„Vom lieben Gott verlassen“

Nach Lolls-Absage: Interview mit Schaustellerpfarrer Volker Drewes

Das Bild zeigt Schaustellerpfarrer Volker Drewes aus Bad Hersfeld in einer Gondel des Lolls-Riesenrads. Im Hintergrund ist die Stiftsruine zu sehen.
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Schaustellerpfarrer Volker Drewes aus Bad Hersfeld

Die Absage des Lullusfests ist ein weiterer schwerer Schlag für die von Corona arg gebeutelte Schaustellerbranche. Pfarrer Volker Drewes betreut seit vielen Jahren die reisende Zunft.

Über die derzeitige Lage der Schaustellerfamilien sprach Kai A. Struthoff mit Pfarrer Drewes.

Herr Pfarrer Drewes, wie geht es den Schaustellern in dieser schwierigen Corona-Zeit?

Den Menschen geht es nicht nur materiell, sondern auch psychisch schlecht. Für die meisten Schausteller ist das nämlich kein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung. Weil sie im Moment nicht unterwegs sein dürfen, fühlen sie sich in ihrer ganzen Lebensweise bedroht. Das betrifft alle reisenden Gruppierungen – egal ob Schausteller, Zirkusleute oder Puppenspieler. Ich versuche daher, bei meinen Seelsorgegesprächen vor allem Mut zu machen.

Schausteller sind normalerweise den ganzen Sommer auf Achse. Was machen sie jetzt in dieser Zwangspause?

Das ist unterschiedlich. Manche machen zurzeit eine Kirmes to go. Das sind dann jeweils eine Handvoll Betriebe, die unter strengen Hygienebedingungen auf einem Platz stehen und irgendwie versuchen Geld zu verdienen. Ich habe gerade kürzlich in Braunschweig bei so einer Kirmes ein nagelneues Geschäft eingeweiht. Es gibt auch Schausteller, die einen temporären Freizeitpark aufbauen, zum Beispiel in Paderborn. Dort gibt es breite Wege, um den Abstand einzuhalten, allerdings fehlt dort dann auch die Jahrmarktatmosphäre, der Bratwurst- und Popcornduft ...

Und was machen die ganz großen Betriebe, zum Beispiel die Riesenräder?

Riesenräder sind relativ Corona-sicher, wenn die Regeln eingehalten werden. Die Betreiben stehen jetzt oft an exponierten Stellen, zum Beispiel in Köln oder Trier, und versuchen, sich so über Wasser zu halten.

Das wird finanziell aber vermutlich nicht reichen. Bund und Länder haben vielen Branche großzügige Hilfen gewährt. Wie ist das bei den Schaustellern?

Die erste Soforthilfe hat gut funktioniert und kam auch schnell an. Aber wie lange reichen 5000 Euro für eine Familie? Ein paar Wochen vielleicht. Um aber weitere Hilfe zu bekommen, muss man viele Formulare ausfüllen und es gibt bürokratische Hürden eingebaut, weil die Besonderheiten dieser Branche nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Deshalb werden wohl die meisten Betriebe nicht in den Genuss weiterer Hilfen kommen.

Das Lullusfest wurde jetzt auch ganz offiziell abgesagt. Wäre ein alternatives Konzept überhaupt realistisch gewesen?

Es wäre jedenfalls kein Volksfest, sondern der Versuch zu überleben. Natürlich hätte man auch in Bad Hersfeld so eine Art temporären Freizeitpark aufbauen können. Aber die meisten Schausteller können sich momentan gar keine Mitarbeiter leisten, sodass sie einzig auf die Unterstützung der Familie angewiesen wären. Deshalb scheuen sich auch viele, ihr Unternehmen raufzufahren, denn es bringt nur Verwaltungskram und Zusatzkosten, die man nicht wieder einspielt. Außerdem steigen momentan wieder die Corona-Fallzahlen. Welcher Politiker will in dieser Situation für ein Volksfest die Verantwortung übernehmen?

Zumal sich die meisten Menschen, vor allem wenn Alkohol im Spiel ist, auch nicht sonderlich vernünftig verhalten ...

Deshalb wollte man in einem mir bekannten Alternativkonzept sogar auf den Ausschank von Alkohol verzichten. Aber funktioniert das bei einem Volksfest? Ich finde, da muss man realistisch sein. Ich bin wirklich ein großer Fan des Lullusfest, aber ich hätte Bauchschmerzen dabei gehabt.

Was tun Sie als Pfarrer, damit die Schausteller in dieser Situation nicht den Glauben an einen allmächtigen, barmherzigen Gott verlieren?

Viele Schausteller sind sehr religiös. Deshalb fühlen sie sich im Moment sehr vom lieben Gott verlassen. Als Pfarrer versuche ich gerade jetzt zu zeigen, dass Gott durch dick und dünn mitgeht und die Kirche zu ihnen steht, auch wenn es im Moment nicht leicht ist und man mich manchmal am liebsten zum Mond schießen würde. Wir dürfen diese ganze Branche nicht aus dem Blick verlieren. Denn diese Menschen wollen nichts anderes, als uns Freude zu bringen. Und das ist wichtig. Außerdem müssen wir gemeinsam feiern können, sonst werden wir auch ohne Virus richtig krank. (kai)

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