Eine Weitgereiste setzt sich ein

Landtagswahl: Anne Noetzel aus Witzenhausen kandidiert für die Linke

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Handwerkerin mit zwei Uni-Abschlüssen: Anne Noetzel hat in den 1990er Jahren in Witzenhausen studiert und dabei viel Zeit im Tropengewächshaus (Bild) verbracht. 

Anne Noetzel aus Witzenhausen tritt im Wahlkreis 10 (Rotenburg) als Direktkandidatin der Linke bei der Landtagswahl an. Sie nutzt den Wahlkampf um für linke Themen zu werben.

Eine Weltenbummlerin mit Lebensmittelpunkt im Werra-Meißner-Kreis – das ist Anne Noetzel. Als Direktkandidatin der Linken will sie in den Landtag einziehen und bringt dafür von drei Kontinenten Lebenserfahrung mit.

Früh packte die gebürtige Kielerin das Fernweh: Nach einer Maschinenbau-Lehre versuchte sie, als Selbstständige mit einem Freund in Gambia Entwicklungshilfeprojekte zu unterstützen. Da die beiden nicht genug für die Sozialversicherung verdienten, erinnerte sie sich an einen Traum: „Als Kind wollte ich in die Landwirtschaft, aber meine Eltern hatten keinen Hof.“ Noetzel entscheidet sich für ein Agrar-Studium in Witzenhausen. Es folgen verschiedene Jobs, viel Sparen – und viele Reisen.

Bei ihrem aktuellen Arbeitgeber hat sie eine halbe Stelle, arbeitet aber Vollzeit, um Überstunden zu sammeln. Die bummelte sie oft im Ausland ab: In Liberia, Gambia und Schweden hat sie länger gelebt, in Australien eine Bewässerungsanlage wieder aufgebaut. „Man taucht anders in das Land ein, wenn man den Alltag vor Ort teilt“, sagt Noetzel. Man sehe die Sorgen: etwa die der afrikanischen Bauern, die mit billigen EU-Agrarimporten nicht mithalten können. Man sehe auch Gutes: etwa das schwedische Gesundheitssystem, wo Krankenschwestern auf dem Land ärztliche Aufgaben übernehmen und die allgemeine Gesundheitsversorgung verbessern.

Dass es so etwas auch in Hessen gibt, dafür will sich Noetzel einsetzen – bei der Linken. Bis sie dort eine politische Heimat fand, legte sie ebenfalls eine längere Reise zurück.

„Ich stamme aus einem CDU-Haushalt“, gesteht sie. Dann kamen die Wende, die Hartz-IV-Gesetze, Debatten über Bundeswehreinsätze. „Das hat mich politisiert“, sagt Noetzel. Die CDU fühlte sich nicht mehr richtig an, die Politik der SPD unsozial. Es folgte eine Zeit als Nichtwählerin, aber: „Irgendwann wollte ich nicht mehr nur auf dem Sofa sitzen.“

In Sachen Agrarpolitik, Regionalentwicklung und Ökologie vertritt sie Positionen, die von den Grünen stammen könnten. „Aber ihre Haltung zum Krieg hat die Grünen für mich unwählbar gemacht“, betont Noetzel. Nach einer „Sympathiephase“ findet Noetzel die größte Schnittmenge bei der Linken im Werra-Meißner-Kreis, seit 2015 fühle sie sich aber im Kreisverband Hersfeld-Rotenburg wohler. „In der Linken gibt es verschiedene Strömungen“, sagt Noetzel dazu diplomatisch. An der Sammlungsbewegung #Aufstehen beteiligt sie sich nicht.

Dafür aber im Linken-Landesvorstand und an Infoständen: Es macht ihr Spaß, mit Bürgern über bessere Bildung, eine ökologischere Landwirtschaft und ein bedingungsloses Grundeinkommen zu diskutieren. Dabei muss sie viel einstecken, hört Sätze wie „Ihr Linken wollt doch nur die Mauer wiederhaben.“ Noetzel zuckt mit den Schultern: „Ich musste lernen, das nicht persönlich zu nehmen.“ Ohne realistische Chancen auf das Direktmandat nutzt sie den Wahlkampf, um für linke Themen zu werben. Auch die Opposition könne viel bewegen, sagt sie: „Helmut Schmidt lag falsch. Ich finde: Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

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Zur Person 

Anne Noetzel (50) wurde in Kiel geboren. Nach einer Lehre im Maschinenbau und einer Zeit in Liberia und Gambia zog es Noetzel ab 1994 nach Witzenhausen, die dortige Uni verließ sie später mit zwei Abschlüssen in „Internationaler Agrarentwicklung“ und „Ökologische Landwirtschaft“. 

Derzeit bildet sie am Fortbildungszentrum Deula in Witzenhausen Gärtner und Garten-Landschaftsbauer in der Pflege und Wartung von technischen Geräten fort. „Die Maschinenbaulehre hat mich immer verfolgt“, sagt sie lachend. Aus gesundheitlichen Gründen möchte sich Anne Noetzel beruflich neu orientieren, aber gern weiter in der Erwachsenenbildung tätig sein. Noetzel ist ledig und kinderlos und lebt im Witzenhäuser Stadtteil Unterrieden. In ihrer Freizeit restauriert sie einen 40 Jahre alten Wohnwagen und betreibt gerne Upcycling – verhilft also alten Dingen, die weggeworfen werden sollen, zu einer neuen Aufgabe. (fst)

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