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„Lange Reise zu mir selbst“: Bundespolitiker Michael Roth über seine Auszeit und Angstzustände

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SPD-Politiker Michael Roth spricht am 8. Juli 2022 im Deutschen Bundestag.
Der gebürtige Heringer Michael Roth ist Politik-Profi: Der 51-Jährige ist seit über 20 Jahren SPD-Bundestagsabgeordneter, war acht Jahre lang Europastaatsminister und ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags. Im Juni 2022 wurde bekannt, dass Roth sich wegen mentaler Probleme eine vierwöchige Auszeit nimmt. „Ich war psychisch am Limit, hinzu kamen Angstzustände“, sagt er im Interview. Das Foto entstand am 8. Juli 2022 im Deutschen Bundestag. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Nach seiner Auszeit auf ärztliches Anraten ist SPD-Politiker Michael Roth seit Anfang Juli wieder zurück. Wir haben mit ihm über seine mentalen Probleme und die Politik gesprochen.

Bad Hersfeld – Die Haare sind deutlich kürzer, der Bart war ab und wächst langsam wieder nach. Im Interview wirkt der SPD-Bundestagsabgeordnete kämpferisch wie eh und je und doch hat er sich nicht nur äußerlich verändert, erzählt er im Gespräch mit Kai A. Struthoff.

Herr Roth, Sie hatten sich für einige Wochen aus der Politik zurückgezogen. Was war los?

Ich habe mich nicht nur aus der Politik, sondern komplett aus meinem bisherigen Leben zurückgezogen. In dieser Auszeit habe ich versucht, mehr über mich zu lernen und mit meiner Erkrankung klar zu kommen. Diese Reise zu mir selbst ist ein langer Weg. Mir ging es wirklich nicht gut, ich war psychisch am Limit, hinzu kamen Angstzustände. Mein mentaler Tiefpunkt war der Jahreswechsel 2021/22.

Das ist schwer vorstellbar. Sie strotzen normalerweise vor Energie und sind sehr zugewandt ...

Ich konnte mir das ja auch nicht vorstellen. Lange habe ich es mit Disziplin versucht, am Riemen reißen, von Woche zu Woche hangeln: Wer Michael Roth gebucht hatte, der bekam auch Michael Roth. Wenn das Zirkuspferd in der Manege stand, musste es auch performen. Das hat eine Zeit lang funktioniert, aber der Preis dafür wurde immer höher. Und irgendwann sagte ich mir: Junge, Du bist doch gar nicht mehr ehrlich zu den Menschen.

Muss man als Politiker wie ein Schauspieler eine Rolle spielen?

Ich wollte zwar nie eine Rolle spielen, aber ich kann ja schlecht von „Mission Zuversicht“ reden und selbst miesepetrig mit hängenden Mundwinkeln rumlaufen. Politik muss inhaltliche Klarheit und Leidenschaft zusammenbringen – darum habe ich mich stets bemüht. Aber zuletzt fühlte ich mich immer mehr in eine Rolle gepresst, die mich im Inneren nicht mehr ausmachte. Auch deshalb habe ich die Reißleine gezogen.

Was haben Sie in der Auszeit gemacht?

Viel Sport. Ich habe mich nicht mit meinem Beruf beschäftigt, meine Social Media Apps deaktiviert. Ich habe versucht, mit der Ruhe und dem Alleinsein klarzukommen, habe wieder Bücher gelesen. Mit professioneller Hilfe erarbeitete ich mir neun Punkte, an denen ich mein Leben jetzt auszurichten versuche. Ich bin dankbarer, kann wieder beten, bin gnädiger mit mir und anderen.

Sie waren in Therapie?

Seit Januar werde ich therapeutisch behandelt. Ich kann nur jedem empfehlen, der ähnliche Probleme hat, professionelle Hilfe zu suchen. Leider gibt es in Deutschland viel zu wenige Therapeuten und Behandlungsplätze. Für mich war es wichtig, einige Zeit aus meinem gewohnten Umfeld rauszukommen. Man braucht Abstand, weil man sonst auch andere belastet. Man droht in dieser Situation womöglich seine Familie und Freundschaften zu zerstören.

Reichen vier Wochen aus, um sich zu erholen?

