Montagsinterview

Michael Rudolph (DGB): „Spaltung löst keine Probleme“

Er mahnt zur Solidarität: Michael Rudolph, der seit Dezember 2017 DGB-Chef von Hessen-Thüringen ist. Foto: Swen Pförtner

Hersfeld-Rotenburg. Zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, sprach Kai A. Struthoff mit dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes Hessen-Thüringen, Michael Rudolph, der gebürtig aus Heimboldshausen im Kali-Revier stammt.

Herr Rudolph, der DGB stellt den Tag der Arbeit in diesem Jahr unter das Motto: Solidarität, Vielfalt und Gerechtigkeit. Das klingt etwas beliebig. Gehen Ihnen die konkreten Forderungen aus?

Michael Rudolph: Solidarität, Vielfalt und Gerechtigkeit sind für die Gewerkschaften universelle Werte, und um die geht es am 1. Mai. Das Motto ist in dieser Breite bewusst so gewählt, damit man die Forderungen darunter subsumieren kann.

Deutschland geht es derzeit so gut wie lang nicht mehr. Die Wirtschaft brummt, die Lohnabschlüsse sind sehr ordentlich. Brauchen wir da noch Gewerkschaften?

Rudolph: Klar brauchen wir noch Gewerkschaften! Nur uns gelingt es, über die Lohnverhandlungen den Wohlstand auch umzuverteilen. Gerade in Hersfeld-Rotenburg gibt es ein gutes Beispiel dafür, warum es bitter nötig ist, dass Gewerkschaften für die Mitarbeiter kämpfen: Amazon-Chef Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt, gleichzeitig bekommen die Amazon-Beschäftigten keine Tariflöhne. Gewerkschaften werden gebraucht, um die Beschäftigten dabei zu unterstützen, wenn sie ihre berechtigten Interessen durchsetzen.

Das versucht man bei Amazon mit immer neuen Streiks seit nunmehr fünf Jahren – und keiner merkt es. Werden die Gewerkschaften in einer globalisierten und digitalisierten Welt zum zahnlosen Tiger?

Rudolph: Die Herausforderungen werden anders. Es stimmt allerdings nicht, dass die Amazon-Streiks keiner bemerkt. Inzwischen wird auch an Standorten in Frankreich und Italien gestreikt. Amazon ist als hochdigitalisierter Betrieb dazu in der Lage, die Arbeit schnell zu verlagern. Gerade deshalb ist die Solidarität der Beschäftigten so wichtig, um mit ihrer Gewerkschaft in Tarifauseinandersetzungen über Standorte hinweg zu bestehen.

Aber das klassische Mittel der Gewerkschaften, der Arbeitskampf, scheint nicht mehr zu wirken?

Rudolph: Der Arbeitskampf wirkt schon. Die Lohnerhöhungen bei Amazon und die Weihnachtsgratifikation hätte es ohne die Streiks nicht gegeben. Das Unternehmen gibt das zwar nicht zu. Aber das Druckmittel Streik funktioniert. Das eigentliche Problem ist die Halsstarrigkeit von Amazon und die Geschäftsidee, in der Tariflöhne keine Rolle spielen. Und dafür bekommt der Amazon-Chef von der Springer-Presse auch noch einen Unternehmerpreis. Das ist ärgerlich!

Im Herbst sind wieder Landtagswahlen. Welche Kernforderungen haben die Gewerkschaften an die Landespolitik?

Rudolph: Das Thema ‘gute Arbeit’ gehört auf die Agenda der Landespolitik, genauso wie kostenfreie Bildung und die Stärkung des sozialen Zusammenhalts. Beim Stichwort gute Arbeit geht es darum, dass es der Politik noch nicht wirklich gelingt, die wirtschaftlichen Erfolge in Wohlstand für alle umzumünzen.

Was heißt das konkret?

Rudolph: Ein Beispiel dafür ist das Hessische Vergabegesetz, das mehr Kann- als Soll-Regelungen enthält, keinen vergabespezifischen Mindestlohn definiert und vor allem nicht kontrolliert wird. Das führt zum Beispiel dazu, dass es im Bauhauptgewerbe in Hessen die niedrigsten Durchschnittslöhne in ganz Westdeutschland gibt. Außerdem fordern wir, dass Wirtschaftsförderung künftig an soziale Kriterien gekoppelt werden muss. Wer als Arbeitgeber Tariflöhne und einen Betriebsrat hat, bekommt mehr Förderung, wer mehr als zehn Prozent prekäre Beschäftigung hat, bekommt gar keine Förderung.

Früher schritt der DGB mit der SPD "Seit an Seit". Momentan weiß die Sozialdemokratie nicht so recht, wo sie hin weil. Gibt es von Ihnen trotzdem eine Wahlempfehlung?

Rudolph: Vom DGB wird es keine Wahlempfehlung geben. Aber wir sprechen mit allen Parteien über unsere Anregungen, und das am liebsten, bevor die Parteien ihre Wahlprogramme aufstellen. Denn wir haben gute Ideen, wie man die Situation der Beschäftigten in unserem Land verbessern kann.

Das behauptet ja auch die AfD, die sich gern als Vertreter des „kleinen Mannes“ geriert.

Rudolph: Nur weil man behauptet, der Vertreter des kleinen Mannes zu sein, ist man das noch nicht. Im Gegenteil: Die Spaltung der Gesellschaft steht unserer Vorstellung von Solidarität zwischen den Menschen – egal, wo sie her kommen, welches Geschlecht sie haben oder was sie arbeiten – diametral entgegen. Die Probleme in diesem Land können nur gemeinsam gelöst werden und nicht durch Spaltung. Deshalb ist die AfD für uns kein Ansprechpartner.

Herr Rudolph, Sie sind seit gut 100 Tage Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen. Ist die Arbeitswelt seither besser geworden für die Werktätigen?

Rudolph (lacht): Na, vor allem hat sich meine Arbeitswelt verändert. Ich musste mich nicht zuletzt wegen der Landtagswahlen ganz schnell in viele Themen einarbeiten. Wir haben deshalb zunächst unsere inhaltlichen Beschlüsse in konkrete Forderungen an die Landespolitik formuliert. Meine Einarbeitung geschieht also quasi durch den Sprung ins kalte Wasser.

Sie kommen, wie einer Ihrer Vorgänger – Stefan Körzell, der jetzt im DGB-Bundesvorstand sitzt – aus unserem Kreis, aus Heimboldshausen. Sind wir hier so eine Art Hochburg der Arbeiterbewegung?

Rudolph: Im Kali-Revier bekommt man sehr schnell einen Kontakt zur Gewerkschaft. Das kannte ich schon von meinen Großvätern. Gerade im Kreis Hersfeld-Rotenburg ist die Gewerkschaft immer noch der Ort, wo Beschäftigte ihre Interessen gemeinsam mit anderen durchsetzen können.

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