Besucherzahl in Gottesdiensten sinkt

Neue Ideen gegen leere Kirchenbänke: Gemeinden suchen nach Konzepten

Leere Kirchenbänke: Die „normalen“ Sonntagsgottesdienste in den Kirchen sind oft schlecht besucht. Die Pfarrerinnen und Pfarrer blicken auf weitgehend leere Kirchenbänke, auch wenn sie sich viel Mühe mit der Vorbereitung des Gottesdienstes gegeben haben. Foto: nh

Hersfeld-Rotenburg. Leere Gottesdienste, sinkende Mitgliederzahlen, Gemeindezusammenlegungen, Pfarrermangel – auch im ländlich geprägten Landkreis Hersfeld-Rotenburg sind das Probleme, mit denen die christlichen Kirchen konfrontiert sind.

Zum Teil liegt das am demografischen Wandel: Die Älteren, häufig treue Kirchgänger, sterben und es kommen nicht in gleicher Zahl Junge nach. Sie sei seit zwölf Jahren Pfarrerin in Mecklar, Meckbach und Rohrbach und habe in dieser Zeit fünf Reisebusse voll Menschen beerdigt, sagt Pfarrerin Karin Ludwig-Heiderich. Im vergangenen Jahr hatte sie in ihren Gemeinden fünf Taufen und 35 Sterbefälle. Vielen Menschen ist die Kirche im Dorf wichtig, sowohl das Gebäude als auch die Angebote. 

Regelmäßig zum Gottesdienst gehen aber die wenigsten. In den Gemeinden wird deshalb überlegt, wie mit diesem Phänomen umzugehen ist. Liegt es an der Uhrzeit am Sonntagvormittag, liegt es an der traditionellen Form, liegt es an den Inhalten? Vor allem da, wo Pfarrerstellen weggefallen sind, ergab und ergibt sich die Notwendigkeit zur Veränderung. „Wir haben jetzt jeden Sonntag statt drei nur noch zwei Gottesdienste an unterschiedlichen Orten in Rotenburg und die Zeiten geändert. Am fünften Sonntag im Monat gibt es jeweils nur einen Gottesdienst, da experimentieren wir“, sagt Pfarrer Lars Niquet. Da gibt es Kirche am Radweg oder Taizé-Gottesdienste oder anderes. Neues wird auch in Mecklar, Meckbach und Rohrbach ausprobiert, zum Beispiel Gottesdienste mit dem neuen Gesangbuch oder Kinderkirche statt Erwachsenengottesdienst. Einen klaren Trend, was Menschen in die Kirchen bringt, haben aber weder Niquet noch Ludwig-Heiderich bisher ausmachen können. Höchstens das: Gottesdienste mit musikalischem Angebot sind häufig gut besucht.

Große Vielfalt an Gottesdiensten

„Die Vielfalt an Gottesdiensten in den meisten Gemeinden ist beträchtlich“, sagt Dekan Dr. Frank Hofmann. Er empfiehlt erst einmal eine Bestandsaufnahme, um zu sehen, was es gibt und wie es angenommen wird. Neben dem klassischen Gottesdienst am Sonntagvormittag gibt es Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien, charismatisch geprägte Lobpreisgottesdienste und Feiern am Abend, Taizé-Andachten oder Krabbelgottesdienste. Im Laufe des Kirchenjahres finden zahlreiche besondere Feiern im Vorfeld von und zu den Festen statt (Advent, Weihnachten, Ostern etc.) Es gibt Gottesdienste für Schulanfänger und zur Kirmes und natürlich Kasualgottesdienste (Taufen, Trauungen, Beerdigungen). 

Gottesdienste attraktiver machen

„Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das sagte Jesus seinen Jüngern, als er mit ihnen über das Leben in der Gemeinde sprach (Matthäus 18,20). In vielen Kirchengemeinden sind im normalen Sonntagsgottesdienst auch nicht viel mehr Gläubige. Das ist frustrierend für Pfarrer, Organisten und Küster, die Zeit und Mühe investieren, um den Gottesdienst vorzubereiten.

