Bad Hersfelder Festspiele: „Die Stiftsruine ist wie Seelenurlaub“

Kein gewöhnlicher Jedermann: Schauspieler Philipp Hochmair im Exklusiv-Interview

Das Bild zeigt Philipp Hochmair vor einem Teil der alten Hersfelder Stadtmauer.
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Zurück zu den Wurzeln: Zum 70. Geburtstag der Festspiele wird in Bad Hersfeld wieder „Jedermann“ gegeben – diesmal allerdings der von Philipp Hochmair in dessen „Reloaded“-Fassung.

Seine Auftritte sind wild und wuchtig, mit seinem kraftvollen Spiel erinnert er so manchen an die Performances eines Klaus Kinski – heute Abend gibt Philipp Hochmair den „Jedermann Reloaded“ .

Bad Hersfeld - Allerdings kommt der gebürtige Wiener im Gegensatz zu Kinski ohne Beleidigungen für das Publikum aus. Der 47-Jährige ist ein Ausnahmeschauspieler. Wir sprachen vor seinem Auftritt mit Philipp Hochmair, der im Fernsehen zuletzt im Mehrteiler „Charité“ und in der Krimi-Reihe „Blind ermittelt“ zu sehen war und dessen Darstellung des öligen Ministers Schnitzler in der Serie „Vorstadtweiber“ vielen unvergessen bleiben wird.

