Eingewanderte Tiere gefährden andere Arten

Mehr Waschbären im Kreis Hersfeld-Rotenburg erlegt

Hersfeld-Rotenburg – Die Abschusszahlen von Waschbären steigen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. 1404 Tiere wurden im vergangenen Jagdjahr 2017/2018 von Jägern erlegt.

Zum Vergleich: 2016/2017 wurden 1066 Tiere geschossen, 2015/2016 waren es 1262. Das erklärt der Landkreis auf Anfrage unserer Zeitung.

Wilfried Marchewka vom Kreisjagdverein Hersfeld sieht den Grund für die höheren Abschüsse in der vom Land Hessen 2016 verordneten Schonzeit für Jungwaschbären von März bis Ende Juli. Dadurch würde die Zahl der Tiere, die keine natürlichen Fressfeinde haben, weiter steigen. „Wir kriegen Anrufe von Menschen, denen die Waschbären die Hausdämmung wegfressen“, erzählt Marchewka. In Siedlungen, sogenannten „befriedeten Bezirken“, hätten Jäger aber kaum eine Handhabe, dort sei die Jagd nur mit einer Sondergenehmigung zulässig. „Die Jäger hoffen, dass die neue alte Regierung die Schonzeit für Waschbären wieder aufhebt“, so Marchewka.

Laut dem Landesjagdverband Hessen ist der Waschbär ein weiterer Beutegreifer, der heimischen Arten wie Rebhuhn, Feldlerche, Hase, Feldhamster und Kröten gefährlich werden kann. Auch Dr. Hans-Werner Führer vom Forstamt Rotenburg bestätigt das breite Beutespektrum und die Gefährdung einheimischer Populationen.

Heinrich Eigenbrod von der NABU-Ortsgruppe Bad Hersfeld ist überzeugt, dass die Verbreitung des Waschbären nicht mehr zu verhindern ist. „Er bedroht andere Arten, das sehen wir zum Beispiel bei den Amphibien“, sagt Eigenbrod. Der Abschuss sei ein zweischneidiges Schwert, eine „vernünftige Entnahme“ halte er aber für den richtigen Weg, um die Population zu begrenzen.

Hintergrund: Weniger Abschüsse in ganz Hessen

Im Jagdjahr 2017/2018 wurden laut dem Landesjagdverband Hessen (LJV) im gesamten Bundesland 28 089 Waschbären getötet. 2031 davon starben allerdings bei Verkehrsunfällen. Im Vergleich zum vorherigen Jahr sind 6651 Tiere weniger erlegt worden. 

Der LJV führt die niedrigeren Abschüsse ebenfalls auf die Hessische Jagdverordnung zurück, die Jungwaschbären unter Schutz stellt. „Hessen ist das Bundesland, in dem sich der Waschbär am stärksten ausgebreitet hat. 

Für eine effektive Reduzierung der Population ist eine ganzjährige Jagdzeit unter Beachtung des Elterntierschutzes notwendig“, sagt LJV-Sprecher Markus Stifter. Die effektivste Bejagungsmethode sei die Fangjagd. So könnten Waschbären auch gefangen werden, wenn der Jäger nicht im Revier sei.

Fragen und Antworten rund um den Waschbären:

Woher stammt der Waschbär eigentlich? 

Die Tiere kommen ursprünglich aus Nordamerika. Um 1900 kam der Waschbär nach Europa, in Deutschland entstanden 1920 die ersten Züchtereien – die Felle der Tiere sollten zu Pelzen verarbeitet werden. In Nordhessen wurden 1934 die ersten zwei Waschbärpärchen in der Nähe von Bringhausen am Edersee ausgesetzt. 

Wie viele der Tiere gibt es in der Bundesrepublik? 

Das Bundesamt für Naturschutz geht davon aus, dass in Deutschland derzeit 1,4 Millionen Waschbären leben. In den kommenden Jahren könnte die Population auf fünf Millionen steigen. 

Warum verbreiten sich die Tiere so stark? 

Der Waschbär hat keine natürlichen Feinde und ist ein Allesfresser. Laut Markus Stifter vom Landesjagdverband Hessen konnte zuletzt beobachtet werden, dass die anpassungsfähigen Kleinbären auch Lebensräume besetzen, die zuvor als nicht geeignet für sie galten. „Sie besiedeln nicht mehr nur Wald und gewässerreiche Habitate“, erklärt Stifter, sondern würden auch immer häufiger in der Ebene und in Gebieten mit Feldern leben. Besonders problematisch sei die Besiedelung dieser Agrarlandschaften, denn dort sei es in den vergangenen Jahren unabhängig vom Waschbär zu einem dramatischen Artenschwund gekommen. 

Was macht den Waschbären zum Problembären? 

Das Brutverhalten vieler Vogelarten verändere sich bereits durch die Anwesenheit des Waschbären in den Brutrevieren. So könnten die Muttertiere von Rebhuhn, Kiebitz und Feldlerche zum Beispiel weniger Nahrung in die Nester bringen, da sie mit jedem Weg oder Anflug den Standort verraten würden. Laut dem Landesjagdverband benötigen aber vor allem Vögel, Feldhasen und Feldhamster in den Frühjahrs- und Sommermonaten Schutz vor ihren Feinden.

Ist das Problem mit Jagd allein zu lösen? 

Laut dem Landesjagdverband ist die effektivste Jagdmethode der Fang mit einer Falle. Dadurch könnten die nacht- und dämmerungsaktiven Tiere auch dann geschnappt werden, wenn sich der Jäger nicht im Revier befindet und damit die Fangzahlen erhöht werden. Ein automatischer Melder benachrichtigt die Jäger darüber, dass die Falle zugeschnappt ist. Diese Fallensysteme seien laut Markus Stifter vom Landesjagdverband Hessen mit rund 1000 Euro pro Stück aber sehr teuer. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Hessen (BUND) vergleicht die Situation der Waschbären in Deutschland mit der unkontrollierten Ausbreitung der Kaninchen in Australien. Das sei ein Beispiel dafür, dass die Bestände von Arten, die in fremden Kontinenten ausgesetzt werden, sich trotz riesigem Aufwand nicht mehr kontrollieren ließen. In der Bundesrepublik Deutschland sei die Jagd jahrzehntelang unbegrenzt möglich gewesen, die Zunahme der Waschbärpopulation aber dennoch nicht zu stoppen gewesen. 

Wie können Tiere ohne Jagd vor den Bären geschützt werden?

Laut Thomas Norgall, dem stellvertretenden Landesgeschäftsführer des BUND Hessen, seien Zäune eine Alternative zur Jagd. „Dort, wo Probleme bei gefährdeten Arten festgestellt werden, sollten kleinräumig Schutzmaßnahmen erfolgen. Die Laichgewässer der Gelbbauchunke lassen sich zum Beispiel durch Elektrozäune schützen“, ist Thomas Norgall überzeugt. (mmo)

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