Aufführung der Sommernachtsträumer

"Die Welle": Lehrstück über die Macht

Eindrücklich und beklemmend: Ein Lehrstück über die Faszination der Macht war die Aufführung des Stückes „Die Welle“ durch die Sommernachtsträumer im Audimax der Obersberg-Schulen. Foto: Janßen

Bad Hersfeld. „Für eine Diktatur sind wir heute in Deutschland viel zu aufgeklärt“ – da waren sich die Schülerinnen und Schüler im Theaterstück „Die Welle“, das von den „Sommernachtsträumern“ im Audimax auf dem Obersberg in einer Inszenierung von Tobias Stübing auf die Bühne gebracht wurde, zunächst einig.

Um diesen Einwand zu entkräften, startet die Lehrerin Annette Kemmler (gespielt von Annette Lubosch), zunächst mit Billigung des Schulleiters (gespielt von Joachim Götz) ein Sozialexperiment, das sehr schnell Fahrt aufnimmt und eine beklemmende Eigendynamik bekommt, die deutlich wahrnehmbar auch das Publikum im voll besetzten Saal erfasste.

Disco-Besuche, Beziehungsprobleme, Konflikte untereinander und mit den Eltern: Diese Themen bestimmen den Alltag auch in dieser Klasse, die die Sommernachtsträumer statt wie im Urspungsroman von Morton Rhue in den USA in Bad Hersfeld ansiedelten.

Ganz unterschiedlich

Ganz unterschiedliche Typen, vom Außenseiter über Streber bis hin zum klassischen Liebespärchen, wurden von den jungen Schauspielern auf der Bühne und in den Filmeinspielern und von ihren beiden professionellen Schauspieler-Kollegen Lubosch und Bartl mit individuellen Zügen ausgestattet, die im Lauf des Stückes angesichts der Leitsätze „Macht durch Disziplin“, „Macht durch Gemeinschaft“ und „Macht durch Handeln“ immer mehr nivelliert wurden.

Das „Nicht ich – wir“, der Gleichschritt, den die Lehrerin zu Beginn als sportliche Übung in ihren Unterricht einbaute, wurde zum eindrücklich dargestellten, gemeinschaftlichen Herzschlag. Dass Gemeinschaft nach innen zwangsläufig Ausgrenzung bedeutet, musste dabei nicht explizit betont werden.

Die Veränderung war nicht nur den Schülerinnen und Schülern anzumerken, die nur zu gerne bereit waren, das selbstständige Denken einzustellen, die Diskriminierung von kritischen Geistern als „Verräter“ hinzunehmen und sich in den Dienst der Sache und des Führerprinzips zu stellen, sondern auch der Lehrerin, die zunehmend fasziniert war, wie „gut“ sich die Mitglieder der Gruppe plötzlich benahmen und wie glaubwürdig sie selbst die Führerinnenrolle auszufüllen vermochte. Dafür setzte sie sogar die Beziehung zu ihrem Lebenspartner (dargestellt von Robert Joseph Bartl, geschickt eingespielt per Video) aufs Spiel.

Grenzen verschwimmen

Dabei verschwammen die Grenzen zwischen Versuch und Realität, die Lehrerin war nicht mehr nur die neutrale Versuchsleiterin, sie war selbst fasziniert von der Wirkung der eigenen manipulativen Kraft, die aber spätestens in dem Moment, in dem der Turm der Stadtkirche in einer nächtlichen Aktion mit dem Welle-Logo besprüht wurde, außer Kontrolle geriet.

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Von Ute Janßen

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