Montagsinterview

Kreishandwerker Saal: Lage am Ausbildungsmarkt „ernster, als die meisten glauben“

Hier darf Hand angelegt werden: Der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hans-Wilhelm Saal (rechts) mit den beiden Ausbildern im Berufsbildungszentrum Rainer Bäcker (links) und Martin Schäfer.
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Hier darf Hand angelegt werden: Der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hans-Wilhelm Saal (rechts) mit den beiden Ausbildern im Berufsbildungszentrum Rainer Bäcker (links) und Martin Schäfer.

Die Kreishandwerkerschaft hat mit der IHK, der Arbeitsagentur, dem Jobcenter des Kreises und unserer Zeitung eine Ausbildungsplatzkampagne gestartet.

Hersfeld-Rotenburg – Mit Hans-Wilhelm Saal, dem Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, sprach darüber Kai A. Struthoff.

Herr Saal, wie ernst ist die Lage am heimischen Ausbildungsmarkt?
Die Lage ist ernster, als die meisten glauben. Wir haben große Sorgen, dass wir in den nächsten Jahren ganze Reihen von jungen Leuten verlieren, die im Handwerk oder anderen dualen Ausbildungsberufen nicht den richtigen Weg einschlagen, der ihren Fähigkeiten und Leidenschaften entspricht und in eine entsprechende Ausbildung mündet. Ohnehin leidet die Ausbildung momentan natürlich unter Betriebsschließungen, etwa bei Friseuren, Kurzarbeit und unsicheren Perspektiven.
Was heißt das konkret?
In ganz Hessen gibt es gute zehn Prozent weniger Ausbildungsplätze. Gemessen daran verzeichnen wir im Kreis immer noch ein kleines Plus. Das liegt unter anderem an den bisher geleisteten umfangreichen Berufsorientierungen. Trotzdem suchen auch wir in vielen Berufszweigen Auszubildende.
Welche sind das?
Vor allem das Lebensmittelhandwerk, also zum Beispiel Bäcker und Fleischer, das Friseurhandwerk, aber auch Tischler und das Bauhandwerk suchen händeringend Fachpersonal, das sich leidenschaftlich einbringt in einen Beruf, der ihm Spaß macht. Man kann ja keinen mehr ausbilden, der einen Beruf nur als Broterwerb ansieht. Zum Erfolg gehört auch, dass man seine Arbeit gern macht.
Sie betonen daher ja immer wieder die Notwendigkeit der frühzeitigen Berufsorientierung – etwa durch Praktika. Aber ist das in Corona-Zeiten überhaupt möglich?
Praktika und auch die Ausbildungsmessen sind leider auf der Strecke geblieben. Es gibt keine Tage der offenen Tür und nur eingeschränkte Berufsorientierungstage an den Schulen. Und die meisten Betriebe haben momentan ganz andere Probleme, als Praktikanten zu betreuen. Wir sind aber stolz darauf, dass wir derzeit unsere Auszubildenden trotz Corona auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten konnten.
Gerade im Internet gibt es unzählige Beratungsangebote. Reicht das nicht aus?
Natürlich gibt es viele Informationsmöglichkeiten, die oft direkt von den einzelnen Interessenverbänden angeboten werden. Im Handwerk ist das allerdings schwer, nur virtuell um Nachwuchs zu werben. Denn wir arbeiten ja mit den Händen, wir fassen etwas an. Deshalb versuchen wir zum Beispiel mit dem Programm OLOV (Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit im Übergang Schule – Beruf) als Netzwerk, mit dem Kreis und anderen kommunalen Partnern die Angebote zu bündeln. Corona hat uns dabei ausgebremst, aber wir hoffen, dass wir bis Jahresende die Berufsorientierung für alle Berufssparten wieder in voller Breite anbieten können.
Sie sagten es schon: Im Handwerk arbeitet man mit den Händen. Virtuell geht das nicht. Da können Sie momentan doch gar nicht vernünftig ausbilden, oder?
Doch, das geht schon, dank unserer angeschlossenen Betriebe und der überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen mit den Berufsschulen. Die Ausbildung findet also statt – natürlich unter strengen Hygieneauflagen. Wir haben im Berufsbildungszentrum die Werkbänke auseinandergeschoben und arbeiten mit Schutzmasken. So kann man trotzdem schrauben, feilen und löten – aber eben mit Abstand.
Es droht also nicht der Verlust eines ganzen Ausbildungsjahrgangs?
Nein, das sehe ich noch nicht so. Wir werden das auffangen können. Aber es darf jetzt nicht noch ein weiteres halbes oder ganzes Jahr dazukommen. Denn in den Schulen stehen ja schon wieder junge Leute bereit. Wenn wir den Übergang aus der Schule in den Beruf nicht schaffen, dann wandern womöglich viele ins Studium ab oder gehen weiter in die Schule, obwohl ihnen das vielleicht gar nicht so liegt.
Welche Hilfen gibt es denn für Firmen, die trotz Corona ausbilden wollen?
Es gibt ein Förderprogramm des Bundes, das den Firmen die Möglichkeit gibt, gezielt Ausbildungsförderung zu betreiben. Dieses Programm ist jetzt sogar verdoppelt worden und deckt damit einen Großteil der Kosten. Denn eines ist klar: Ein Betrieb kann nur dann erfolgreich arbeiten, solange er genügend Fachkräfte hat.
Wie lautet Ihr Ratschlag an junge Leute, die einen Ausbildungsplatz suchen?
Wir haben in unserem Landkreis ein Angebot, das heißt „Passgenaue Besetzung“. Dort sind zwei Kollegen von uns tätig, denen man sagen kann, was man gerne tut, und man erhält dann ein Beratungsangebot. Es gibt ja so viele Berufe, die den meisten gar nicht bekannt sind. Wir hatten zum Beispiel unlängst einen jungen Mann, der begeisterter Orgelspieler ist. Er wollte eigentlich Musik studieren oder mit Holz arbeiten, aber wir konnten ihn dann zu einem Orgelbauer vermitteln.
... das ist passgenau!
Ohnehin sollten alle wissen, dass sich die Berufswelt in den nächsten zehn Jahren erheblich ändern wird – durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Wir gehen davon aus, dass sich deshalb ein bis zwei Millionen der heutigen Berufe radikal verändern oder auch komplett wegfallen werden. Deshalb ist es umso wichtiger, sich darüber zu informieren, ob der angestrebte Beruf denn auch eine Zukunft hat.

Kontakt zur „passgenauen Berufsberatung“ der Kreishandwerkerschaft unter Telefon 06621/928912

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