Interview mit SPD-Politiker aus Bad Hersfeld

Michael Roth ist 20 Jahre im Bundestag: "Ich fühle mich sehr frei“

Hersfeld-Rotenburg. Vor 20 Jahren ist Michael Roth zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen. Wir sprachen mit dem SPD-Politiker über Erfolge, Fitness und Diplomatie.

Herr Roth, was war das für ein Gefühl, als Sie damals als noch dunkelhaariger „Jungspund“ das erste Mal im Plenarsaal Platz genommen haben?

Michael Roth: Ich war mächtig stolz und bewegt. Als Kind aus einer Bergmannsfamilie war mir dieser Karriereweg ja nicht in die Wiege gelegt. Ich fing damals noch in Bonn an, aber wir Jungen wussten, dass das zum Glück eine kurze Phase des Übergangs war. Mit Bonn bin ich nie richtig warm geworden. Ich habe mich so sehr auf Berlin gefreut. Die Stadt ist inzwischen meine zweite Heimat geworden. Dort ging alles neu los, und junge Abgeordnete waren nicht mehr im Nachteil gegenüber jenen, die lange die Bonner Republik prägten.

1998 hatten Sie 51,7 Prozent der Erststimmen, 2017 waren es 41,2 Prozent. Die SPD ist mit den Zweitstimmen in dieser Zeit von 40,9 auf 32,6 Prozent im Wahlkreis gesunken. Was ist in diesen 20 Jahren mit Ihnen und der Partei passiert?

Roth: 1998, dem Ende der Kohl-Ära, passte ich als junger Kandidat wie die Faust aufs Auge. Den ziemlich doofen Spruch: „Vom Hörsaal in den Plenarsaal“ hörte ich nur selten. In den vergangenen Jahren hat sich die Parteienlandschaft dramatisch verändert. Inzwischen gibt es mit der Linkspartei und nun auch der AfD zwei weitere Parteien. Das setzt der SPD stark zu. In den vergangenen Jahren ist der Abstand zwischen der Kandidaten- und Parteistimme größer geworden. Davon habe ich persönlich profitiert. Es ehrt mich, bundesweit immer noch eines der fünf besten Ergebnisse für die SPD erreicht zu haben.

Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?

Roth (denkt lange nach): Politik ist immer Teamwork. Ich freue mich, wenn ich einen bescheidenen Beitrag dazu leisten kann, dass unsere Region von Berlin aus unterstützt wird. Die Festspiele werden mehr denn je vom Bund gefördert, das gilt auch für die Trott-Stiftung, den Zoll oder das Ausbildungszentrum der Bundespolizei in Eschwege. Viele Förderprogramme des Bundes waren im Werra-Meißner-Kreis sehr hilfreich. Die Region hat sich sehr gut entwickelt, und doch geht mir manches noch viel zu langsam. Es enttäuscht mich zum Beispiel, wenn es trotz jahrelanger Bemühungen und voller Kassen beim Bund mit den Ortsumgehungen nicht vorangeht.

Wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten, was würden Sie anders machen – vielleicht gleich zu den Grünen gehen?

Roth: Nee, denn ich bin aus guten Gründen Sozialdemokrat. Die SPD passt am besten zu meiner Biografie und mir. Ich verdanke ihr so viel. Das heißt ja nicht, dass man nicht auch mal miteinander hadert. Mit meinem europapolitischen Schwerpunkt habe ich auf das richtige Thema gesetzt. Aber heute würde ich als junger Abgeordneter sicher anders mit manchen Kollegen umgehen. Ich war anfangs zu rabauzig und habe andere schnell spüren lassen, wenn ich das, was sie sagten, für Unsinn hielt. Ich wollte offen und ehrlich sein, das kam nicht immer so gut an. Ich bin kein Diplomat.

Hat Sie die Zeit im Bundestag verändert, oder sind Sie noch der „Michel“, der damals auszog, um die Welt zu retten?

