1. Hersfelder Zeitung
  2. Bad Hersfeld

Zwischen den Zeilen: Lokalpolitiker, Archivare und Mückenstürmer

Erstellt:

Kommentare

Kai A. Struthoff
Kai A. Struthoff © LUDGER KONOPKA

In der Kolumne „Zwischen den Zeilen“ befasst sich Kai A. Struthoff mit erbosten Kommentaren und charmanten Ideen.

In Ludwigsau ist manches anders: Seit Jahren wird die Gemeinde von einer stabilen SPD-Mehrheit regiert, seit der letzten Kommunalwahl gibt es überhaupt nur noch zwei Oppostionspolitiker von der FDP – von denen der eine durch dauerhafte Abwesenheit auffällt, während die andere meist schweigt. Spötter sprechen deshalb schon von Verhältnissen „wie in der DDR-Volkskammer“ – wobei das Parlament in Ludwigsau natürlich demokratisch gewählt wurde und funktioniert.

Auch die finanziellen Verhältnisse in der Gemeinde sind nach wie vor stabil – also eigentlich alles in Ordnung. Dementsprechend gibt es im Parlament wenig Diskussionen – und Kontroversen schon gar nicht.

Dennoch scheint es hinter den Kulissen zu brodeln. So musste sich Bürgermeister Wilfried Hagemann erboste Kommentare anhören, weil er – wie übrigens alle anderen Bürgermeister des Kreises auch – in der HZ Auskunft über die Projekte der Gemeinde für das neue Jahr gegeben hatte. Offenbar fühlte sich die örtliche SPD als „Transmissionsriemen“ des lokalen Fortschritts dabei zu wenig gewürdigt. Immerhin wird in Ludwigsau der Haushalt seit jeher gemeinsam von SPD und Bürgermeister erarbeitet, wenngleich der Löwenanteil der Arbeit wohl in der Verwaltung liegen dürfte – die dafür ja auch bezahlt wird. Bei der Haushaltsrede verließ der SPD-Fraktionsvorsitzende jedenfalls den Raum – Zufall? – und der Erste Beigeordnete Markus Sauerwein fehlte, entschuldigt, ganz. Sauerwein präsentiert sich gern als Macher, hat viele Ideen und ist sehr umtriebig. Ambitionen auf das Bürgermeisteramt habe er aber nicht, heißt es.

Ob Hagemann selbst noch mal antritt, lässt er bislang ebenfalls offen, und der politische (SPD)-Nachwuchs ist vielleicht noch etwas jung. Doch andere Kandidaten sind nicht in Sicht. Dabei würden frische Ideen, ein paar spannende Diskussion und etwas mehr politische Vielfalt auch Ludwigsau sicher guttun.

Nicht nur die Planungen für das Stadtarchiv in Bad Hersfeld nehmen unter der neuen Bürgermeisterin Anke Hofmann wieder an Fahrt auf – sie konnte auch einen neuen Archivar präsentieren: Johannes Wagner heißt er, kommt aus Rotenburg und hat unter anderem auch schon für den Kreis gearbeitet. Er folgt nun auf Dr. Tanja Roth, die, wohl auch entnervt über die endlose Archivdebatte, nach Kassel gewechselt war. Er wird nun auch die Planungen für den Archivneubau begleiten – sicher eine spannende Aufgabe. In unserem Archiv liegen wahre Schätze. Das alles mag etwas verstaubt erscheinen, umso wichtiger ist es, die reiche Geschichte der Stadt anschaulich zu vermitteln.

Eine charmante Idee hatte in diesem Zusammenhang unlängst auch Michael Adam vom Förderkreis Museum, der sich wie kaum ein anderer in der Bad Hersfelder Stadtgeschichte auskennt und Stadtführungen anbietet. Er wies darauf hin, dass sich im kommenden Jahr der „Hersfelder-Mückensturm“ von 1674 – also jener Löschangriff auf den Kirchturm, der eigentlich nur von einem Mückenschwarm umkreist wurde – zum 350. Mal jährt. Adam regt an, dies zu feiern. In historischen Kostümen könnte der „Mückensturm“ nachgestellt werden, vielleicht auch im Rahmen eines Feuerwehrfestes. Mir hat die Selbstironie, mit der sich die Herschfeller als Mückenstürmer bezeichnen, immer gefallen. Ein Beispiel für Bürgersinn sind sie bis heute allemal – das könnte man ruhig feiern. (Kai Struthoff)

Auch interessant

Kommentare