Vor den Plädoyers

Im Missbrauchs-Prozess gegen 39-jährigen Bad Hersfelder ist auch Vergewaltigung denkbar

Für den Angeklagten kommt es möglicherweise nun härter als gedacht.
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Für den Angeklagten kommt es möglicherweise nun härter als gedacht.

Für den Angeklagten im Fuldaer Missbrauchs-Prozess kommt es womöglich noch heftiger als gedacht.

Vor den für heute geplanten Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung erwägt die 2. Große Strafkammer des Landgerichts mit ihrem Vorsitzenden Joachim Becker den rechtlichen Hinweis, eine der neun angeklagten Taten könne nicht nur als schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes, sondern auch als Vergewaltigung bewertet werden.

Der 39 Jahre alte Hersfelder ist angeklagt, zwischen Mai 2015 und November 2016 seine damals elf beziehungsweise zwölf Jahre alte Tochter durch Berührungen mit Fingern und Zunge an intimsten Stellen missbraucht zu haben. Der Handwerker schweigt zu den Vorwürfen.

Gleichzeitig hat die Kammer entschieden, dass die Glaubwürdigkeit der heute 15-Jährigen nicht, wie von Verteidiger Christian Kusche beantragt, durch ein psychologisches Gutachten untersucht werden soll. Die Würdigung der Aussage des Mädchens sei „die ureigenste Aufgabe des Gerichts“, begründete Becker die Ablehnung des Antrags. Das Opfer war am zweiten Verhandlungstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen worden und hatte unter Tränen die wesentlichen Teile der Anklage bestätigt. Weil das Mädchen bei seiner polizeilichen Vernehmung geschildert hatte, wie es sich bei einer Tat gegen die Zudringlichkeiten des Vaters zur Wehr gesetzt und diesen mit einem „Stop“ zum Aufhören aufgefordert hatte, kommt hier Paragraf 177 des Strafgesetzbuches – Vergewaltigung – in Betracht.

Seinen Beweisantrag hatte Anwalt Kusche mit „logischen Brüchen, Widersprüchen und Scheinerinnerungen“ in der Aussage der 15-Jährigen begründet. Diese leitete er aus den Angaben dreier Zeuginnen ab, darunter die aktuelle Partnerin des Angeklagten. Sie hatte versichert, nahezu jedes Wochenende bei ihrem Freund im Schlafzimmer der Hersfelder Wohnung genächtigt zu haben. Sexuelle Übergriffe gegen die Tochter hätte sie auf jeden Fall bemerkt. Auch berichtete die 30 Jahre alte Zeugin von einem „Frauengespräch“ mit der Tochter, in dem diese den Stiefvater einer Freundin ebenfalls sexueller Belästigungen bezichtigte. Vor der Polizei hatte die Zeugin allerdings noch ausgesagt, die Freundin der Tochter sei das Opfer gewesen.

Die Beschuldigungen gegen ihren Partner hätten sie zwar „geschockt“, doch habe sie diesen keinen Glauben geschenkt. Weil beide am nächsten Tag früh zur Arbeit mussten, seien sie ohne weitere Diskussion zu Bett gegangen.

Der Großteil der angeklagten Taten soll sich in der Wohnung des angeklagten Vaters in Bad Hersfeld ereignet haben. Hier verbrachten die Tochter und ihr drei Jahre jüngerer Bruder, die bei der geschiedenen Mutter und ihrem neuen Ehemann leben, jedes zweite oder dritte Wochenende. Zum Missbrauch soll es gekommen sein, als der Bruder schlief.

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