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Nadine Günther von der Fachberatung „Haltepunkt“ spricht über sexualisierte Gewalt

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Von: Christine Zacharias

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Gerade bei jüngeren Kindern ist das Puppenhaus eine gute Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, sagt Nadine Günther von der Beratungsstelle Haltepunkt bei Pro Familia zum Thema sexualisierte Gewalt.
Gerade bei jüngeren Kindern ist das Puppenhaus eine gute Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, sagt Nadine Günther von der Beratungsstelle Haltepunkt bei Pro Familia zum Thema sexualisierte Gewalt. © Christine Zacharias

Die Nachricht, dass ein ehemaliger Grundschulleiter aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg wegen des Verdachts des sexuellen in Untersuchungshaft sitzt, hat viele Menschen erschreckt.

Hersfeld-Rotenburg - Umso mehr, als der Mann wegen seines großen Engagements sehr beliebt war. Nadine Günther berät Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern und pädagogische Fachkräfte in der Beratungsstelle „Haltepunkt“ der Pro Familia in Bad Hersfeld zum Thema sexualisierte Gewalt. Sie ist Mitglied des Krisenstabs der betroffenen Schule in Lispenhausen.

Frau Günther, sind Kinder in der Schule besonders gefährdet?

Das kann man so nicht sagen. Die Täter kommen normalerweise aus dem nahen Umfeld der Kinder. Zum nahen Umfeld gehören natürlich auch Lehrkräfte, Erzieherinnen, Sporttrainer und in Vereinen und der gesamte Familienkreis. Aber man kann nicht sagen, dass Kinder in Schulen besonders gefährdet sind.

In welchem Bereich passieren die meisten Fälle von sexualisierter Gewalt?

Durch Familienmitglieder. Nach meiner Erfahrung hier in der Beratungsstelle kann ich sagen, dass es meistens Stiefväter und auch Großväter sind. Und dazu kommen noch Kinder und Jugendliche untereinander. Übergriffiges Verhalten passiert auch unter Geschwistern oder Kindern, die sich teilweise schon lange kennen.

Stimmt es, dass potenzielle Täter gerne pädagogische oder soziale Berufe wählen, um problemlos an Kinder heranzukommen?

Es kann sein, dass sich solche Leute einen Beruf aussuchen, bei dem sie mit Kindern zu tun haben. Aber man muss bei der Einstellung in pädagogische Berufe immer ein Führungszeugnis vorlegen und das alle fünf Jahre erneuern. Natürlich kann man damit diejenigen, deren Taten noch nicht aufgedeckt worden sind, nicht erfassen. Die Täter sind oft Menschen, die sich sozial engagieren und die von allen gemocht und anerkannt werden.

Warum hat jemand, der so viel Anerkennung erhält, es nötig, seine Macht auf diese Weise Kindern gegenüber auszunutzen?

Das gehört zur Täterstrategie. Die begehen ja in der Regel geplante Taten. Und wer sich so engagiert, fällt mit seiner Nähe zu Kindern nicht auf. Täter sind in der Regel nicht die Personen, die schon immer komisch oder auffällig waren und vor denen Kinder auch Angst haben. Täter sind meistens Personen, die die Kinder kennen und zu denen sie Vertrauen haben. Auch die Eltern vertrauen ihnen, sonst würden sie den Kindern ja nicht erlauben, mit solchen Personen Kontakt zu haben. Dieses Vertrauen ermöglicht den Tätern – überwiegend sind es Männer –, ihre Taten zu begehen. Und wenn dann tatsächlich mal ein Vorwurf laut wird, wird der nicht sofort geglaubt. Das löst ja auch dieses Entsetzen aus, weil man sich gar nicht vorstellen kann, dass jemand, den man über Jahre kennt und der eine Vertrauensperson ist, so etwas tut – egal in welcher Institution.

Es heißt ja, dass Kinder ziemlich viele Anläufe nehmen müssen, bis ihnen jemand glaubt, was ihnen geschehen ist. Worauf sollten Eltern bzw. Lehrkräfte und Erzieher achten, damit sie die Botschaft der Kinder verstehen?

Es ist tatsächlich so, dass Kinder in der Regel sieben Anläufe brauchen, um sich jemandem anzuvertrauen. Nur in Ausnahmefällen wenden sie sich dabei offen an die Eltern und sagen: „Mir ist da was passiert“. Meistens machen Kinder immer wieder mit Signalen auf sich aufmerksam. Für Erwachsene ist das aber nicht ohne Weiteres erkennbar. Das sind oft ganz kleine Signale. Wenn sie sich anvertrauen, dann sind das oft nicht die Eltern, sondern ein Freund oder eine Freundin, eine Lehrkraft oder eine andere Vertrauensperson.

Welche Anzeichen gibt es dafür, dass ein Kind sexualisierter Gewalt ausgesetzt ist?

