SPD-Fraktionschef in der Kreisstadt

Karsten Vollmar: „Bad Hersfeld muss sympathischer werden“

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Ein „Roter“ auf dem roten HZ-Sofa: Der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Bad Hersfelder Stadtverordnetenversammlung Karsten Vollmar. 

Bad Hersfeld – Die Schonfrist des Hessentag-Jahres ist vorbei. In der Bad Hersfelder Stadtpolitik wird es jetzt ernst.

Mit Blick auf die bevorstehenden Haushaltsverhandlungen sprachen Karl Schönholtz und Kai A. Struthoff mit dem SPD-Fraktionschef Karsten Vollmar, dem inoffiziellen Oppositionsführer im Stadtparlament.

Herr Vollmar, das fragile Bündnis mehrerer Parteien in der Stadtverordnetenversammlung ist zerbrochen. Wann setzt sich die SPD wieder den Hut in der Stadtpolitik auf?

Die SPD hatte inhaltlich schon viele Hüte auf und hat viel nach vorn gebracht: Das Festspielfunktionsgebäude, die Abschaffung der Straßenbeiträge, das Verkehrs- und das Jugendkonzept. Aus dem Rathaus, vom Bürgermeister, kommen zu wenige Impulse. Deshalb muss das Stadtparlament diese Rolle einnehmen, aber natürlich geht es dabei auch immer um Mehrheiten. Die SPD ist nach allen Seiten gesprächsbereit, wir unterstützen alle vernünftigen Vorschläge. Aber wir haben auch ein klares eigenes Profil – bei Kitabeiträgen, Vereinsförderung oder Wirtschaftsförderung.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den anderen Fraktionen?

Wer mit uns gemeinsam etwas machen möchte, ist herzlich willkommen. Ich habe ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu den anderen Fraktionsvorsitzenden, vor allem von CDU und NBL/Grünen. Wir treffen uns und finden dabei auch immer Gemeinsamkeiten.

Die SPD selbst ist sich aber auch nicht immer ganz einig: Beispiel - die Diskussion ums Festspieldefizit?

Das Abstimmungsverhalten der SPD zum Festspieldefizit war konsequent, denn wir haben vier Jahre so abgestimmt und haben das Defizit immer kritisiert. Denn das sind Steuergelder, mit denen seriös umgegangen werden muss. Aber natürlich sind die Festspiele auch das Alleinstellungsmerkmal Bad Hersfelds, deshalb haben wir bei der Abstimmung auch die Festspiele unterstützt.

Stichwort Stadtmarketing: Das ist seit jeher ein unterschätzter Bereich, der nur halbherzig betrieben wird. Mittlerweile machen uns Bebra und Rotenburg dabei etwas vor, oder?

Stimmt, das Stadtmarketing ist eines der großen Problemfelder der vergangenen Jahre. Wir haben jetzt – aus den Fraktionen heraus und gemeinsam mit dem Stadtmarketingverein – das Stadtmarketing neu organisiert. Zukünftig wird die Organisation verschiedener Feste von der Stadt übernommen, und das ist auch richtig. In diesem Bereich brauchen wir aber Profis, die Konzepte entwickeln und auch über den Tellerrand schauen. Der Bürgermeister hat diese Aufgabe zurzeit selbst übernommen, aber nur temporär. Die Stelle muss jetzt ausgeschrieben werden ...

... und derweil enteilen uns die Nachbarstädte ...

Ja, Bebra und Rotenburg machen viel, vermarkten sich gut und treten nach außen als sympathische Player auf. Das kann für Bad Hersfeld kritisch werden, denn das fehlt uns. Wir wuchern mit Festspielen und Lullusfest, aber aus der Ganzjahreskultur könnte viel mehr gemacht werden. Und was ist mit der Kur, den Generationen, dem Leerstand? Und wo ist ein Leitbild für den Einzelhandel oder effektive Wirtschaftsförderung? Es gibt viele Brillengeschäfte und Bäcker, aber wo bekomme ich einen Suppentopf, wenn Carl Grebe jetzt geht? All das liegt im Dornröschenschlaf, deshalb müssen wir endlich konzertiert aktiv werden!

Mit Blick auf die Haushaltsverhandlungen sind die Spielräume kleiner geworden. Für die SPD war es immer ein Tabu, die Kita-Gebühren zu erhöhen. Wie lange können wir uns das noch leisten?

Die niedrigen Kita-Gebühren bei zugleich hoher Betreuungsqualität sind ein Pfund – und SPD pur. Auch deshalb haben wir Zuzug von jungen Familien. Wir können uns das auch weiterhin leisten. Das ist aber auch ein Attraktivitätsmerkmal gegenüber unseren Nachbargemeinden. Viel drängender als die Gebühren ist für mich die Personalfrage. Wir brauchen mehr Leute, um die vorhandenen Kräfte zu entlasten, um auch Springer zu haben und flexiblere Zeiten einführen zu können. Aber eine Erhöhung der Kitagebühren kommt für uns nicht in Frage – das ist die Ultima Ratio.

Ob das der Wähler wohl honoriert? Oder wird die SPD bei der Kommunalwahl hier so abgewatscht wie im Bund?

Anders als im Bund haben wir hier ein klares Profil, etwa bei Kitas, Vereinen, Lärmschutz und Generationengerechtigkeit. Aber das Bild der SPD im Bund, das gebe ich zu, ist derzeit suboptimal.

Die SPD hatte über die Jusos stets engagierte junge Leute gehabt, die aber mit der Zeit weggehen. Wie kompensieren Sie das?

Ich selber bin 42 Jahre – das ist ja nun auch noch relativ jung. Natürlich, die studien- und arbeitsbedingten Umzüge sind bitter, aber da sitzen wir mit Vereinen und Verbänden in einem Boot. Aber wir haben auch Neueintritte von jungen Leuten. Allerdings wollen die zu Recht konkrete Projekte haben und keine langatmigen Sitzungen.

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres. Welches sind die drei wichtigsten Baustellen, an denen Bad Hersfeld arbeiten muss?

Erstens natürlich der Haushalt, der das städtische Leben in allen Bereichen bestimmt. Ohne Moos nix los. Zweitens die Entwicklung des Wever-Geländes mit einem Generationenmix und der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Drittens müssen wir die Feuerwehr fit halten. Da stehen Rieseninvestitionen an, denn der Fahrzeugpark ist teilweise veraltet. Das ist eine Pflichtaufgabe, und die müssen wir bald stemmen. Das sind wir den Feuerwehrleuten schuldig. Aber alles hängt am Haushalt – das ist die Klaviatur der Kommunalpolitik. Wer die nicht beherrscht, der kann einpacken.

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