Joern Hinkel übernimmt kommissarisch

Nach Missbrauchs-Vorwürfen: Dieter Wedel tritt als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurück

Bad Hersfeld. Dieter Wedel hat seinen Rücktritt vom Amt des Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele mit sofortiger Wirkung erklärt.

In einer ausführlichen persönlichen Stellungnahme begründete der 75-Jährige seine Entscheidung mit gesundheitlichen Problemen, die er auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs zurückführt.

Wedel hat Bürgermeister Thomas Fehling zugleich vorgeschlagen, die Aufgaben des Intendanten an seinen bisherigen Stellvertreter Joern Hinkel kommissarisch zu übertragen, bis ein neuer Intendant gefunden ist. Der Magistrat stimmte dieser Vorgehensweise am Nachmittag zu. Gleichzeitig stellte der Bürgermeister fest, dass die Festspiele 2018 nicht gefährdet seien. Unklar ist jedoch aktuell, was mit Wedels Inszenierung „Das Karlos-Komplott“ geschehen wird. Dafür wollte der Intendant eine Neufassung der Vorlage von Friedrich Schiller schreiben.

Derzeit befindet sich Dieter Wedel in einem Krankenhaus. Nach den Ereignissen der letzten Wochen ist er gesundheitlich angeschlagen. „Der Umfang und die Art und Weise der Beschuldigungen haben mich zutiefst verstört und erschüttert“, schreibt Wedel in seiner Erklärung. Er habe sich niemals vorstellen können, dass die Debatte über Machtmissbrauch gegen Frauen irgendwann auch ihn betreffen könnte.

Im „Zeit-Magazin“ hatten zwei ehemalige Schauspielerinnen Wedel bezichtigt, sie vor mehr als 20 Jahren bei Casting-Treffen in Hotelzimmern belästigt beziehungsweise vergewaltigt zu haben. Diese Vorwürfe hatte Wedel per einstweiliger Verfügung bestritten.

Jetzt höre er „von Menschen, denen fünfstellige Beträge für Aussagen gegen mich angeboten wurden.“ Andere vermeintliche Zeuginnen hätten in den letzten Tagen versucht, ihn zu erpressen. Wenn er ihnen nicht eine höhere Summe anböte als Verlage oder Zeitungen, würden sie ihn unabhängig vom Wahrheitsgehalt belasten, schreibt Wedel.

Bürgermeister Thomas Fehling bezeichnet Wedels Entscheidung als „schmerzlichen Schritt für die Festspiele und die Stadt“. Wedel habe es geschafft, innerhalb von drei Jahren die künstlerische Qualität der Bad Hersfelder Festspiele zu steigern und das Theaterereignis in der Stiftsruine mit namhaften und renommierten Schauspielern wieder bundesweit als Marke zu etablieren.“

Reaktionen auf den Rücktritt

Der Rücktritt von Dieter Wedel löste am Nachmittag organisatorische Konsequenzen aus und sorgte für teils emotionale Reaktionen. Nach Informationen unserer Zeitung wird Wedel wegen akuter Atemnot und Herzproblemen derzeit in einer Klinik in Deutschland behandelt. Der Magistrat der Stadt wünschte ihm alles Gute und eine rasche Genesung. In seiner Sitzung bedauerte das Gremium das Ausscheiden von Dieter Wedel und bedankte sich für dessen „herausragende Leistung und sein unermüdliches Engagement für die Stadt Bad Hersfeld.“ Am Mittwoch wollen sich Bürgermeister Thomas Fehling und die kaufmännische Geschäftsführerin der Festspiele, Andrea Jung, in einer Pressekonferenz über das weitere Vorgehen äußern. Nach Informationen unserer Zeitung ist die Saison bereits gut vorbereitet und viele Schauspieler verpflichtet. 

Helgo Hahn, Vorsitzender Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine, reagierte geschockt auf die Nachricht von Wedels Rücktritt: „Ich bin sprachlos“, sagt er. Wedel habe für frischen Wind gesorgt und das habe den Festspielen gutgetan, sagte Hahn und sprach von einem „gewissen Bedauern, weil die Handschrift des Intendanten jetzt erkennbar geworden sei. Wedels Stellvertreter traut er die Übernahme der Aufgaben zu: „Er kann es und muss es machen. Er steckt tief drin und ist in alle Vorgänge eingebunden.“ Eine Perspektive für die Festspiele ohne Wedel bleibe allerdings abzuwarten, meint Hahn. 

Aus dem Umfeld von Wedel verlautet, dass der Regisseur in den vergangenen Wochen nach Bekanntwerden der Sex-Vorwürfe auch viel Solidarität erfahren haben soll. Der Schauspieler Ilja Richter, der in den beiden vergangenen Festspiel-Spielzeiten im Musical „My Fair Lady“ mitwirkte, erklärte gegenüber unserer Zeitung: „Der Fall Wedel ist kein Fall Weinstein! Und Dieter Wedels öffentliches Eingeständnis, Menschen verletzt zu haben und das auch zu bedauern, ist noch kein Geständnis eines Triebtäters. Im Zweifel für den Angeklagten? Richtig! Vor allem bei Vorverurteilung. Also: Im Zweifel für den Wedel! Ohne Zweifel beendet da ein großer Mann eine großartige Arbeit – und das gilt weiß Gott über Bad Hersfeld hinaus.“ 

Mathias Schlung, Darsteller im Festspiel-Musical „Titanic“, spricht von einem „Verlust für die Festspiele“. Dieter Wedel sei ein Mensch, der immer sehr polarisiert habe, in seiner Arbeit leidenschaftlich, oft ungerecht und nicht einfach gewesen sei. „Persönlich finde ich es trotzdem bedauerlich, dass diese Vorwürfe über die Presse verhandelt wurden und damit in der momentanen Stimmung automatisch ein Urteil gefällt wird“, sagte Schlung.

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