Verhaltensänderungen sind immer ein Warnsignal. Es gibt betroffene Kinder, die ziehen sich auffällig zurück, es gibt aber auch welche, die auffälliges Verhalten zeigen, Wutausbrüche, zum Beispiel, die sie gar nicht kontrollieren können. Kinder können dann selber oft nicht sagen, was gerade mit ihnen los war. Sie können auch ihre Gefühle nicht einordnen. Manchmal können es auch Symptome für eine ganz andere Sachen sein, zum Beispiel Essstörungen, Depressionen, Suizidgedanken, zwanghaftes Waschen. Solche Symptome sind ein Hinweis, dass da etwas nicht in Ordnung ist, egal welche Ursache das hat. Da sollte man dann hinschauen.

Und wie sollten Eltern oder Vertrauenspersonen dann reagieren?

Sie sollten die Kinder ernst nehmen und sie für ihren Mut loben, dass sie sich anvertraut haben. Es ist auch ganz wichtig, den Kindern zu erklären, was man jetzt unternehmen wird und nicht ohne das Wissen der Kinder über ihren Kopf hinweg handeln. Man sollte auch keine falschen Versprechungen machen. Ganz wichtig ist es, keine detaillierten Fragen zu stellen. Man sollte das Kind entscheiden lassen, was und wie viel es erzählt und ihm die Zeit geben, die es benötigt.

Wenn Eltern oder andere Kontaktpersonen einen Verdacht haben – was sollten sie tun?

Sie sollten sich auf jeden Fall Hilfe holen und nicht alleine damit bleiben oder voreilig handeln. Wichtig ist es, sich erst einmal zu sortieren und das Ganze sacken zu lassen und dann mit einer vertrauten Person darüber reden. Pädagogische Einrichtungen haben einen Handlungsleitfaden, wie mit solchen Situationen umzugehen und wer zu informieren ist. Grundsätzlich empfehle ich, eine Fachberatungsstelle aufzusuchen. Die Beratungsstelle hat Schweigepflicht. Gut ist es immer, alles zu dokumentieren, was einem auffällt und was das Kind gesagt hat. Wenn ein Kind wirklich akut in Gefahr ist, dann wird die Fachberatung vermutlich empfehlen, das Jugendamt aufzusuchen oder die Polizei.

Und was sollte man besser bleiben lassen?

Voreiliges Handeln oder sofort zur Polizei oder zum Jugendamt zu gehen ist bei einem Verdacht nicht zu empfehlen. Man sollte auf keinen Fall das Kind oder den mutmaßlichen Täter damit konfrontieren.

Wieso nicht?

Das kann sonst noch drastischere Folgen haben. Der Täter könnte dann das Kind noch mehr unter Druck setzen und bedrohen. Es gehört ohnehin zur Täterstrategie, die Kinder unter Druck zu setzen, dass sie niemandem etwas erzählen dürfen.

Was können Eltern grundsätzlich tun, um ihre Kinder zu schützen?

Vertrauensperson sein. Es ist wichtig, dass Kinder wissen, dass sie sich ihren Eltern anvertrauen können, auch mit unangenehmen Themen. Kinder stärken, sie zum Beispiel zu sportlichen Aktivitäten ermutigen. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Man sollte Kindern auch erklären, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Und wenn ein Geheimnis ihnen Bauchweh macht, dann dürfen sie darüber reden. Mit Kindern über gute und schlechte Gefühle zu sprechen, ist ebenfalls gut. Kinder sollten den Raum bekommen, negative Gefühle auch äußern zu dürfen. Erwachsene sollten zudem, die Grenzen, die Kinder setzen, akzeptieren, wenn sie zum Beispiel nicht in den Arm genommen oder abgeküsst werden wollen. Da fängt Prävention schon an. Sexualerziehung ist natürlich auch wichtig. Dabei helfen gute Bücher, auch für kleinere Kinder. Sexualität sollte nicht tabuisiert werden.

Viele Eltern warnen ihre Kinder vor Unbekannten, die sie auf der Straße ansprechen. Wie groß ist die Gefahr eines sexuellen Übergriffs durch Fremde?

Auch wenn Studien belegen, dass die meisten Täter aus dem nahen Umfeld kommen, ist diese Gefahr durch Fremde immer da. Auch im Internet ist die Gefahr groß. Da melden sich Täter auf den Plattformen an, auf denen Jugendliche sich bevorzugt aufhalten und geben sich als Gleichaltrige aus. Da wird dann eine Beziehung aufgebaut und irgendwann steht vielleicht ein Treffen im Raum oder der Wunsch, ein Bild geschickt zu bekommen – erst mal nur ein Kopfbild, später dann auch eins in Unterwäsche. Damit können die Jugendlichen dann erpresst werden.

Welche Unterstützung bieten Sie Kindern und Jugendlichen an?

