Viel Beifall in der Stadtkirche

Kantoreikonzert: Stille Trauer, stille Freude

Trost spenden an grauen Tagen: Unter der Leitung von Sebastian Bethge bot die Hersfelder Kantorei, unterstützt von den Thüringer Sinfoniker und Solisten das Requiem op.148 von Robert Schumann und weitere Werke. Fotos: Steffen Sennewald

Bad Hersfeld. Das Kantoreikonzert in der Bad Hersfelder Stadtkirche überraschte mit unkonventioneller Werkfolge bei Liszt und Schumann.

Sebastian Bethge überrascht gern mit unkonventionellen, originellen, stets sinnvollen, auch metierüberschreitenden kirchenmusikalischen Programmen. Kann doch ein Kantor normalerweise Franz Liszts Sinfonische Dichtungen getrost beiseite lassen. Die Nummer 13 „Von der Wiege bis zum Grabe“, 1881/82 entstanden, gab ihm sogar Impulse zu einer eigenen Komposition nach Psalm 139, die er im Kantoreikonzert zum Volkstrauertag in der überaus gut besuchten Stadtkirche uraufführte.

Begeisterten mit schönen Stimmen: Die Solisten Annika Rioux (Sopran), Eva Schuster (Alt), Florian Brauer (Tenor) und Peter Schüler (Bass) (von links).

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“, so lautet der von Solisten und Chor gesungene Text. Er drängt die Fülle und Gewissheiten des Lebens in einen einzigen Satz zusammen und formuliert musikalisch drei einprägsame, „sprechende“ Motive kleinteilig-intensiv, auch etwas lehrhaft aus, bevor nach spiegelbildlicher Reprise eine knappe Apotheose des Orchesters das 14-minütige Werk krönt. Durchwaltete schon Liszts ebenso lange dreiteilige Sinfonische Dichtung das Gesetz der Stille, so herrschte die auch in Robert Schumanns Requiem op. 148 vor – die Spätwerke zweier Komponisten, die nach einer stürmischen Lebens- und Karrierebahn mehr und mehr zur Kargheit, ja Mattigkeit neigten.

An solchen Stücken können Interpreten von heute sich kaum entzünden und steigern. Doch können sie sie intensivieren, vor allem den harmonischen Raum verdichten, die Stille hörbar, die Sanftheit fühlbar machen. Und das ist ja nicht das geringste Anliegen der Wort- und Klangpredigten dieser „grauen“ Tage: In der Trauer Trost zu spenden, hinter Vergänglichkeit und Tod die Jenseitshoffnung und -freude aufzuspüren.

Weiter Radius

Die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt zogen im etwa 75-minütigen Verlauf des Abends einen weiten Radius musikalischer Binnenkontraste von der geisterhaften Schwebe der Streichinstrumente bis zur harmonischen, paukengestützten Fülle des ganzen Orchesters. Der Vokalpart, weniger umfangreich als gewohnt, hatte im rund 50-köpfigen „Konzertchor Hersfelder Kantorei“ ein sorgfältig intonierendes, im Ausdruck flexibles und sensibles Tutti-Ensemble, in das die vier Solisten präzise, still leuchtende Akzente flochten – wie Blumen in einen Totenkranz. Neben Florian Brauer (Tenor) und Peter Schüler (Bass) gefiel zumal das Damenduo: Annika Rioux mit einem Engelsgesang aus innigen, vibratozarten Sopranflexionen und die kurzfristig hinzugekommene Eva Schuster mit ebenso weichem und biegsamem Stimmgepräge in der Altlage.

Und noch einmal großes Lob für Sebastian Bethge, seine mutige, stimmige Werkzusammenstellung und sein exaktes, weit ausholendes, in sich ruhendes Dirigat. Zum Schluss nach einigen Besinnungsmomenten breiter Applaus und für die Solisten und den Leiter weiße Rosen vom Dirigententöchterchen.

Von Siegfried Weyh

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