Montagsinterview

Kinderarzt Witte: Sport und Musik für gesunde Kinder

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Kinderarzt Georg Johannes Witte ist inzwischen in seiner Praxis als angestellter Arzt tätig. Übernommen hat sie die Ärztin Ina Buchmann.

Georg Johannes Witte ist seit 36 Jahren als Kinderarzt in Bad Hersfeld tätig. Er hat seine Praxis an Ina Buchmann übergeben, arbeitet dort aber nach wie vor als angestellter Arzt.

Bad Hersfeld – Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über seine Erfahrungen, über Veränderungen und Dinge, die ihm wichtig sind.

Wie geht es mit der Kinderarztpraxis Witte weiter?

Frau Buchmann ist schon seit zwei Jahren bei uns. Sie hat ihre Facharztausbildung in der Praxis fortgesetzt und nach der fachärztlichen Prüfung als Assistentin hier weitergearbeitet. Nachdem ihr das gut gefallen hat und wir uns auch menschlich und von der Arbeit her gut verstehen, haben wir beschlossen, die Praxis zunächst gemeinsam weiterzuführen. Ich bin jetzt für die nächsten Jahre als ehemaliger Chef bei Frau Buchmann angestellt mit offiziell 30 Stunden. Sie hat zwei kleine Kinder und möchte gerne Zeit für die Familie haben. Und mir tut es auch gut, mal einen freien Tag zu haben. Es gibt mittlerweile mehrere Praxen in Bad Hersfeld, die so ähnlich fahren.

Ist das das Zukunftsmodell, dass nicht mehr unbedingt ein Arzt eine Praxis betreibt, sondern dass man sich die Arbeit teilt?

Die Kassenärztlichen Vereinigungen drängen gerade im ländlichen Bereich darauf, dass aus den Einzelpraxen Gemeinschaftspraxen werden, weil zunehmend junge Kolleginnen und Kollegen sich auch um die Familie kümmern wollen. Dieses Modell hat auch für die Patienten Vorteile. Der alte Chef mit seiner Erfahrung ist noch da, auf den die jungen Ärzte zurückgreifen können. Man kann auf diese Weise natürlich auch die Sprechzeiten verlängern.

Wie sieht es denn mit der Versorgung mit Kinderärzten in der Region aus?

Wir haben in unserer Region bis Eschwege elf Kollegen, bzw. vor allem Kolleginnen. Viele von ihnen haben Kinder. Viele Praxen sind deshalb nachmittags spärlicher besetzt.

Hat sich denn in den vergangenen Jahrzehnten die gesundheitliche Situation von Kindern verändert? Sind sie eher kränker oder eher gesünder?

Sie sind nur gefühlt kränker. Wir haben aber heute eine deutlich bessere Hygiene. Die Eltern achten auf gesunde Ernährung. Die Wohnverhältnisse sind besser geworden. Das sind alles Dinge, die für eine bessere Gesundheit sorgen. Zudem wurden auch viele Kinder umfassend geimpft, haben das größtenteils auch gut vertragen und profitieren davon.

Was raten Sie Eltern, um die Gesundheit und die Entwicklung ihrer Kinder zu fördern?

Meine Empfehlung an die Eltern ist: Sport, Sport, Sport und Musik, Musik, Musik.

Ganz wichtig ist es, dass Kinder schwimmen lernen. Eltern können mit ihnen schon zum Babyschwimmen gehen, später gibt es dann verschiedene Schwimmkurse. Immer noch ertrinken viel zu viele Menschen, vor allem auch Kinder. Das ist fürchterlich und eigentlich unnötig.

Eltern sollten zudem frühzeitig anfangen, mit ihren Kindern im Straßenverkehr Regeln zu lernen. Ein wichtiger Punkt ist auch der Verkehr vor den Schulen, der durch Elterntaxis enorm gefährlich ist. Uns liegt es sehr am Herzen, solche Gefährdungssituationen zu vermeiden.

Warum ist gerade Musik so wichtig?

