Mit der Stoppuhr im Unterricht

Lüften jetzt im Stundenplan: Schulen in Hersfeld-Rotenburg lösen neue Aufgabe unterschiedlich

Fensterdienst mit Stoppuhr: In der Klasse 05 GA an der Gesamtschule Obersberg hat Jessica Müller den zweiwöchigen Fensterdienst übernommen. Die Stoppuhr soll sicherstellen, dass wegen der Corona-Pandemie das Lüften alle 20 Minuten nicht vergessen wird. Laut Lehrerin Kathrin Hanstein klappt das bislang gut.
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Fensterdienst mit Stoppuhr: In der Klasse 05 GA an der Gesamtschule Obersberg hat Jessica Müller den zweiwöchigen Fensterdienst übernommen. Die Stoppuhr soll sicherstellen, dass wegen der Corona-Pandemie das Lüften alle 20 Minuten nicht vergessen wird. Laut Lehrerin Kathrin Hanstein klappt das bislang gut.

Fenster auf, Jacke an: Gelüftet wurde in den Schulen natürlich auch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie schon – nun aber mit System.

Hersfeld-Rotenburg – Seit der Unterricht nach den Ferien wieder begonnen hat, steht in den Schulen regelmäßiges Lüften auf dem Stundenplan. Die ersten Erfahrungen im Landkreis damit sind positiv – in vielen Klassen wurden Fenster- oder Lüftungsdienste eingerichtet, wo es jetzt schon zu kalt wird, kommen neben Jacken, Schals und Mützen auch Decken zum Einsatz.

Alle 20 Minuten soll in den Klassenräumen durchgelüftet werden, um Corona-Infektionen zu verhindern, empfehlen das Hessische Kultusministerium und das Umweltbundesamt. Das Staatliche Schulamt in Bebra hat diese Empfehlungen frühzeitig an alle Schulen gesandt. Für die Umsetzung und Organisation sind die Schulen aber selbst verantwortlich. „Die Schulen haben bisher alle Herausforderungen gut gemeistert, mit hohem Verantwortungsbewusstsein und großer Kreativität“, sagt die Leiterin des Schulamts, Anita Hofmann, mit Blick auf die Pandemie. Sie sei deshalb zuversichtlich, dass es auch beim Lüften keine größeren Probleme gibt und individuelle Lösungen gefunden werden. „Natürlich hat das regelmäßige Lüften Auswirkungen auf den Unterricht und dessen Gestaltung“, sagt Hofmann. „Aber ich denke, das ist machbar.“

Ähnlich äußern sich die befragten Schulleiter, und auch Kreisschulsprecherin Wiebke Maibaum sagt: „Prinzipiell läuft es gut.“ Sowohl Lehrer als auch Schüler würden auf die Einhaltung achten. „Wir müssen uns der Situation anpassen, es gibt aktuell keine andere Option.“ Der Großteil der Schüler sei froh, wieder in die Schule gehen zu dürfen. Nur an wenigen Schulen im Landkreis gibt es Räume ohne Fenster oder Fenster, die sich nicht öffnen lassen. Vom Kreis als Schulträger wurden indes erste Angebote für Lüftungsanlagen eingeholt. Außerdem gebe es Gespräche mit dem Land zur Anschaffung von CO2-Messgeräten.

Besorgte Anfragen von Eltern oder Beschwerden von frierenden Schülern hat es auch bei kälter werdenden Temperaturen bislang kaum gegeben. „Wir halten uns natürlich an den neuen Hygieneplan und die Empfehlungen“, sagt Karsten Backhaus, Leiter der Modellschule Obersberg. Als „Zeitwächter“ fungierten an der MSO die Klassensprecher oder Tutoren. In Bezug auf ausreichend warme Kleidung appelliert Backhaus gerade bei den älteren Schülern an die Selbstverantwortung: „Ich muss im Winter nicht in kurzer Hose kommen.“ Für alle Schüler praktische Decken anzuschaffen sei indes kaum aus eigener Tasche bezahlbar.

