Pöbler muss Aufsatz schreiben 

Gruppenvergewaltigung auf Mallorca: Opfer beleidigt - 19-Jähriger vor Gericht

Das Amtsgericht in der Dudenstraße in Bad Hersfeld (Symbolbild).
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Das Amtsgericht in der Dudenstraße in Bad Hersfeld (Symbolbild).

Ein Gericht in Bad Hersfeld hat ein Urteil wegen Beleidigung gefällt. Das Perfide daran, bei der Betroffenen handelt es sich um das Opfer einer Vergewaltigung.

Bad Hersfeld - Weil er eine junge Frau unter anderem als „Schlampe“ beleidigt hatte, stand ein 19-Jähriger in Bad Hersfeld vor Gericht. Die Tat hatte im Juli 2019 für Aufsehen gesorgt. Vier junge Männer aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg waren auf Mallorca festgenommen worden, weil sie eine 18-Jährige vergewaltigt haben sollen.

Jetzt musste sich ein 19-Jähriger aus Bad Hersfeld vor dem Jugendgericht verantworten, weil er in einem Aufruf zur Unterstützung seiner festgenommenen Freunde die junge Frau unter anderem als „Schlampe“ beleidigt hatte.

Dieses Video verbreitete sich über die sozialen Netzwerke rasend schnell. Auch von der Resonanz sei der damals 18-Jährige völlig überrascht gewesen, berichtete die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. Am vereinbarten Treffpunkt für den Dreh eines Unterstützer-Videos in der Breitenstraße seien jede Menge Leute aufgetaucht. Verteidiger Artak Gaspar nahm der Anklage jedoch gleich den Wind aus den Segeln. Sein Mandant habe eingesehen, dass er aus falsch verstandener Solidarität einen Fehler gemacht und übers Ziel hinausgeschossen sei.

Er habe selbst Schwestern und könne sich vorstellen, wie seine Aussage auf die betroffene junge Frau, die er persönlich gar nicht kenne, gewirkt haben müsse. Für Jugendrichterin Michaela Kilian-Bock, Staatsanwältin Natalia Fuchs und Verteidiger Gaspar stellte sich nun die Frage, wie mit dem jungen Mann, der aus stabilen familiären Verhältnissen stammt, umgegangen werden sollte. Die Jugendgerichtshilfe regte mit Blick auf die bisherige Straffreiheit des Angeklagten eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage an.

Da der 19-Jährige aber seit einer Woche wieder zur Schule geht, um sein Abitur zu machen, verfügt er nicht mehr über eigene Einkünfte. Sozialstunden zu leisten ist jedoch, so bestätigte die Jugendgerichtshelferin, zurzeit schwierig, weil es in Zeiten von Corona nur noch zwei mögliche Einsatzstellen gibt. Da sei mit einer monatelangen Warteschleife zu rechnen. Statt einer Einstellung des Verfahrens hätte Staatsanwältin Fuchs lieber ein Urteil mit einer Arbeitsauflage gehabt.

Schließlich einigten sich die Prozessbeteiligten auf Vorschlag von Richterin Kilian-Bock auf eine kreative Lösung. Das Verfahren wird eingestellt, wenn der 19-jährige Schüler innerhalb von drei Wochen einen Aufsatz schreibt, in dem er den Aufbau von Gericht und Staatsanwaltschaft und die Bedeutung des Paragrafen 185 (Beleidigung) erläutert. „Wenn Ihr Anwalt den Aufsatz schreibt, merke ich das“, warnte Kilian-Bock den Angeklagten.

Hintergrund: Vergewaltigung auf Mallorca

Nachdem eine 18 Jahre alte Frau Anfang Juli 2019 bei der Polizei auf Mallorca eine Vergewaltigung angezeigt hatte, waren zunächst vier junge Männer aus Bad Hersfeld und Bebra festgenommen worden. Zwei von ihnen wurden nach Vernehmungen gleich wieder freigelassen, zwei Männer blieben in Untersuchungshaft. Einer von ihnen kam im September frei, der letzte vor einigen Wochen, nach nicht bestätigten Informationen des Angeklagten aufgrund eines Freispruchs. (Christine Zacharias)

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