Noch am Wochenende waren Sie als Werther im Cowboy-Look in Österreich zu sehen – die Kommentare auf Instagram zeugen von leidenschaftlichen und umjubelten Abenden. Am Montagabend nun der Jedermann in der Stiftsruine – woher nehmen Sie die Kraft für Ihre vielen Auftritte?
Diese Literatur hat ja selbst eine ganz große Kraft und Potenz und das hat für mich eine solche Strahlkraft. Dafür lebe ich und dafür brenne ich und das gibt mir das Benzin und den Elan dafür, das zu machen. In der Stiftsruine spielen zu dürfen, das ist für mich Seelenurlaub – sich hier ausleben zu dürfen und damit auch noch Leute anzuzünden. Deshalb werde ich immer genug Kraft haben, das zu machen.
Sie sind als Theaterschauspieler groß geworden und haben bei Legenden wie Klaus Maria Brandauer Ihr Handwerk erlernt – was reizt Sie mehr, Bühne oder Bildschirm?
Ich finde, die Kombination ist das Beste. Ich könnte nicht nur Theater spielen – das ist mir in dieser Exzessivität auf Dauer vielleicht dann doch zu anstrengend. Ich könnte ohne Theater aber gar nicht leben – und Film und Theater befruchten sich gegenseitig schon sehr.
Musikalische Vorlieben sagen viel über einen Menschen aus – was sind, unabhängig von der Elektrohand Gottes, Ihre absoluten Lieblingsbands?
Also sicher so etwas wie Led Zeppelin oder Neil Young – experimentelle Rockmusik hat uns beeinflusst und auch Pink Floyd mit ihren Pompeii-Konzerten – das ist auch ein Leitmotiv für unsere Aufführung heute Abend.
Ihr Jedermann ist ein Rockstar, Sie haben aber auch den „echten“ Jedermann – zum Beispiel 2018 aus dem Stand als Ersatz für den erkrankten Tobias Moretti in Salzburg – schon gegeben: Welche Interpretation ist Ihnen lieber?
(lacht) Natürlich ist mir ganz klar mein eigenes Konzept lieber. Aber die Kombination ist perfekt. Ich bin wahrscheinlich wirklich der Einzige, der das komplette Stück auswendig kennt, weshalb ich auch jede Rolle spielen kann. Der Auftritt in Salzburg ohne konkrete Probe vorab war in der Tat eine Sternstunde, die mich – zusammen mit den Vorstadtweibern – in Österreich über Nacht zum Star gemacht hat.
Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Jedermann so zu präsentieren, wie Sie es tun?
Ich habe das Stück schon als Schüler auf dem Domplatz gesehen – und ehrlich gesagt nichts verstanden. Daraus ist der Impuls entstanden, die Figur aus subjektiver Sicht erzählen zu wollen, aus dem Kopf des überheblichen Protagonisten heraus. Ähnlich eines Täterfilms. Der Zuschauer darf mitleiden, ohne ihn von vornherein zu verurteilen. Es ist doch geil, auch mal böse zu sein. Zumindest für eine Stunde und am Ende kriegt er eh aufs Maul.
Woher kommt Ihre kreative Verrücktheit?
Ich komme – glaube ich – aus der totalen bürgerlichen Ordnung und habe einfach Lust, das immer wieder neu zusammenzusetzen und zu erschüttern. Ich bin als Kind viel im Theater gewesen und das war mir oftmals viel zu langweilig – das war auch die Motivation für meinen Jedermann: was würde ich denn gerne sehen, wie würde ich mir denn vorstellen, wie so ein Theaterabend sein soll? Da soll ’ne geile Band spielen, da soll man den Text frei behandeln – da soll einfach was passieren und ich muss mich nicht schlecht fühlen, dass ich den Inhalt vielleicht nicht gut genug kenne oder dass ich nicht genug Vorwissen habe. Im Theater sollte man sich entspannen und sich nicht falsch fühlen – das ist ein Freiraum, in dem alles mal erlaubt sein sollte.
Sie posten Bilder mit Sean Penn, ihre Performances erinnern an Klaus Kinski – haben Sie schauspielerische Vorbilder und wenn ja, welche sind das?
Ich mag solche schrägen Vögel. Alle Leute, die aus dem Rahmen fallen, haben mich immer schon beeindruckt. Egal in welcher Hinsicht. Ich liebe experimentelle Grenzgänger. Schlingensief-Filme zum Beispiel – das ist mein ganz persönlicher Geschmack. Wenn Du nach Inspiration fragst: das ist meine Quelle. Konventionelles Fernsehen verlangt ganz andere Skills – drum muss ich ja wieder Theater machen.
Ist Ihnen die Bad Hersfelder Stiftsruine als Spielort zuvor bekannt gewesen?
Nein, aber ich war vorhin dort und der Bühnenmeister hat mir gleich gezeigt, durch welchen Gang ich kommen könnte und was nicht geht. Auf so einer tollen Bühne kann man sich richtig treiben lassen, so macht das Arbeiten Spaß.
Zum Festspiel-Flair gehört auch das Aufeinandertreffen mit den Darstellern im Städtchen, beim Einkaufen oder an der Tankstelle. Wie häufig werden Sie angesprochen oder sind Sie ohnehin lieber anonym unterwegs?
Ich werde oft angesprochen, zuletzt hat mich ein Blind-ermittelt-Fan im Zug erkannt. Mir macht das Freude und ich bin froh, auf die Weise Rückmeldungen zu bekommen, denn zumindest beim TV bekommt man die sonst ja nicht. Viele Kommentare und diese „naive“ Draufsicht sind auch durchaus inspirierend. Das könnte kein Fernsehredakteur besser formulieren.
Sie sind in Wien aufgewachsen, sprechen vier Sprachen und haben auch auf Französisch und Spanisch schon gespielt. Was unterscheidet denn die Deutschen von den Österreichern?
Durch die ständigen Wechsel zwischen beiden Ländern fühlt es sich für mich eigentlich fast wie ein Land an. Aber es gibt in der Tat krasse Unterschiede. Das merke ich, wenn Wiener in Hamburg ins Theater gehen und man hinterher ins Gespräch kommt. Das ist eine andere Kultur. Die Grenze zwischen Witz und Realität verschwimmt mehr. Der schräge Humor ist in Österreich präsenter und man ist dort weniger korrekt.
Das TV-Publikum kennt Sie als skrupellosen Politiker aus „Vorstadtweiber“, Ermittler ohne Augenlicht in „Blind ermittelt“ oder Pathologen aus der „Charité“. Auf Ihrer Internetseite präsentieren Sie sich vornehmlich lässig-cool: Wie ist Philipp Hochmair privat?
Die viele Arbeit und das Private vermischen sich. Schaut mich an. Ich bin ein Vagabund, der von einem Gastspiel zum nächsten fliegt wie so ein Schmetterling und der da auch seinen Nektar herauszieht. Ich vermeide es, sesshaft zu werden und nehme das Leben als experimentellen Spielvorgang wahr. Und ich umgebe mich auch gern mit Leuten, die ähnlich leben.
Relaxter Typ: Philipp Hochmair liebt ausgefallene Locations. In die Bad Hersfelder Stiftsruine, die er zuvor noch gar nicht kannte, hat sich der 47-jährige Wiener sogleich schockverliebt. Um hier zu spielen, nimmt er auch Unannehmlichkeiten wie weite Anreisen und sogar das Thronen auf Bernd Weylands Kunstwerk „Fünfstuhl“ vor der historischen Spielstätte für unser Foto liegend gerne in Kauf.

Die Aufführung von Jedermann Reloaded beginnt am Montag, 26. Juli 2021, um 20.30 Uhr in der Stiftsruine. Es gibt noch Restkarten an der Abendkasse. Es gelten die aktuellen coronabedingten Einlassregeln. (Nadine Meier-Maaz und Peter Gottbehüt)

Zur Person

Philipp Hochmair (47) ist am 16. Oktober 1973 geboren worden und in Wien aufgewachsen, wo er früh seine Leidenschaft für Literatur, Film und Theater entdeckte – auch dank seiner Mutter, die damals als Ärztin regelmäßig Schauspieler betreute. Er hat Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien sowie an der National Academy of Dramatic Arts in Paris studiert. Zwischen 2015 und 2021 war er in vielen deutschen und österreichischen TV-Serien zu sehen, auf der Bühne gestanden hat er etwa bei den Salzburger Festspielen und am Burgtheater in Wien. Für die Hauptrolle in „Blind ermittelt“ erhielt er 2019 den österreichischen Romy-Preis. Mit seiner One-Man-Show „Jedermann Reloaded“ ist er bereits seit 2013 auf Tour. Hochmair spricht vier Sprachen, ist für das Goethe-Institut um die halbe Welt gereist und lebt zurzeit in Hamburg.

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