Lieferservice boomt

Mehr Arbeit für Apotheker: Beratungs- und Bürokratieaufwand steigt durch Corona-Krise

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Abstand halten: Das gilt natürlich auch in den Apotheken, wie hier in der Brückenapotheke in Heringen. Am Verkaufstresen ist eine Plexiglaswand installiert worden. 

Zwar hat der Kundenansturm mit den Ausgangsbeschränkungen in vielen Apotheken nachgelassen, weniger zu tun haben die Mitarbeiter nun aber nicht – im Gegenteil.

So sei etwa der Beratungs- und Bürokratieaufwand spürbar gestiegen, außerdem werde der Lieferservice verstärkt nachgefragt. Gleichzeitig wird natürlich auch in den Apotheken versucht, Kunden und Beschäftigte so gut wie möglich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, was in einigen Geschäften veränderte Dienstpläne zur Folge hat. 

Und: In den allermeisten Apotheken wird inzwischen auch Desinfektionsmittel hergestellt, das vorrangig an Arztpraxen und Pflegeheime herausgegeben wird. Von einer „unangenehmen Gemengelage“ und einer starken Belastung im Hintergrund spricht etwa der Heringer Apotheker Stefan Göbel. Weil weiterhin zum Beispiel nicht alle Medikamente immer oder in der üblichen Stärke verfügbar seien, bestehe verstärkter Beratungs- und Rücksprachebedarf mit allen Beteiligten, so Göbel. Das bestätigt nicht nur sein Kollege Matthias Holzapfel, der Apotheken in Bad Hersfeld und Ludwigsau betreibt. Lieferengpässe gab es schon vor Beginn der Coronakrise und zum Höhepunkt der Pandemie in China waren es vor allem Antibiotika, die zu Neige gehen drohten, weil diese fast nur noch dort produziert werden. „An der Situation hat sich nicht viel geändert und wir müssen wohl davon ausgehen, dass Engpässe eher zunehmen“, fürchtet der Bebraer Apotheker Michael Heise. 

Aktuell werde der schmerzlindernde und fiebersenkende Arzneistoff Paracetamol knapp, weshalb dieser nur noch beschränkt herausgegeben werden soll. Paracetamol-Säfte für Kinder seien fast gar nicht mehr zu bekommen. Viel Arbeit haben alle befragten Apotheker auch mit einer zunehmenden Flut an Rezepten, die per Fax aus den Praxen kämen. Nicht nur, dass die Medikamente dann direkt an die Patienten ausgeliefert werden müssen, die Originale müssen ebenfalls noch eingesammelt werden. Verstärkt genutzt wird der Botenservice zurzeit aber auch von anderen Kunden, die persönliche Kontakte vermeiden wollen.

Landesapothekerkammer: Nicht hamstern

Die Apotheke vor Ort ist unverzichtbar, lautet eine aktuelle Pressemitteilung der Landespothekerkammer. Das zeige sich in der Covid-19-Krise deutlicher denn je. Viele Menschen nutzten das niedrigschwellige Beratungsangebot und auch wenn auf den Apothekern großer Druck laste, sei die flächendeckende und wohnortnahe Arzneimittelversorgung sichergestellt. Gleichzeitig rät die Kammer dringend von Hamsterkäufen ab. Medikamente auf Vorrat verfallen und fehlen anderswo.

Spuckschutz einfach selbst gemacht

 Drei Fahrzeuge mehr als sonst werden für den Lieferdienst zurzeit in der Bad Hersfelder Schwanen-Apotheke eingesetzt. „Gerade viele ältere Kunden rufen nun lieber an und möchten sich beliefern lassen“, berichtet Inhaberin Ina Müller. „Das machen wir gerne und das ist selbstverständlich, allerdings stoßen wir langsam auch an unsere Grenzen.“

Stefan Göbel, der zwei Apotheken in Heringen betreibt, hat den Botendienst ebenfalls ausgeweitet und auch gleich eine Monatsrechnung eingeführt, die möglichst online beglichen werden soll und gut angenommen werde. So würden ebenfalls unnötige Kontakte vermieden.

„Nun zeigt sich, dass ein schneller Lieferservice wichtig und sinnvoll ist“, sagt Saskia Hildwein, die mehrere Apotheken in Bad Hersfeld hat und nicht nur mehr Fahrten verzeichnet, sondern auch von einem vergrößerten Radius spricht.

„Wir haben die Kapazitäten erweitern müssen“, bestätigt Michael Heise von der Elch-Apotheke in Bebra. „Wir haben schon immer geliefert, aber nun hat es enorm zugenommen.“ Dass gerade zur Risikogruppe gehörende Kunden zu Hause bleiben, sei ja auch durchaus sinnvoll. Heise weist dennoch darauf hin, dass es auch möglich ist, jemanden zu schicken, der rezeptpflichtige Medikamente abholt. Ob Familienmitglied, Nachbar oder fremde Helfer: Wichtig sei jedoch, immer das Originalrezept dabei zu haben, eine Kopie oder ein Foto auf dem Smartphone reiche nicht.

Bei der kleinen Rotenburger Hof-Apotheke fährt der Chef die Produkte sogar noch selbst aus – oder dessen Frau. Dass es nun die eine oder andere Tour mehr ist, weiß Dieter Sitzmann also ganz genau. Im Geschäft hat er wie alle anderen Kollegen auch eine Plexiglaswand als Spuck- und Spritzschutz installiert. Ein Schichtsystem, um den Betrieb im Fall der Fälle aufrecht erhalten zu können, könne er indes nicht umsetzen. „Dafür sind wir zu klein.“ Das ist auch bei Matthias Holzapfel in Bad Hersfeld und Ludwigsau so. Die Idee finde er aber gut.

Alle Abteilungen von der Verwaltung bis zum Botendienst strikt getrennt hat Stefan Göbel, zudem arbeiten beide Filialen autark, sodass die Versorgung der Kunden auch gewährleistet sei, falls es in einem Geschäft zu einem Coronafall und Quarantäne kommen sollte. „Auch wir haben Angst vor Ansteckung und Verbreitung“, gibt der Apotheker mit Blick auf Plexiglaswände, Kundenstromregulierung, Handschuhe und Mundschutz zu. Zwei Teams, die sich nicht mehr begegnen – von der Putzfrau bis zur Chefetage – und tageweise versetzt arbeiten hat auch Ina Müller vorsorglich gebildet.

Kreativ bei der möglichst frühzeitigen Beschaffung von Schutzwänden war Saskia Hildwein: Den ersten Prototyp habe ein Techniker aus dem Sanitätshaus selbst gebaut und dann schnell weitere angefertigt.

In einem sind sich übrigens ebenfalls alle einig: Der Großteil der Kunden reagiere verständnisvoll und diszipliniert auf sämtliche Schutzmaßnahmen, Ausnahmen gibt es aber wohl überall. nm

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