Dabei gilt der Gottesdienst als Zentrum der Gemeinde. Doch wie kann etwas Zentrum sein, an dem durchschnittlich nur etwa vier Prozent der Gemeinde teilnehmen? Dabei ist das Interesse an Kirche durchaus vorhanden. Wenn Spenden oder ehrenamtliche Helfer benötigt werden, dann gibt es in der Regel keinen Mangel an Freiwilligen. Und wenn besondere Gottesdienste oder „Events“ angeboten werden, dann kommen viele Menschen.

Dekanin Gisela Strohriegl

Gisela Strohriegl

Dass es dabei Wellenbewegungen gibt, ist den Pfarrerinnen und Pfarrern bewusst. Dekanin Gisela Strohriegl berichtet von überraschend vollen Kirchen am Reformationstag und geringerem Besuch an folgenden Sonntag.

„Wenn wir zu Sonntagen mit einem bestimmten Profil einladen, dann kommen die Leute in der Regel,“ sagt Strohriegl. Deshalb gebe es durchaus Überlegungen, vermehrt Zielgruppengottesdienste anzubieten. „Es sind zwar immer alle eingeladen, aber diese Zielgruppe, also zum Beispiel junge Familien oder Jugendliche, ganz besonders“, erklärt sie.

Die Dekanin wehrt sich auch gegen simple Erklärungsversuche, warum in einigen Dörfern die Kirchen voller seien als in anderen. Das habe nicht nur mit dem jeweiligen Pfarrer, sondern auch viel mit örtlicher Tradition und Prägung zu tun, betont sie.

„Ich persönlich hole mir im Gottesdienst die Kraft für meine Arbeit“, sagt Strohriegl und wünscht sich, dass wieder mehr Menschen diese Kraftquelle entdecken.

Pfarrer Bernhard Schiller

Bernhard Schiller

Besondere oder zielgruppenorientierte Gottesdienste bietet auch die katholische Kirche an. Pfarrer Monsignore Bernhard Schiller, Katholische Pfarrgemeinde St. Lullus Bad Hersfeld, Niederaula-Kirchheim, wehrt sich jedoch gegen Events, die zwar zahlenmäßig viele Menschen anlocken, aber nicht in die Tiefe gehen. „Wir müssen uns Mühe geben“, sagt er. „Mit Dienst nach Vorschrift können wir die Menschen nicht begeistern.“

Haben sich die umfangreichen Umstrukturierungen negativ auf die Gemeinden ausgewirkt? „Das pendelt sich aus“, sagt Schiller. Es gebe sowohl Menschen, die sich nun bewusster auf den Weg machen, weil sie das, was ihnen heilig ist, in Gefahr sehen. Für andere, bei denen der Faden ohnehin schon dünn geworden sei, sei Kirche nun nicht mehr greifbar und wie gewohnt erreichbar. Sie lösten sich ab.

Bernhard Schiller ist auch sehr bewusst, dass gerade die katholische Kirche sehr mit dem Verlust an Glaubwürdigkeit zu kämpfen hat. „Die Schönheit der Wahrheit muss wieder zum Leuchten gebracht werden“, sagt er.

Dekan Dr. Frank Hofmann

Frank Hofmann

Der Hersfelder Dekan Dr. Frank Hofmann sieht einen Grund für den nachlassenden Gottesdienstbesuch auch in einer Veränderung der gesellschaftlichen Konventionen. Die Sozialkontrolle auf dem Dorf sei nicht mehr so stark, sagt er. Und in Zeiten elektronischer Medien sei auch die Funktion des gemeinsamen Gottesdienstbesuchs als Nachrichtenbörse nicht mehr so wichtig.

„Man kann aber auch nicht ständig Events liefern“, ist sich Hofmann mit vielen anderen Pfarrern einig. Und er ist überzeugt, dass Gottesdienste nicht wegfallen werden, auch wenn es sicher weiterhin neue und vor allem auch kleiner Formen geben werde. „Ich ermutige die Pfarrer, Experimente zu wagen. Es kann auch sein, dass mal etwas nicht klappt“, sagt er. „Wir sind miteinander unterwegs“, erklärt seine Kollegin Gisela Strohriegl. „Es gibt kein fertiges Konzept.“ (zac)

Kommentare