Kleine Festspiele im Buchcafé: Der Feind der Klasse

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Reife Leistung: Die verzweifelte Suche nach Anerkennung und Zuwendung wurde von den Sommernachtsträumern mit Unterstützung und Anregungen von Festspielintendant Joern Hinkel eindrucksvoll Szene gesetzt. 

Bad Hersfeld. Die „kleinen Festspiele“ begannen am Montagabend im Buchcafé mit einem Hammer.

Das beliebte Lehrstück für Schauspieler der „KlassenFeind“ (Class Enemy) von Nigel Williams wurde von den beiden Spielleitern Joachim Götz und Jan Frederik Saure von London kurzerhand nach „bad“ Hersfeld verlegt und von sechs Sommernachtsträumern aufgeführt. Fünf Schüler der berüchtigten Klasse 10a einer Hersfelder Problemschule warten in einem völlig demolierten Klassenzimmer auf ihren neuen Lehrer. Der „Klassenfeind“ soll, wie all die anderen Lehrer vor ihm fix und fertig gemacht werden. An der Tafel sind bereits zehn Striche für „Gegrillte Lehrer“ zu erkennen, die alle aufgegeben haben, eben diese 10a zu unterrichten.

Von Anfang an strotzt das Stück vor genitaler Fäkalsprache und Kraftausdrücken, die zeigen sollen, wie „cool“ man ist und wie man die Lehrer aufgemischt hat. Die Tür wird mit einem Schultisch verbarrikadiert, der dabei wie im richtigen Theater ganz ungeplant auch noch zu Bruch geht. Das ist dem völlig gestressten und dem Sex verfallenem „Pickel“, genial dargestellt von Christopher Seban, aber auch egal.

Als nun jedoch niemand kommt, außer ihr Mitschüler, der 24-fache Fensterzerstörer und Türke (Kanake) „Kebab“, gespielt von Lennart Fink, beschließen sie, sich selbst zu unterrichten. Jeder muss nun einmal den Lehrer verkörpern und zu einem selbst gewählten Thema eine „Stunde“ halten.

Im Verlaufe dieses Unterrichts öffnen sich die abgehängten Jugendlichen und erzählen von sich, ihren Nöten, ihrem Hass, ihren Ängsten, ihren chaotischen Familien und ihren Sehnsüchten. Währenddessen schaukelt sich schleichend ihre latente Aggressivität als Ausdruck der eigenen Ohnmacht immer höher.

Maßgebend ist hierbei „Fetzer“, der mit seinem Hass auf alles und einer um sich schlagenden Brutalität von einem über sich hinauswachsenden Jan Frederik Saure gemimt wurde.

Ihm konträr gegenüber steht „Vollmond“, die ihn zu lieben, aber gleichzeitig zu hassen scheint. Meret Semsch, im eigentlichen Leben Krankenpflegerin, füllt diese Rolle emotional aus und hält voll dagegen. Auch der gutmütige „Koloss“, gespielt von Anthony Isaak, kriegt sein Fett weg und wird von „Fetzer“ gedemütigt und verprügelt. Der rumorende Konflikt nimmt so seinen erwarteten Verlauf, eskaliert und „Vollmond“ wird von „Fetzer“ blutig geschlagen und fast erwürgt.

Jetzt ganz am Ende erscheint doch noch ein Lehrer (Joachim Götz), der von „Fetzer“ völlig ausfallend und abfällig diskreditiert und bedrängt wird. Angewidert und unmissverständlich macht der Lehrer den Jugendlichen klar, dass man sie aufgegeben hat und dass sie keiner mehr unterrichten will. Die Schule ist aus! Mit einem letzten Wutausbruch, der nirgends mehr ankommt, bricht „Fetzer“ in sich zusammen.

Diese hilflose verzweifelte Suche nach Anerkennung, nach Zuwendung und Liebe wurde von den Sommernachtsträumern mit Unterstützung und Anregungen von Festspielintendant Joern Hinkel eindrucksvoll verdichtet und gekonnt in Szene gesetzt. Das überzeugte die Gäste vollends und der lange Beifall war mehr als verdient.

Wie am Rande zu vernehmen war, wird im August ein neues Stück von den Sommernachtsträumern erwartet.(sen)

Langer Beifall für Auftakt der Kleinen Festspiele im Buchcafé

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