Nebenan, an der Gesamtschule Obersberg (GSO), bringen einige Schülerinnen bereits ihre eigenen Decken mit. Für das systematische Lüften wurde der ohnehin vorhandene Fensterdienst jetzt erweitert, den zwei Schüler immer für jeweils zwei Wochen übernehmen. „Die Schüler sind eifrig dabei, auch oder gerade die Jüngeren“, hat Schulleiterin Kerstin Glende festgestellt, die nach Ferienende auch per Lautsprecherdurchsage auf die neuen Regeln hingewiesen hat. Für die Schüler sei es eine gute Motivation, wenn sie eine gewisse Verantwortung übernehmen dürften, und es sei besser, während des Lüftens auf fünf Minuten Unterricht zu verzichten, als wenn die Schule komplett geschlossen werden müsste. Als Hilfsmittel sind an der GSO Stoppuhren und Handys im Einsatz. An der Grundschule in Ronshausen ist Leiterin Ute Wagner-Scheel ebenfalls zufrieden. „Die gesamte Schulgemeinde arbeitet gut mit, wir ziehen alle an einem Strang.“ Schließlich seien alle froh, dass die Schulen wieder geöffnet sind.

Zum Zwiebelprinzip bei der Kleidung rät die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Bebra, Anita Hofmann. Von Skiunterwäsche, wie sie angeblich Eltern schon nahegelegt worden sein soll, hält sie nicht viel. Die lasse sich schließlich nicht ohne Weiteres an- oder ausziehen, wenn es bei geschlossenem Fenster oder im Schulbus zu warm wird.

Im Landkreis gibt es laut Pressestelle nur wenige Unterrichtsräume, in denen sich die Fenster nicht öffnen lassen oder in denen keine Fenster vorhanden sind. „In der Gesamtschule Geistal gibt es zum Beispiel Fachräume, die ausschließlich über Oberlichter verfügen. Für den Unterricht kann hier aktuell aber auf andere Räume ausgewichen werden“, so Kreis-Sprecher Pelle Faust. Der Landkreis ist als Schulträger für die Ausstattung zuständig. In der Gesamtschule Schenklengsfeld gibt es wie an der GSO Unterrichtsräume, die über eine Lüftungsanlage verfügen, die einen ausreichenden Luftwechsel sicherstelle.

Der Fachdienst Schulen und Gebäude erstelle derzeit eine detaillierte Auflistung für das Land Hessen, das abfrage, an welchen Schulen ein unzureichender Luftwechsel gegeben sein könnte. Das Land will den Schulträgern zehn Millionen Euro für die Anschaffung von Luftreinigungsgeräten und ähnlichen Geräten zur Verfügung stellen, nun sollen die Details geklärt werden.

Auf Luftfilter setzt auch die Leiterin der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg, Sabine Amlung. Am Standort Bernhard-Faust-Straße, wo die Jahrgänge fünf und sechs untergebracht sind, lassen sich ebenfalls nicht alle Fenster öffnen. Alle Räume könnten damit sicher nicht ausgestattet werden, aber vor allem für Räume, in denen sich Schüler und Lehrer mit Asthma oder anderen Vorerkrankungen aufhalten, seien Lösungen wünschenswert.  

Lehrerverband warnt vor „Zusammenbruch“

„Wenn wir an den Schulen weitermachen müssen, wie bisher, ist der reguläre Schulbetrieb in Gefahr“, fürchtet Dr. Claus Wenzel, Kreisvorsitzender des Deutschen Lehrerverbands (DL) Werra-Meißner und Hersfeld-Rotenburg, mit Blick auf die aktuelle Gesamtsituation. „Lehrer und Schulleitungen drohen unter Dauerstress zusammenzubrechen“, so Wenzel in einer Pressemitteilung. Weiter heißt es darin: Lehrkräfte leisten zusätzliche Aufsichten, unterstützen Kollegen in Quarantäne bei der Betreuung ihrer Klassen, überwachen die Einhaltung von Hygienevorschriften. Schulleitungsteams ächzen unter erheblich gestiegenem Verwaltungsaufwand und vermissen dringend benötigte Entlastungen. „Wo bleiben weitere Maßnahmen für einen verbesserten Hygieneschutz?“, fragt er. Es gelte, Ausweichräume bereitzustellen, wenn Klassenzimmer nicht ausreichend gelüftet werden können. CO2-Messgeräte würden in Kombination mit elektronischen Luftreinigungsgeräten mehr Sicherheit geben und Acrylglasscheiben könnten das Infektionsrisiko senken. „Wenn der Regelbetrieb gesundheitsgefährdend ist, brauchen wir einen verlässlichen Mix aus Präsenz- und Onlineunterricht. Hierfür benötigen die Schulen auch die personellen und finanziellen Ressourcen. Die Diskussion um eine Verlängerung der Weihnachtsferien hilft nicht weiter. Dies würde zusätzliche Probleme und Verwaltungsarbeiten auslösen“, so Wenzel abschließend. 

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