1. Hersfelder Zeitung
  2. Bad Hersfeld

Michael Sasse: Aus Obergeis stammender Kinderarzt  schlägt Alarm

Erstellt:

Von: Christine Zacharias

Kommentare

null
Michael Sasse, Leiter der Kinderintensivstation, spricht während einer Pressekonferenz in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zum Pflegenotstand. © Ole Spata/dpa

Bad Hersfeld/Hannover. – „Jeden Tag sterben Kinder, weil es zu wenige Pflegekräfte gibt.“ – Mit dieser Aussage hat Dr. Michael Sasse bereits mehrfach Aufsehen erregt.

Michael Sasse stammt aus Obergeis und ist seit 25 Jahren leitender Oberarzt der Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover.

Im vergangenen Herbst war er in mehreren Fernseh- und Radiosendungen zu Gast, kürzlich hatte die Wochenzeitung „Die Zeit“ mit einem halbseitigen Foto und einem ausführlichen Artikel das Thema aufgegriffen.

Dr. Michael Sasses Station ist nicht einfach irgendeine Intensivstation, sie ist, so schreibt die Bild-Zeitung, die größte ihrer Art in Deutschland. 1200 Patienten werden jährlich von 20 Ärzten versorgt. Von den 18 Betten könnten aber nur zwölf bis 15 genutzt werden, weil eben die Pflegekräfte fehlten. Im vergangenen Jahr seien 300 schwer kranke Kinder abgewiesen worden.

Allerdings, so betont Sasse, würden nie lebensbedrohte Notfallpatienten abgelehnt. Für sie werde immer eine Lösung gefunden, auch wenn dies oft mit erheblichem Aufwand verbunden sei. Er berichtet davon, dass Ärzte Stunden am Telefon verbringen, um für junge Patienten die richtige Klinik zu finden – Zeit die dann fehlt. Diese Situation sei zermürbend stellt Sasse fest. Schließlich sei er Arzt geworden, weil er Leben retten wollte. Auch für Eltern sei es unerträglich, wenn so lange nach einem Intensivpflegeplatz für ihr schwer krankes Kind gesucht werden müsse, ist sich der Kinderarzt bewusst.

Verändert hat sich nach seiner alarmierenden Aussage in den vergangenen Monaten „nicht wirklich viel“, sagt Sasse. Und er befürchtet, dass es noch viel schlimmer wird. Denn in den nächsten Jahren werden verstärkt Pflegekräfte aus den geburtenstarken Jahrgängen in Ruhestand gehen. Und Nachwuchs ist nicht in ausreichender Zahl in Sicht.

Schlechte Bezahlung und frustrierende Arbeitsbedingungen sieht der Kinderarzt als Hauptursache für den Mangel an Pflegekräften. Auch zeit- und arbeitsaufwendige Weiterbildungen würden nicht entsprechend honoriert. Der Arbeitsdruck sei enorm gestiegen, hat Sasse festgestellt. Immer mehr Patienten müssten in immer kürzerer Zeit gepflegt werden. In anderen Ländern sei die Personalausstattung deutlich besser. Nach einer Studie der Böckler-Stiftung muss sich in Deutschland eine Pflegekraft um durchschnittlich 13 Patienten kümmern. In der Schweiz und in Schweden ist das Verhältnis eins zu acht, in den Niederlanden eins zu sieben, in den USA sogar eins zu 5,3.

Viele Schwestern und Pfleger verließen den Beruf vorzeitig, weil sie anderswo bei angenehmeren Arbeitsbedingungen mehr verdienen könnten, hat Michael Sasse festgestellt. Und aus den Krankenpflegekursen erreiche nur ein kleiner Teil das Examen und gehe in den Beruf.

Die konzertierte Aktion Pflege der Bundesregierung, die zum Beispiel Personaluntergrenzen für besonders pflegeintensive Bereiche festgelegt habe, findet Michael Sasse sehr vernünftig. Ausreichend sei das jedoch noch nicht, befürchtet er.

Michael Sasse hat zudem einen Mangel an Wertschätzung für den Pflegeberuf festgestellt, einhergehend mit weniger Eigenverantwortung und einem Verlust an Selbstbewusstsein. Auch das müsse sich ändern, ist er überzeugt und befürwortet deshalb eine Akademisierung der Pflege, also ein Studium für die Ausbildung, so wie es in vielen anderen Ländern üblich ist.

Auch interessant

Kommentare