Ich begleite und unterstütze betroffene Kinder und Jugendliche. Ich bin ja Traumafachberaterin, deshalb liegt mein Schwerpunkt auch auf der traumapädagogischen Arbeit. Es gibt verschiedene Methoden und Übungen, um Kinder zu stabilisieren. Einige Kinder begleite ich bereits seit eineinhalb Jahren, andere Kinder kommen nur ein paar mal. Grundsätzlich geht es darum, Kindern den Raum zu geben, damit sie sich und ihren Körper wieder positiv wahrnehmen. Ich biete zudem Prävention in Schulklassen an, und zwar altersgerecht abgestuft mit meinem Kollegen von „Notbremse“ zusammen, der sich um sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche kümmert.

Ist es nicht wichtig, die Polizei einzuschalten und Anzeige zu erstatten?

Wenn jemand Strafanzeige erstatten möchte, begleite ich die Kinder und Jugendlichen auch da. Zunächst informiere ich aber darüber, was auf sie zukommt. Ich arbeite viel mit der Fuldaer Opfer- und Zeugenhilfe, die auch für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg zuständig ist, zusammen. Die sind Experten, wenn es um Strafanzeigen geht. Viele Betroffene trauen sich ein Strafverfahren, bei dem sie alles vor Fremden und eventuell in Anwesenheit des Täters erzählen und Fragen beantworten müssen, nicht zu.

Das bedeutet dann ja aber auch, dass die Täter straffrei davonkommen und weitermachen können.

Genau das heißt das. Das muss man manchmal aushalten können. Es gibt Kinder, die wollen die Anzeige, damit es andern nicht auch passiert. Aber mein Fokus liegt darauf, zu sehen, was das jeweilige Kind braucht. Und wenn ein Kind nicht stabil genug ist oder das nicht will, dann ist es besser, auf eine Anzeige zu verzichten.

Und welche Hilfen gibt es für Eltern und pädagogische Fachkräfte?

Für Eltern und andere Bezugspersonen gibt es Beratung und Begleitung, zum Beispiel auch zum Thema Strafanzeige oder dazu, wie sie mit Verhaltensänderungen bei ihren Kindern umgehen können. Meine Aufgabe ist es auch, die Eltern aufzuklären, was sexualisierte Gewalt ist und was das in Kindern auslöst. Für Fachkräfte biete ich bei einem konkreten Verdacht Fallberatung an. Fortbildungen mache ich regelmäßig, zum Beispiel für Lehrkräfte oder Tagespflegeeltern. Wir bieten auch verschiedene Präventionsprojekte, teilweise mit Theatergruppen zusammen, an. Schulen erhalten Unterstützung bei der Erarbeitung von Schutzkonzepten. Jede Schule ist verpflichtet, ein Schutzkonzept zu entwickeln.

Kommen Kinder auch von sich aus zu Ihnen oder werden sie von jemandem geschickt?

In den zweieinhalb Jahren, die ich jetzt hier bin, haben Betroffene sich noch nie selbst gemeldet. Sie werden durch Freunde, Eltern oder Bekannte, oft auch Schulsozialarbeiterinnen, denen sie sich anvertraut haben, vermittelt. Da vergeht mitunter sehr viel Zeit. Deshalb ist es wichtig, dass Erwachsene wissen, dass es hier eine Fachberatungsstelle gibt.

Was wäre ihrer Meinung nach notwendig, um Kinder besser schützen zu können?

Ein großes Thema ist Sexualerziehung. Das geht ja schon in Kitas los. In den Familien sollte es einen offenen Umgang mit Sexualität geben, sodass Kinder zum Beispiel wissen, wie man die Geschlechtsteile benennt. Kinder müssen wissen, an wen sie sich bei Problemen wenden können, wo man ihnen zuhört und sie nicht auslacht und dass ihre Eltern ihnen glauben. Wenn die Vertrauensbasis zwischen Kindern und Eltern gut ist, ist es für Kinder leichter, über das zu sprechen, was ihnen unangenehm ist.

Wie viele Kinder sind von sexualisierter Gewalt betroffen?

Man sagt, dass es in Deutschland jedes Jahr zwischen 12- und 16 000 Kinder sind, aber das sind nur die angezeigten Fälle. Und zu einer Anzeige kommt es nicht so oft, weil da natürlich einiges dazugehört. Es kann Jahre dauern, bis es nach einer Anzeige zu einem Strafverfahren kommt und das kann für Betroffene sehr belastend sein. Ein ganz großes Problem ist zudem, dass es oftmals keine Beweise gibt. Da steht Aussage gegen Aussage. Das entmutigt viele. Das Dunkelfeld bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder ist deshalb erheblich größer.

Zur Person: Nadine Günther (27) ist Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), traumazentrierte Fachberaterin und Kinderschutzfachkraft. Sie arbeitet für die Beratungsstelle „Haltepunkt“ der Pro Familia in Bad Hersfeld zum Thema sexualisierte Gewalt bei Kindern und Jugendlichen. Nadine Günther lebt im Schwalm-Eder-Kreis und liebt lange Spaziergänge mit ihrem Hund und Rennradfahren.

Von Christine Zacharias

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