"Auf Niveau eines Entwicklungslands

Lieferengpässe bei Medikamenten: Apotheker im Kreis schlagen Alarm

ARCHIV - 14.05.2013, Niedersachsen, Georgsmarienhütte: ILLUSTRATION - Tabletten liegen am in einer Apotheke in einem Glas. Großbritanniens bevorstehender Austritt aus der Europäischen Union setzt die Chemie- und Pharmabranche im Südwesten unter Druck. (zu dpa: "Brexit-Unsicherheit setzt Chemiebranche im Südwesten unter Druck" vom 19.02.2019 Foto: Friso Gentsch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit / Medikamente.jpg
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Es gibt Lieferengpässe bei einigen Medikamenten in den Apotheken.

Die Lieferengpässe für Medikamente spitzen sich auch im Landkreis weiter zu. Betroffen sind Präparate wie Ibuprofen, aber auch Blutdrucksenker oder Schilddrüsenmedikamente.

Apotheker im Kreis Hersfeld-Rotenburg beklagen katastrophale Zustände und schlagen Alarm: „Was die Medikamentenverfügbarkeit angeht, sind wir auf dem Niveau eines Entwicklungslands angekommen“, spitzt Apothekerin Saskia Hildwein aus Bad Hersfeld zu.

Ihr Kollege Stefan Göbel von der Brückenapotheke in Heringen kritisiert unter anderem die von den Krankenkassen geschlossenen Rabattverträge, die „die Vielfalt am Markt ausgebremst haben, weil sich die Produktion oft nicht mehr lohne.“ Als Folge des Preiskampfes werden viele Wirkstoffe und Präparate inzwischen in Fernost und Indien hergestellt, was zuweilen zu Qualitätsproblemen und Lieferausfälle führe, kritisiert auch die Landesapothekerkammer in Hessen.

Hinzu kommt, dass der Gesetzgeber seit Mitte des Jahres einen neuen Tarifrahmenvertrag vorgegeben habe. Das führt dazu, dass Apotheker immer öfter den Arzt konsultieren müssen, wenn das verordnete, preiswertere Medikament nicht verfügbar ist. Oft gehe es dabei nur um Centbeträge. „Wir bekommen immer mehr Auflagen, die zunehmende Bürokratie belastet unsere Arbeit“, beklagt auch Dieter Sitzmann von der Hofapotheke in Rotenburg. „Der schwarze Peter wird von einem zum anderen weitergegeben, und der Patient ist der Dumme.“

Das bestätigt auch Dr. Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Kreis. Die Zahl der Nachfragen aus Apotheken sei deutlich angestiegen, die Lieferengpässe spitzten sich zu. Dr. Ebel spricht deshalb von „Spahnsinnsgesetzen“ – in Anspielung auf Gesundheitsminister Jens Spahn.

Dr. Ebel und die örtlichen Apotheker raten Patienten, nicht bis zur letzten Tablette zu warten, sondern rechtzeitig für Ersatz zu sorgen, um Wartezeiten zu überbrücken. Zudem sollten Patienten auch auf andere Medikamente und Hersteller vertrauen, sofern diese „wirkstoffgleich und bioäquivalent“ sind, so Dr. Ebel. 

Pillennotstand in den Apotheken

Nach Angaben der Hessischen Landesapothekerkammer sind die Ursachen für die Lieferengpässe vielschichtig. Aus Kostengründen werden viele Wirkstoffe, aber auch Arzneimittel, in Fernost und Indien hergestellt. Gibt es bei diesen Herstellern Probleme, macht sich das sofort im Apothekenalltag bemerkbar, heißt es in einer Mitteilung der Kammer. 

Doch nicht nur die Werke in Fernost machen Probleme. Ibuprofen ist derzeit beispielsweise knapp, weil ein BASF-Werk in Bishop, Texas, wegen technischer Probleme für sechs Monate ausgefallen war, kam es zu Lieferengpassen bei dem beliebten Schmerzmittel. Wegen Verunreinigungen wurden unlängst ranitidin-haltige Präparate zurückgerufen, die für Magenerkrankungen eingesetzt werden, berichtet Apothekerin Saskia Hildwein. Sie benötigt dieses Präparat, um die Nebenwirkungen in von ihr hergestellten Chemotherapien abzumildern. „Die Produktion von lebensnotwendigen Präparaten darf nicht auf einzelne Länder beschränkt bleiben“, fordert sie deshalb. „Wir müssen ehrlich über die Probleme diskutieren und bei Medikamenten nicht allein auf den Preis schauen“, sagt auch Apotheker Stefan Göbel aus Heringen und plädiert für eine „Entbürokratisierung“ der gesetzlichen Vorgaben. Er fühle sich mit den Problemen alleingelassen. Die Krankenkassen stritten ihre Verantwortung ab. 

Krankenkassen, wie etwa die Barmer räumen die Versorgungsengpässe zwar ein, erklären aber, dass das nicht unbedingt Auswirkungen auf die Patienten haben muss. Ein Ausweichen auf andere Wirkstärken – etwas eine halbe Tablette der doppelten Stärke, andere Packungen oder Darreichungsformen sei in Rücksprache mit dem Apotheker möglich. Die Hersteller von Arzneimitteln arbeiteten mit Hochdruck daran, immer lieferfähig zu sein. Das sieht Dr. Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Kreis, anders: „Der Preiskampf der Krankenkassen zwingt die Hersteller in die Knie.“ Die Preisschraube für Medikamente drehe sich immer weiter nach unten – „und nach fest kommt ab“. Dr. Ebel plädiert dafür, Medikamente wieder stärker in Deutschland herzustellen, denn es gebe durchaus renommiert Pharmaunternehmen – auch in Hessen. Diese könnte man auch stärker in die Verantwortung nehmen und die Beiträge der Krankenversicherten gingen an deutsche Unternehmen. (kai)

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