Heilberufe ohne Schutzschirm

Massive Umsatzeinbrüche: Corona-Krise sorgt für Absageflut in Therapiepraxen

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Therapeuten in Not: Den Heilberufen fehlt in der Corona-Krise ein Schutzschirm. Unser Symbolbild zeigt einen Physiotherapeuten bei einer Kniebehandlung.

Die Corona-Krise sorgt für massive Umsatzeinbrüche bei Therapeuten. Die meist kleinen Betriebe können eine lange Durststrecke nicht überbrücken - und fordern einen Rettungsschirm.

Die Corona-Krise wird zum Stresstest für das deutsche Gesundheitswesen. Während die Politik zunächst vor allem für die Krankenhäuser Schutzschirme spannt, klagen niedergelassene Fachärzte und vor allem auch Beschäftigte in den Heilberufen – zum Beispiel Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten oder Podologen – über massive Umsatzeinbrüche. Das bestätigen viele Therapiepraxen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. 

Bei einer Umfrage unserer Zeitung berichten die Therapeuten von einer Absageflut und Patientenrückgängen von mindestens 50 Prozent. Das Problem: Viele dieser meist kleinen Betriebe verfügen kaum über ein finanzielles Polster, um längere Durststrecken zu überbrücken. Gleichzeitig gelten diese Therapiepraxen aber als „systemrelevant“ und dürfen gar nicht schließen. Die Therapeuten beklagen deshalb eine schlechte Kommunikation seitens der Politik. So würde ihre Berufsgruppe aus Unwissenheit oft etwa mit Massagesalons, die schließen müssen, gleichgesetzt. 

Absageflut aus Sorge vor der Infektionen

Viele Patienten sagen aus Sorge vor Infektionen ihre Behandlungstermine ab. Dies betreffe nicht nur sogenannte Risikopatienten, denen meist schon von den Praxen selbst vorsorglich geraten wurde, zum Schutz vor Infektionen daheim zu bleiben. Betroffen seien auch dringend notwendige Anschlussheilbehandlungen, etwa nach Operationen. Ausgesetzte Therapien könnten zu ernsthaften Komplikation führen, warnen die Therapeuten. 

Zum Erhalt der ambulanten Versorgungsstrukturen brauche es daher jetzt Rückendeckung durch die Politik, fordert auch der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV), in dem nach eigenen Angaben mehr als 75 000 Therapeuten organisiert sind. Nur mithilfe von angemessenen Ausgleichszahlungen lasse sich der Fortbestand der ambulanten therapeutischen Versorgung erhalten. „Kommt der Rettungsschirm nicht, stehen viele Heilmittelpraxen vor dem Aus“, warnt Geschäftsführer Heinz Christian Esser. 

Darlehen seien für die meist finanzschwachen Heilberufe keine Alternative. Esser ist jedoch zuversichtlich, dass die Politik bald nachbessern wird. Gerade Schmerzpatienten, Menschen mit neurologischen Erkrankungen und Patienten nach Operationen oder nach Krebsdiagnosen drohe sonst der Verlust eines wohnortnahen Therapieangebots, auf das sie angewiesen sind.

Therapeuten klagen: Die Wertschätzung fehlt

Zu ihrem 51-Geburtstag vor einigen Tagen hat die Physiotherapeutin Regina Schäfer aus Wildeck-Obersuhl Mundschutzmasken geschenkt bekommen. Ein willkommenes und nett-gemeintes Geschenk in Zeiten der Corona-Krise.

Gleichwohl beklagt sie angesichts wegbrechender Patientenzahlen die „mangelnde Wertschätzung“ der Heil- und Therapieberufe, die eine jahrelange Ausbildung und staatliche Prüfungen voraussetzen. „Plötzlich werden wir in eine Schublade mit Massagepraxen und Tattoostudios gesteckt.“ Obwohl auch sie ab Montag die Soforthilfe von Bund und Ländern beantragen kann, möchte Regina Schäfer nicht von „Almosen“ der Politik abhängig sein. Gleichzeitig fürchtet sie, dass durch die vielen jetzt zwangsweise abgesagten Operationen gerade bei den Anschlussheilbehandlungen das dicke Ende noch kommt.

Auch Katja Gottschlich, die eine logopädische Praxis in Bad Hersfeld betreibt, leidet unter massiven Absagen, dabei kann sie bei ihren Therapien sogar einen Sicherheitsabstand einhalten. Weil sie keine Angestellten hat, könne sie vielleicht einige Wochen durchhalten. „Aber nur, weil ich Angst vor Altersarmut habe und mir deshalb ein Polster angespart hatte.“

Vielen Praxen drohen hohe Verluste

Auch Janina Kuhl, Physiotherapeutin in der Praxis von Julia Huras in Niederaula, sorgt sich um die Zukunft. „Wir haben schon über Kurzarbeit gesprochen“, sagt die 26-Jährige. Auch in ihrer Praxis habe es viele verunsicherte Anrufe von Patienten gegeben. „Risikopatienten hatten wir aber ohnehin schon abgesagt“, sagt Janina Kuhl.

Solche Patienten hat auch Heike John, die in Ludwigsau-Reilos eine Physio-Praxis betreibt. Sie betreut auch das dortige Altenzentrum und das DRK-Seniorenheim in Friedewald. Wegen der besonderen Gefährdung der betagten Patienten werden auch dort die Behandlungen immer weniger. „Deshalb fallen aber auch viele notwendige Therapien aus“, mahnt Heike John. Denn gerade für bettlägerige, frisch-operierte oder neurologische Patienten sind regelmäßige Therapien wichtig. Auch deshalb sind viele Heilberufler in der Corona-Krise enttäuscht, weil ihre Arbeit offenbar nicht ausreichend wertgeschätzt wird.

Vielen Therapiepraxen drohen Verluste von mindestens 50 Prozent, warnt Heinz Christian Esser vom Spitzenverband der Heilmittelberufe (SHV). Die Kapitaldecke bei vielen Praxen sei dünn, denn die Vergütung durch die Krankenkassen ist eher gering. Hauptantrieb für viele Therapeuten sei der Wunsch, Menschen helfen zu wollen. Er hoffe, dass das nun auch die Politik anerkennt.

Hintergrund: Kritik am Schutzschirm - "Krankenhäuser stehen im Regen"

Der Schutzschirm des Bundes für die Krankenhäuser sei voller Löcher und „lässt die Krankenhäuser im Gewitter der Corona-Krise“im Regen stehen. Dieser Warnung des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands schließt sich auch der Geschäftsführer des Klinikums Hersfeld-Rotenburg, Martin Ködding, an. Kliniken bundesweit erwarten Verluste in Milliardenhöhe und mahnen deshalb weitergehende Finanzhilfen der Bundesregierung und der Länder an.

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