wo sein Vater Willi viele Jahre Bürgermeister war, aufgewachsen. Sein Abitur baute er 1997 an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg und studierte anschließend Soziologie in Marburg. 

Müllers erste Arbeitsstelle war schon für kurze Zeit der NVV, ehe er gemeinsam mit Torsten Warnecke das Wahlkreisbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Roth betreute. Im Februar 2009 wechselte Müller erneut zum NVV in die Marketingabteilung. 2011 wurde er Personalchef, 2015 Prokurist. Seit dem 1. Oktober 2019 ist er Geschäftsführer. 

Müller lebt in Kassel, zieht aber bald nach Ahnatal im Landkreis Kassel. Er ist verheiratet und Vater einer 17 Monate alten Tochter. Seine Freizeit widmet er der Familie und Freunden, mit denen er gerne wandert. (ks)

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