Nasir Formuli arbeitet in der Requisite

Hersfelder Festspiele: Künstler aus Afghanistan im Fadenkreuz der Taliban

+
Der afghanische Schauspieler und Puppenspieler Nasir Formuli arbeitet in der Requisite der Bad Hersfelder Festspiele.

In seiner Heimat Afghanistan ist der 35-jährige Schauspieler Nasir Formuli seines Lebens nicht mehr sicher. Zurzeit arbeitet er bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Nur knapp ist er dort dem Selbstmordanschlag eines 16-jährigen Attentäters entkommen, der sich bei einem Theaterstück in die Luft gesprengt hat. 40 Menschen wurden verletzt, zwei starben – und Nasir Formuli verlor seine Heimat. Frieden und ein wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft findet er zurzeit bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Nasir Formuli hat an der Fine Arts Faculty der Universität Kabul sein Diplom als Schauspieler, Puppenspieler und Regisseur gemacht. Er spielte in TV-Serien und Filmen, wurde 2011 sogar zum besten Schauspieler Afghanistans gewählt. Mit einer selbst-gegründeten Theatergruppe zog er durchs Land und zeigte im Zuge eines Projekts mit Unicef Stücke für Kinder und Jugendliche. Er wurde zu internationalen Festivals eingeladen, auch in Berlin. 

„Ich bin in Afghanistan sehr bekannt“, sagt Formuli. Sein Engagement für Menschenrechte, Frieden, Kinder und Umweltschutz indes ist den Taliban ein Dorn im Auge. Immer wieder gab es Drohungen und Einschüchterungsversuche. Dann kam jener fatale Tag im Dezember 2013 als die Bombe der Taliban im französischen Kulturzentrum in Kabul explodiert.

In Berlin Schauspiel studiert

Dank guter Kontakte ins Ausland kann Formuli mit seiner Frau fliehen. Schon deren Vater und Onkel wurden von den Taliban ermordet. Über Indien kam das Ehepaar nach Deutschland. Mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes konnte er an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin studieren. Dort bekam er auch Kontakt zu anderen Schauspielern und zu Regisseur Robert Schuster, der ihn im vergangenen Jahr – gemeinsam mit der berühmten afghanischen Frauenrechtlerin und Schauspielerin Leena Alam – für „Peer Gynt“ engagierte. Inzwischen lebt Nasir Formuli mit seiner Frau, einer Literaturwissenschaftlerin, und den beiden vier und zwei Jahre alten Söhnen Arwin und Arslan in Gießen.

Doch seine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung war immer wieder in Gefahr. Ihm fehlte ein fester Job. „Aber dauerhafte Engagements sind ja selbst für deutsche Schauspieler nur selten“, erzählt Formuli. Um Asyl hat er nie gebeten, denn er wollte weiter arbeiten. Immer wieder hatte Formuli Engagements am Theater, arbeitete in Künstler-Projekten, hatte kleinere Filmrollen und Jobs – so wie in diesem Sommer in der Requisite der Bad Hersfelder Festspiele. „Wir haben die Kulissen für alle Stücke gebaut, das macht viel Spaß“, erzählt Formuli. „Es ist für mich eine neue Erfahrung, die Stühle zu reparieren, die auf der Bühne kaputt gegangen sind“, erzählt er schmunzelnd, um gleich wieder ernst zu werden. 

„Ich würde gern wieder zurück nach Afghanistan gehen und dort beim Wiederaufbau helfen“, sagt er. Nur einmal war er in den vergangenen vier Jahren wieder daheim. Seine Mutter war schwer krank. Aber sofort waren auch die Taliban wieder da und ließen nach ihm suchen. In Landestracht gekleidet tauchte er bei Verwandten unter.

"Es wird immer schlimmer"

Obwohl seine Familie begütert ist und zur oberen Mittelschicht gehört – der Vater hat lange im Ausland gearbeitet, der Bruder ist Architekt, eine Schwester Musikerin, die andere Grafikerin – kann er nicht zurück. „Für Künstler, die sich auch politisch engagieren, es ist schwer. Die Taliban würden mich wieder verfolgen – und finden.“ Ohnehin sieht er nur wenig Fortschritt in Afghanistan. „Das Land ist nicht sicherer geworden, es wird eher schlimmer“, sagt er traurig.

Inzwischen hat Nasir Formuli ein drei Jahre währendes Aufenthaltsvisum mit Arbeitserlaubnis für sich und seine Familie erhalten. Die regelmäßige Arbeit in Bad Hersfeld habe ihm dabei sehr geholfen. Nach den Festspielen ist er zusammen mit Regisseur Robert Schuster in einem Projekt in Klagenfurt tätig. Andere Engagements sind in Planung. „Ich liebe es, mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten, denn sie sind weltoffen und politisch engagiert.“ Auch sonst hat er in Deutschland bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht. Und das unstete Leben ist er als Schauspieler gewöhnt. Trotzdem hofft Ahmad Nasir Formuli, irgendwann in seine Heimat zurückkehren zu können. „Denn wer soll unser Land nach den Jahrzehnten des Krieges wieder aufbauen, wenn alle gut ausgebildeten jungen Leute nicht mehr da sind?“

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion