Einwohnerrückgang prognostiziert

Zukunftsstudie: Hersfeld-Rotenburg hat beste Noten in Nordhessen

Bis zum Jahr 2035 werden in Hersfeld-Rotenburg laut einer Prognose rund 9150 Menschen weniger leben als vor zwei Jahren, also nur noch knapp 112.000 Menschen.

Zu dieser Prognose, die einem Bevölkerungsrückgang von 7,5 Prozentpunkten entspricht, kommt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner neuen Studie „Die demografische Lage der Nation – Wie zukunftsfähig Deutschlands Regionen sind“.

Für die Studie haben die Wissenschaftler alle 401 Kreise und kreisfreie Städte in 21 Kategorien verglichen. Hersfeld-Rotenburg landet insgesamt auf Rang 202 – das ist die beste Platzierung aller nordhessischen Landkreise. In der Vorgängerstudie, die 2011 veröffentlicht wurde, hatte der Kreis mit Platz 306 noch wesentlich schlechter abgeschnitten.

„Die positive Entwicklung ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Frauen in der Region wieder mehr Kinder bekommen“, sagt Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Aktuell liege der Durchschnittswert bei 1,85 Kindern pro Frau, vor zehn Jahren waren es noch 1,36. „Zudem ist der Kreis familienfreundlicher geworden, die Quote bei der Ganztagsbetreuung ist gestiegen“, so Slupina. Gut schneide Hersfeld-Rotenburg auch in den Kategorien Tourismus, Jugendarbeitslosigkeit, Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten und familienfreundlicher Wohnraum ab.

Negativ aufs Gesamtergebnis wirken sich die kommunalen Schulden im Landkreis, die niedrige Beschäftigungsquote der über 50-Jährigen und die geringe Anzahl der Hochqualifizierten aus. Besonders schlecht (Schulnote 6) bewertet das Institut die Arbeitsmarktchancen für Ausländer in Waldhessen. „Da ist noch sehr viel Luft nach oben“, sagt Slupina.

Gute Noten bei der Familienfreundlichkeit, aber zu wenig ältere Arbeitnehmer und schlechte Job-Aussichten für Ausländer: Der Landkreis kommt auf die Gesamtschulnote 3,48 („befriedigend“). Das sind nordhessenweit die besten Werte. Wir haben uns die auffälligsten Einzelergebnisse des Landkreises angeschaut. 

Ältere Arbeitnehmer 

Eine der größten Schwachstellen ist laut den Autoren der Studie die vergleichsweise geringe Beschäftigungsquote der über 50-Jährigen in Hersfeld-Rotenburg. Sie liegt bei 49,6 Prozent und besagt, dass nicht einmal jeder zweite Einwohner zwischen 50 und 64 Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgeht. 

Zum Vergleich: Der Bestwert liegt bei 61,4 Prozent im thüringischen Kreis Hildburghausen. Nach Ansicht der Wissenschaftler spielt eine möglichst hohe Quote mit Blick auf den demografischen Wandel im ländlichen Raum eine gewichtige Rolle. Sie sei ein Indikator dafür, wie weit der regionale Arbeitsmarkt schon Strukturen geschaffen hat, um ältere Arbeitnehmer möglichst lange im Job zu halten. Erhöhen ließe sich die Quote durch attraktivere Zeitarbeitsmodelle, mehr Fortbildungsangebote bis ins hohe Arbeitsalter und das Bilden von generationsübergreifenden Teams. 

Chancen für Migranten

Ein weiteres Defizit (Schulnote 6) hat das Berlin-Institut bei den Arbeitsmarktchancen für Ausländer ausgemacht. Demnach ist die durchschnittliche Arbeitslosenquote von Migranten mehr als viermal so hoch wie die von deutschen Staatsbürgern. „Bei perfekter Integration sollten sich die Quoten nicht unterscheiden“, heißt es in der Studie. 

René Bieber, Fachbereichsleiter für Arbeit und Migration beim Landkreis, weist auf Nachfrage darauf hin, „dass es für einen Migranten mit Sprachhindernissen deutlich schwieriger ist, eine sozialversicherungspflichtige Arbeit zu finden, als für jemanden ohne Sprachprobleme.“ Um dem entgegenzuwirken „und uns in diesem Bereich nachhaltig zu verbessern, muss die Förderung von Sprachkursen von Bund und Land unbedingt auf gleichbleibendem Niveau bleiben.“ 

Kommunale Schulden 

Negativ auf die Frage, wie zukunftssicher der Landkreis ist, wirken sich den Autoren zufolge auch die kommunalen Schulden aus: „Verschuldete Kommunen müssen an freiwilligen Leistungen sparen, wozu viele Angebote im Jugend-, Sport- und Kulturbereich sowie für die Integration zählen“. Das Berlin-Institut hat für die Studie auf Zahlen vom 30. Juni 2016 zurückgegriffen. Demnach betrug der Schuldenstand der Kommunen pro Einwohner 3827 Euro. 

Markus Holle, Zukunftsbeauftragter des Landkreises, sagt: „Mit der Einführung der Hessenkasse und dem damit verbundenen Wegfall der Kassenkredite werden die veralteten Zahlen der Studie aus dem Jahr 2016 wieder ins richtige Licht gerückt.“ Viele Kommunen hätten inzwischen wieder eine Perspektive. 

Familienfreundlichkeit 

Positiv bewertet das Institut die Familienfreundlichkeit im Landkreis, speziell: die Angebote der Ganztagsbetreuung, das Verhältnis von Müttern und Vätern beim Bezug von Elterngeld und der Bestand an familienfreundlichem Wohnraum. Darunter fallen Wohnungen mit drei oder mehr Räumen. Dieser Anteil am gesamten Wohnungsbestand beläuft sich im Landkreis auf fast 94 Prozent. Damit liegt er bundesweit im Spitzenfeld. In Großstädten wie München beträgt der Wert unter 70 Prozent. 

Der Zukunftsbeauftragte Holle sieht in der von der Studie bescheinigten Familienfreundlichkeit eine „Chance, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken". 

Die Noten des Landkreises Hersfeld Rotenburg

Für die Studie hat das Berlin-Institut alle 401 deutschen Landkreise und kreisfreie Städte verglichen und für jeweils 21 Indikatoren, verteilt auf vier Oberkategorien, Schulnoten vergeben. Unser Überblick zeigt das Ergebnis für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg. 

Demografie 

Kinderzahl pro Frau

Bevölkerungsanteil der unter 35-Jährigen

Durchschnittliche Lebenserwartung

Ab- und Zuwanderungssaldo je 1000 Einwohner

Bevölkerungsanteil der über 74-Jährigen

Bevölkerungsprognose von 2017 bis 2035

3,66

2

4

4

4

4

4

Wirtschaft 

verfügbares Haushaltseinkommen 

Bruttoinlandsprodukt 

kommunale Schulden je Einwohner 

Anteil der sozialversicherungspfl. Beschäftigten

Anteil der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern

Frauenbeschäftigung

Beschäftigungsquote der über 50-Jährigen

Übernachtungszahlen im Fremdenverkehr

Arbeitsmarktchancen für Ausländer

3,63

4

3

5

4

2

4

5

2

6

Bildung

Schulabgänger ohne Abschluss 

Anteil arbeitsloser Jugendlicher 

Anzahl der Hochqualifizierten

3,33

3

2

5

Familienfreundlichkeit 

Elterngeldbezieher

Ganztagsbetreuung

Anteil der Wohnungen mit drei und mehr Räumen 

2,67

3

3

2

Gesamtnote

3,48

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