Der eigentliche Weg ist viel, viel länger. Am 1. Januar habe ich zum ersten Mal gesagt, dass ich Hilfe brauche. Dann habe ich mit meinem Team meine Arbeit umgestellt. Seit dem späten Frühling geht es mir deutlich besser, deshalb war die Auszeit wichtig, um das weiter zu verstetigen. Die vergangenen zwei Wochen zurück im stressigen Alltag waren für mich ein erster Testlauf. Jetzt werde ich erneut bis Ende August verschwinden, um dann wirklich für den Herbst und alles, was kommt, gewappnet zu sein. Ich kann das nur jedem Betroffenen empfehlen. Das ist gut investierte Zeit – aber ich weiß auch, dass viele Beschäftigte diese Möglichkeit leider nicht haben.

Sie sind seit über 20 Jahren Bundestagsabgeordneter und kennen den Job. Was hat gerade jetzt das Fass zum Überlaufen gebracht?

Darüber will ich nicht spekulieren, denn die vergangenen Jahre waren für uns alle sehr fordernd. Aber ich gebe schon zu, dass der Krieg in der Ukraine bei mir viel verändert hat. Um es aber ganz klar zu sagen: Weder der Krieg noch meine eigene Partei sind verantwortlich für meine Erkrankung. Ich bin ein 1989er. Der Fall der Mauer, der Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur, all das hat mich politisch sozialisiert und aus einem Zonenrandkind einen Europäer gemacht. Ich war davon überzeugt, dass eine Welt ohne Waffen eine reale Utopie ist. Spätestens seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine gelten diese Gewissheiten nichts mehr. Das hat mich sehr bewegt, und das kann man abends nicht einfach mit der Kleidung ablegen.

Lange Zeit galt es in der Politik als Tabu, Schwäche zu zeigen. Über Krankheiten sprach man nicht, sondern ackerte weiter. Sie haben dieses Tabu gebrochen und dafür auch viel Zuspruch bekommen. Sind Sie ein Vorbild dafür zu zeigen, dass Politiker auch nur Menschen sind?

Das war nicht meine Mission. Ich habe in den fast 24 Jahren als Abgeordneter immer versucht, meine Arbeit ordentlich zu machen und dabei ehrlich zu sein. Aber zuletzt hatte ich immer öfter das Gefühl, dass der Michael aus dem Fernsehen nichts mehr mit dem echten Michael zu tun hat. Glaubwürdigkeit ist doch das a und o. Ich musste ja auch erklären, warum ich für einen Monat von der Bildfläche verschwinde. Ich bin überwältigt, wie viele Menschen ich offenkundig ermutigen konnte, endlich zu ihrer mentalen Erkrankung zu stehen. Viele haben mir gesagt, dass „wir da oben“ dadurch menschlicher werden, weil wir mit denselben Problemen zu kämpfen haben. Denn auch in vielen anderen Berufen, ob nun als Krankenschwester, Lehrer oder Journalist, stoßen Menschen regelmäßig an ihre körperlichen und mentalen Grenzen.

Bislang waren Sie – sicher nicht nur für mich – fast immer und schnell erreichbar. Ändert sich das jetzt?

Wenn sich Menschen aus meiner Heimat bei mir melden, haben sie eine schnelle Reaktion verdient. Aber auch ich muss mal nachdenken und zur Ruhe kommen, das habe ich gelernt und deshalb wird sich manches ändern. Aber doch nicht zum Schlechteren. Im Gegenteil! Die Abhängigkeit von den sozialen Medien und von meinem Mobiltelefon führte dazu, dass ich mich gar nicht mehr richtig auf eine Sache oder einen Menschen konzentrieren konnte. Inzwischen habe ich auch die Kommentarfunktion bei Facebook abgestellt, bin seltener bei Instagram und Twitter. Das fällt mir sehr schwer, denn ich schätze den direkten Austausch mit den Menschen. Aber inzwischen wird Facebook zunehmend gekapert von Wutbürgern und Demokratieverächtern, die Hass und Verachtung verbreiten. Dem will ich nicht weiter Raum geben. Deshalb habe ich hier für mich eine Grenze gezogen.

Sie haben sich eine Auszeit genommen, aber die Welt ist unterdessen nicht friedlicher geworden. Sie haben sich immer vehement für Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen. Was ist aus der Vision des 1989ers vom „Frieden schaffen, ohne Waffen“ geworden?