Roth: Ich hoffe doch sehr, dass ich mich verändert habe. Denn die Welt um uns herum und die Politik hat sich ja auch teilweise dramatisch verändert. Aber ich bin immer noch ein neugieriger, ungestümer, zuweilen an sich selbst zweifelnder Mensch. Und ich versuche, meinen Grundüberzeugungen treu zu bleiben.

Als Politiker muss man einiges einstecken können, neben sachlicher Kritik auch oft Schläge unter die Gürtellinie, etwa in den sozialen Netzwerken. Wie geht man damit um?

Roth: Wenn ich im Wahlkreis unterwegs bin, begegnet man mir immer noch mit sehr viel Respekt, Offenheit und Freundlichkeit. Viele erkennen mich und sprechen mich an. Aber der rüde Ton und die Rhetorik des Hasses und der Verachtung im Netz machen mir zu schaffen – das gebe ich zu. Am besten wäre es, so manches einfach nicht zu lesen. Aber so bin ich nicht.

Sie haben sich auch vom Äußeren immer wieder verändert in diesen 20 Jahren. Wie wichtig ist das Aussehen für Sie?

Roth: Ich bin gerne fit und gut in Form. Deshalb hat es mir auch nicht gefallen, dass ich in meinen ersten Parlamentsjahren zugelegt habe. Aber ich habe offensichtlich die guten Gene meines Großvaters Heinrich geerbt, weshalb man mir die inzwischen 48 Jahre nicht so ansieht. Ich gehe sehr bewusst mit mir um: Wer hart arbeitet, muss auf sich achtgeben – aufs Essen, Sport treiben, genug schlafen. Ich wollte nie wie das Abziehbild eines Politikers wirken und nicht zum öden Phrasendrescher werden, wie ihn die Leute längst satthaben. Das scheint mir auch ein Grund für den derzeitigen Erfolg der Grünen zu sein: Sie erscheinen frischer, ungezwungener, offener und interessanter als meine alte Tante SPD.

Die alte Tante SPD neigt dazu, sich selbst zu zerfleischen. Sie selbst sind bislang glimpflich davon gekommen, aber verzweifelt man nicht zuweilen an der eigenen Partei?

Roth: Um die SPD zu verstehen, braucht man historische Kenntnisse. Unsere Partei wurde jahrzehntelang unterdrückt, hatte stets ein kritisches Verhältnis zur Macht. Das ist Teil unserer DNA, ebenso wie von Selbstzweifel geprägte Diskussionen. Um für die Wähler wieder attraktiver zu werden, müssen wir uns aber selbst mehr ver- und zutrauen. Ein Lächeln hilft bisweilen.

Sie sind 48 Jahre alt und haben noch nicht mal die Mitte eines möglichen Politikerlebens erreicht. Wie ist Ihre weitere Lebensplanung?

Roth: Ich habe als Abgeordneter immer nur einen Vierjahresvertrag, der allein von den Wählerinnen und Wählern verlängert werden kann. Deshalb muss ich alle paar Jahre selbstkritisch mit mir ins Gericht gehen. Man muss mit Leidenschaft dabei sein, und sicher sein, dass die schönen die schweren Momente überwiegen. Nach 20 Jahren fühle ich mich sehr frei – so frei, wie noch nie in meinem Leben. Wenn man so lange dabei ist, macht einen das auch gelassener und zuversichtlicher. Gott sei Dank! Vielleicht liegen meine besten Jahre ja noch vor mir.

Zur Person

Michael Roth wurde 1970 in Heringen geboren. Nach dem Abitur und dem Zivildienst absolvierte er ein Studium an der Goethe-Universität in Frankfurt, das er als Diplom-Politologe abschloss. Er trat als Schüler im Jahr 1987 in die SPD ein und ist seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit dem 17. Dezember 2013 Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Seit 2004 ist Roth zudem Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck. Roth ist seit 2012 mit seinem langjährigen Lebensgefährten verheiratet und lebt in Bad Hersfeld und Berlin. (kai)

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