Kinder, die ernsthaft Musik machen. sind durchweg konzentrierter, gruppenfähiger, intensiver an der Arbeit, es gibt auch Leute, die sagen, die sind einfach intelligenter. Sie sind meistens auch in der Schule erfolgreicher.

Viele Kinder sind ja schon früh mit dem Fernseher, Smartphone und Computer in Kontakt. Was sagen Sie dazu?

Die Digitalisierung ist ein ernsthaftes Problem. In einem Interview in Ihrer Zeitung konnte man jetzt erst lesen, wie sehr die Digitalisierung die kindlichen Hirne schädigt. Ein junger Mensch, der am Smartphone hängt, ist mit seiner Konzentration, seiner Gedankenwelt völlig woanders. Viele Smartphone-Entwickler lassen ihre eigenen Kinder nicht an die Geräte, bevor sie nicht mindestens 14 Jahre alt sind. Wir haben 200 000 mediendrogenabhängige Kinder in der Bundesrepublik. Viele Kinder können sich nicht mehr normal beschäftigen, können nicht mehr zuhören.

Aber man kann sich der Digitalisierung ja auch nicht komplett verweigern.

Kinder sollen schon lernen, sich in der digitalisierten Welt zurechtzufinden, aber der Suchtfaktor ist groß. Es gibt ja durchaus an den Schulen auch die Notwendigkeit, die Digitalisierung voranzutreiben, um auch zu lernen, wie man sich in der Masse von Informationen zurechtfindet. Auch Eltern müssen sich klar sein, dass nicht alles, was im Internet steht, seriös ist und dass die Auswahl, welche Artikel zuerst angezeigt werden, nicht nach Wichtigkeit oder Wahrheitsgehalt erfolgt, sondern von Dr. Google getroffen wird und natürlich auch etwas mit Geschäft zu tun hat.

Sind Eltern heute eher besorgter oder kritischer geworden?

Ja, das sind sie. Das Problem ist, dass die Mütter vielfach sehr besorgt sind. Da fehlen die Großeltern, die sagen können, dass ein Schnupfen oder Fieber noch kein Drama sind, dass man erst mal ein Fieberzäpfchen oder genug zu trinken gibt und am nächsten Tag guckt, ob man wirklich zum Arzt gehen muss. Dadurch dass die Eltern dann auch Dr. Google konsultieren und seitenweise Informationen finden, ist die Verunsicherung sehr gewachsen. Wenn wir ein Kind impfen wollen, dann müssen viele Eltern sich erst einmal informieren und drüber nachdenken.

Ich habe vor einigen Tagen mit Ihrem Kollegen Dr. Michael Sasse gesprochen. Der sagt, dass jeden Tag Kinder sterben, weil es nicht genug Pflegepersonal gibt. Sehen Sie die Situation im Kreis ähnlich dramatisch?

Wir haben ja die Kinderklinik am Ort. Ich habe da vor ein paar Wochen erst hospitiert und hinter die Kulissen geguckt. Die Pflege, die heute gemacht wird, ist schon aufwändig. Und wir brauchen auch die Mütter dabei. Auch von ärztlicher Seite muss viel getan werden. Aber hier ist das noch in der Balance. In der Neonatologie in Hannover, wo der Kollege Sasse tätig ist, brauchen sie im Grunde genommen eine Eins-zu-Eins-Pflege – eine Pflegekraft für jedes Kind. Aber es ist grundsätzlich sinnvoll, die schwierigen Patienten in einer Klinik zu zentralisieren, wo eine gute Pflege ist und wo es viel Erfahrung gibt. In Schweden gibt es zum Beispiel nur wenige Zentren, in denen Schwangere entbinden. Damit drücken die die Rate der Kaiserschnitte. Die haben dann eine Mannschaft da, die gut trainiert ist. Unsere Kaiserschnittrate liegt inzwischen bei 30 Prozent, das ist viel zu hoch. Wir schaffen damit kranke Kinder, denn der natürliche Geburtsprozess ist für die Gesundheit der Kinder wichtig.

VON CHRISTINE ZACHARIAS

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