Experte kommt ins Bad Hersfelder Buchcafé

Rechtsextremismus-Forscher Dr. Matthias Quent: „Die Polarisierung nimmt zu“

Dr. Matthias Quent
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Dr. Matthias Quent, Rechtsextremismus-Forscher, kommt ins Bad Hersfelder Buchcafé.

Dr. Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, wird am 9. September zu Gast im Buchcafé sein. Wir haben ihn vorab interviewt.

Bad Hersfeld - Die Lesung mit anschließender Diskussion aus seinem Bestseller „Deutschland rechts außen“ ist Auftakt einer neuen Veranstaltungsreihe des sozio-kulturellen Zentrums (siehe unten). Mit dem renommierten Rechtsextremismus-Forscher sprach Kai A. Struthoff.

Herr Dr. Quent, hat der Rechtsextremismus in Deutschland tatsächlich zugenommen, oder schauen wir in letzter Zeit einfach nur genauer hin?

Der Rechtsextremismus ist sichtbarer geworden, insbesondere durch die Digitalisierung und durch die AfD, die sich zunehmend radikalisiert hat und ihre rechtsextremen Ansichten in die Parlamente trägt. Der Rechtsterrorismus an sich ist aber nichts Neues, auch wenn es unter anderem mit den Anschlägen in Halle, Kassel und Hanau in den vergangenen Monaten eine Häufung rechtsterroristischer Aktionen gab. Aber es gab schon früher das Oktoberfestattentat und andere Anschläge bis zum NSU. Auch rechtsextreme Einstellungen waren schon immer mehr oder weniger Teil der Normalität.

Also keine Zunahme des Rechtsextremismus?

Tatsächlich nehmen rechtsextreme Orientierungen langfristig ab. Wir haben es eher mit einer Liberalisierung der Mehrheitsgesellschaft zu tun, die ihre rassistische und nationalistische Prägung hinterfragt. Das geht einher mit einer stärkeren Polarisierung. Und diejenigen, die ideologisch rechtsextrem sind, sind eher bereit dementsprechend zu handeln – auf Demonstrationen, bei Wahlen, im Internet.

Tabubrüche scheinen inzwischen hoffähig zu werden. Es werden Dinge gesagt, die früher unaussprechlich waren?

Das kann ich aus meiner Arbeit und Erfahrung so nicht bestätigen. Auch früher gab es auf dem Schulhof, von Prominenten oder von Politikern demokratischer Parteien rassistische Äußerungen, die den heutigen um nichts nachstehen. Allerdings ist heute das provokative Auftreten strategischer und organisierter – vor allem in den Parlamenten, im Internet und in rechten Medien. Allerdings sind wir insgesamt als Gesellschaft für rechtsextreme Äußerungen sensibler geworden: Wenn auch sehr spät und vielleicht zu spät.

Der Zuspruch für rechte Parteien und Ideologien scheint in den neuen Bundesländern ausgeprägter zu sein als in Westdeutschland. Stimmt das?

Empirisch ist das richtig, das zeigen die Wahlergebnisse. Es gibt in den neuen Ländern auch eine höhere Zahl von registrierten rechten und rassistischen Gewalttaten. Wir haben es in Ostdeutschland mit einem sichtbareren Rechtsextremismus zu tun, der vor allem in den Subkulturen der 1990er Jahren verankert war. Im Westen dominierte tendenziell ein intellektuell verbrämter Rechtsextremismus, wie man ihn auch in der AfD und bei der neuen Rechten finden kann. Er tritt weniger durch Gewalt in Erscheinung und ist daher auch in bürgerliche Kreise integriert.

Gerade in Ostdeutschland wurde aber doch der Anti-Faschismus sehr groß geschrieben?

Wenn man sich die Wahlergebnisse in Ostdeutschland anschaut, dann stellt man fest, dass die Menschen, die wirklich in der DDR geprägt wurden, deutlich weniger AfD wählen als jene, die nach 1990 sozialisiert wurden. Das liegt auch daran, dass es nach der Wende eine starke Abwanderung der Weltoffenen und Gebildeten gegeben hat. Damals war zudem die Neonazisubkultur in Ostdeutschland prägend. Ich bin selbst von Skins gejagt und verprügelt worden. Das war bis Anfang der 2000-Jahre für viele Teil des Alltags. Die Skinheads von damals bilden heute einen Teil der Basis der AfD. Außerdem fehlte der DDR der Durchmarsch der 68-er-Bewegung, der Kulturkampf und die damit verbundene Werteliberalisierung der Gesellschaft, die sich langsam durchsetzt.

Gerade in den sozialen Netzwerken gibt es viel Hass und Hetze. Hat das auch rechtsextreme Ursachen oder liegt das vielmehr an einer allgemeinen Verrohung der Sitten?

Das kommt zunächst darauf an, wie man Hass und Hetze definiert. In einem engeren kriminologischen Sinne sind damit Vorurteile gegen marginalisierte gesellschaftliche Gruppen gemeint. Beleidigungen und eine rohe Sprache sind an sich etwas Unpolitisches, es gibt sie in allen Milieus. Wenn es aber um die Hetze gegen ganze Bevölkerungsgruppen – also Geflüchtete, Frauen, Juden, Kommunalpolitiker – geht, dann ist das oft mit dem Rechtsextremismus verknüpft.

Wie sollten Medien mit rechten Politikern, ihrem Gedankengut und dem Thema Rechtsextremismus generell umgehen?

Mit Aufklärung, Einordnung und Abgrenzung. Wenn man die Wahl hat, sollte man weniger mit, aber mehr über Rechtsextreme und Rassisten reden. Und über die destruktiven Folgen, etwa für Betroffene, aber auch für den Zusammenhalt oder die Wirtschaft. Vorauseilende Anpassung an den Druck von rechts ist unangebracht.

Das sehen wir auch bei Trump, der sich von Medien ungerecht behandelt fühlt, wenn sie seine Lügen entlarven – also ihren Job machen. Studien belegen, dass die „Lügenpresse“-Mentalität zwar sehr oft laut sind, aber insgesamt isoliert. Denn generell hat das Vertrauen in die Medien zugenommen. (kai)

Zur Person:

Dr. Matthias Quent (34) wurde in Thüringen geboren. Er studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Neuere Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und University of Leicester. 2012 wurde er für seine Magisterarbeit mit dem Nachwuchspreis des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus der Hochschule Düsseldorf ausgezeichnet. 2016 wurde Quent zum Dr. phil. promoviert. Er ist Gründungsdirektor des Institutes für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), einer außeruniversitären Forschungseinrichtung in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung.

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