Natürlich will ich diesen Anspruch nicht aufgeben. Aber wir müssen erkennen, dass Frieden kein Dauerzustand ist, sondern wir tagtäglich hart für ihn arbeiten müssen. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten den Frieden für selbstverständlich genommen und unsere Verteidigungsfähigkeit sträflich vernachlässigt. Diese Versäumnisse rächen sich jetzt. Natürlich müssen wir auch mit schwierigen Partnern wie Russland oder China den Dialog suchen, aber solche Gespräche kann man nur aus einer Position der Stärke, Wehrhaftigkeit und auf Augenhöhe führen.

Bedeutet das aber nicht eine Rückkehr zum Wettrüsten des Kalten Krieges?

Freiheitliche Gesellschaften und soziale Demokratien müssen sich gegen Diktaturen verteidigen können. Dem Ukraine-Krieg darf kein militärischer Flächenbrand folgen. In den osteuropäischen Ländern ist diese Bedrohung sehr real. Und dieser Krieg wird ja längst auch gegen uns geführt. Der Gashahn wird zugedreht, die Putinsche Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren. Sogar die Ministerpräsidenten von Bayern und Sachsen erwecken nun den Eindruck, unsere Unterstützung für die Ukraine widerspräche deutschen Interessen, was ich für völligen Stuss halte.

Warum ist das Stuss? Sind Sie als Politiker nicht zuallererst dem deutschen Volk verpflichtet?

Glaubt denn im Ernst irgendjemand, dass dieser Krieg, dass das brutale Morden endet, wenn wir die Ukraine allein lassen und vor Russland kuschen? Putin würde uns auch weiterhin erpressen, weil wir von seinem Gas und Öl abhängig sind. Aus dieser Abhängigkeit müssen wir schnellstmöglich raus.

Tauschen wir momentan nicht nur eine Abhängigkeit gegen die andere aus? In einer globalisierten Welt ist doch einer vom anderen abhängig?

Das haben wir ja schon in der Corona-Krise gemerkt, als plötzlich die Lieferketten zusammenbrachen und wir anfangs ohne China nicht einmal mehr genug Masken hatten. Trotzdem bleibe ich ein Freund der Globalisierung, doch sie muss regelbasiert sein, soziale und ökologische Kriterien beachten. Für Deutschland ist es jetzt wichtig, auf Vielfalt zu bauen, man nennt das Diversifizierung. Mit den erneuerbaren Energien machen wir uns unabhängig von Staaten mit reichen Vorkommen an Gas und Öl. Als rohstoffarmes Land werden wir aber nie autark sein können. Wir brauchen den fairen und freien Handel mit der Welt.

Noch ist die Solidarität mit der Ukraine in Deutschland groß. Wie lange wird das anhalten, wenn wir tatsächlich im Winter im Kalten sitzen?

Wir haben bisher sehr verantwortungsbewusst gehandelt. Die Lasten müssen gerecht verteilt werden. Auch ich war im Gegensatz zu Herrn Merz von der CDU gegen ein sofortiges Gasembargo, weil ich weiß, was das auch für unsere heimische Industrie, etwa für Kali und Salz, bedeutet. Die Inflation ist derzeit leider viel zu hoch, aber der Arbeitsmarkt ist nach wie vor sehr stabil. Wir können uns manches noch leisten. Deshalb gilt es jetzt, nicht weitere Ängste zu schüren. Kein Rentner, keine Geringverdienerin muss sich davor fürchten, im Winter in einer kalten Stube zu sitzen. Klar ist aber auch, dass uns das als Gesellschaft noch einiges abverlangen wird.

Michael Roth (51) wurde in Heringen geboren. Er hat Politologie, Öffentliches Recht, Germanistik und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main studiert und ist Diplom-Politologe. Der SPD-Politiker ist seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages und war vom 17. Dezember 2013 bis 8. Dezember 2021 Staatsminister für Europa. Seit 15. Dezember 2021 ist Roth Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages. In dieser Funktion hat er sich engagiert für Hilfe für die Ukraine und für Waffenlieferungen ausgesprochen. Roth ist verheiratet und lebt mit seinem Mann in Bad Hersfeld. (Kai A. Struthoff)

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