Interview mit Silvana Hof von der Hessischen Verinigung für Tanz- und Trachtenpflege

Kindertrachtentreffen: Volkstanz und Tracht sind im Kommen

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Wirbt für das Landeskindertrachtentreffen in Bad Hersfeld am 1. und 2. September: Silvana Hof, die Landesjugendwartin des Bunds kultureller Jugend. Auch sie hat bereits mit fünf Jahren mit Volkstanz angefangen.

Bad Hersfeld. Hunderte Kinder in Trachten werden sich am kommenden Wochenende, 1. und 2. September, in Bad Hersfeld tummeln, wenn hier das Landeskindertrachtentreffen stattfindet.

Das Landeskindertrachtentreffen gilt als „kleiner Hessentag“ und findet immer in der Stadt statt, in der das nächste Landesfest gefeiert wird.

Wir haben vorab mit Silvana Hof, Landesjugendwartin des Bunds kultureller Jugend, über Volkstanz und Trachten, Nachwuchssorgen und die Veranstaltung gesprochen.

Mit rund 600 Jungen und Mädchen inklusive Betreuer ist die Teilnehmerzahl beim Landeskindertrachtentreffen in Bad Hersfeld so hoch wie selten zuvor. Woran liegt es, dass es in Osthessen so viele aktive Trachtengruppen gibt?

Silvana Hof: Das ist regional bedingt. Im ländlichen Raum gibt es einfach mehr Gruppen im Bereich Tanz- und Trachtenpflege als beispielsweise im Frankfurter Raum. Für das Fest in Bad Hersfeld haben wir nun den Vorteil, dass es viele Gruppen sozusagen vor der Haustür gibt wie in Ludwigsau-Tann, Kirchheim und Lauterbach, um nur ein paar zu nennen, und die sind jetzt natürlich alle gerne dabei.

Sind Tracht und Volkstanz denn überhaupt noch zeitgemäß?

Hof:(überlegt) Ich würde sagen, es ist wieder im Kommen. Gerade die Kindergruppen haben momentan starken Zuwachs, und ich finde, Volkstanz war eigentlich auch nie wirklich out. Das Besondere an der Tracht ist, dass sie eine Verbindung zur Heimat schafft beziehungsweise auf die Heimat seines Trägers hinweist. Anhand der Tracht kann man erkennen, woher jemand kommt, und früher waren auch den Status oder die Religionszugehörigkeit des Trägers erkennbar. Deshalb glaube ich nicht, dass sie jemals out wird, wenn man es so bezeichnen möchte.

Wie schaffen Sie es, Kinder für dieses vielleicht auf den ersten Blick uncoole Hobby zu begeistern?

Hof: Die meisten kommen über die Familie oder Freunde dazu. Wenn die Eltern, die älteren Geschwister oder die Schulkameraden in einer Trachten- und Volkstanzgruppe aktiv sind, geht man mal mit und bleibt dabei, wenn es einem gefällt. Der Schneeballeffekt funktioniert ganz gut. Manchmal ist Fußball vielleicht cooler, aber wenn in einem Ort viele zum Tanzen gehen, kann das genauso in und beliebt sein.

Das heißt, der Nachwuchs ist gesichert?

Hof: Ja, allerdings haben wir deutlich mehr Mädchen. Jungen sind eher Mangelware. Das ist schade, aber auch kein Problem, denn es gibt viele Gemeinschafts- oder Mitmachtänze, wo man keinen Partner benötigt und jeder sofort mitmachen kann. Und natürlich können auch Mädchen mit Mädchen oder Jungen mit Jungen tanzen. Das ist gleichzeitig das Besondere daran: Jeder kann mitmachen, egal in welchem Alter oder welchen Geschlechts. Wir sagen gerne: Tanzen verbindet, und gerade Veranstaltungen wie das Landeskindertrachtentreffen mit Übernachtung schweißen die Gruppen noch mehr zusammen. Was uns fehlt, ist die Generation zwischen Schule und Beruf, denn viele gehen fürs Studium oder die Ausbildung aus der ländlichen Region, aus der Heimat, weg. Einige kommen aber später wieder zurück, und andere Vereine haben das gleiche Problem.

Bayerische Dirndl und Lederhosen kennt jeder – welche Trachten gibt es denn bei uns in der Gegend überhaupt?

Hof:(lacht) Das Dirndl ist keine Tracht, sondern eine Modeerscheinung. Das Land Hessen hat zwar nicht unbedingt die meisten Trachtenträger, aber die größte Vielfalt an Trachten. Es gibt viele Orte, wo noch Trachten erhalten sind, und es gibt Trachten, von denen man weiß, dass sie nur in ganz kleinen Dörfern mit wenig Seelen getragen wurden.

Sehr markant und bekannt ist beispielsweise die Lauterbacher Tracht mit der großen sogenannten Radhaube. Aber ich bin keine Spezialistin für Tracht, da haben wir extra Fachgruppen.

Welches ist denn Ihre Lieblingstracht?

Hof: Ganz klar meine eigene, die Marburger-Evangelische. Nicht nur, weil ich damit groß geworden bin und sie schon immer trage, sondern weil sie auch heute noch weit verbreitet ist, sie sogar tatsächlich noch getragen wird und einige Besonderheiten aufweist. Einmalig zum Beispiel ist, dass es eine evangelische und eine katholische Variante gibt, das ist sonst nicht üblich. Die Marburger-Evangelische ist übrigens auch jüngst als Tracht des Jahres gekürt worden, ein Prädikat unseres Bundesverbands, für das man sich bewerben kann und bestimmte Kriterien erfüllt werden müssen.

Wo bekommt man denn heute solche Trachten her?

Hof: Es gibt noch einige Originalteile aus früheren Zeiten, vieles wird aber in Handarbeit nachgenäht. Jede Gruppe hat ihren eigenen Trachtenwart, der sich auskennt und so etwas herstellen kann. Das Problem ist nicht allein, dass es nicht mehr genug Originalteile gibt, sondern eher, dass diese heute kaum noch passen. Früher waren die Leute kleiner, auch mir sind die Röcke zu kurz. Es gibt auch spezielle Trachtenmärkte, auf denen man Trachten findet. Aber ohne Nachgemachtes geht es nicht. Alle Teile werden individuell und in Handarbeit angefertigt. Meist sind die Trachten Eigentum des Vereins, das dann an die Mitglieder verliehen wird.

Warum sollten sich auch Nicht-Tracht-Träger das Spektakel in Bad Hersfeld nicht entgehen lassen?

Hof Wenn bei der Abschlussveranstaltung hunderte Kinder in Tracht auf einem Fleck gemeinsam tanzen, ist das einfach ein einmaliges Bild. Das kann man nicht beschreiben, das muss man gesehen haben. Dieser Anblick lohnt sich wirklich.

Die einzelnen Gruppen bekommen vor dem Treffen eine Beschreibung des gemeinsamen Tanzes und die Musik, zudem wird in einem Vorbereitungsseminar geübt. Das 30-minütige Programm wird in einen leichten und einen schwereren Block unterteilt, sodass für alle Altersklassen etwas dabei ist. Ein Vierjähriger kann nicht das Gleiche tanzen wie ein Zehnjähriger. Jedes Jahr wird eine andere Choreografie eingeübt. Die Premiere findet dann am Festsonntag statt. Für die Jungen und Mädchen ist das immer auch eine gute Gelegenheit, Tänze aus anderen Regionen kennenzulernen.

Das Landeskindertrachtentreffen ist jedes Jahr anders, aber immer wieder wunderschön. 

Von Nadine Maaz

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