44-jährige Frau in Bad Hersfeld verurteilt

Stiefmutter gesteht Misshandlung von zwei Kindern

Justitia-Figur vor strahlend blauem Himmel
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Mit einer Bewährungsstrafe ist vor dem Jugendschöffengericht in Bad Hersfeld der Prozess wegen Misshandlung zweier Stiefkinder durch eine 44-jährige Frau zu Ende gegangen.

Mit einer Bewährungsstrafe ist jetzt in Bad Hersfeld die Verhandlung gegen eine 44-Jährige zu Ende gegangen, die zwischen 2011 und 2015 die Kinder ihres Ex-Mannes misshandelt hat.

Bad Hersfeld - Eigentlich hatte der Prozess vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld schon im September 2016 stattfinden sollen, er wurde damals jedoch wieder ausgesetzt, um zu einem späteren Zeitpunkt von vorn zu beginnen, da die Aussage der Tochter im Gerichtssaal auf weitaus mehr Taten schließen ließ, als zunächst angeklagt waren. Somit waren weitere Ermittlungen nötig.

Denn damals hatte die Angeklagte die Vorwürfe noch bestritten, jetzt gestand sie die ihr vorgeworfenen Taten zumindest im Wesentlichen ein. Demnach wurden die beiden Kinder, die im Prozess als Nebenkläger auftraten, regelmäßig von ihr geschlagen, getreten, gewürgt, geschubst oder auf andere Art gedemütigt. Die im Tatzeitraum zwischen elf und 13 Jahren alte Stieftochter musste etwa kalt duschen oder kalte Ravioli mit Salz essen. Der sieben bis neun Jahre alte Stiefsohn wurde mit einer Plastikstange geschlagen und er gab an, eine Treppe hinuntergestoßen worden zu sein. Daran wollte sich die 44-Jährige indes nicht erinnern können. Die Misshandlungen geschahen zum Großteil im Haus der Familie im südlichen Kreisteil.

Dass es nun trotzdem bei einer Freiheitsstrafe auf Bewährung blieb, hatte die Angeklagte allein ihrem Geständnis beziehungsweise einer vorherigen Absprache aller Prozessbeteiligten und der ungewöhnlich langen Verfahrensdauer zu verdanken, die nicht der Angeklagten angelastet werden könne, wie deren Verteidigerin betonte. Richterin Michaela Kilian-Bock hatte die Situation zu Beginn der Sitzung so erklärt: Nachdem es 2018 und 2019 nicht gelungen sei, mit den vielen Prozessbeteiligten einen Termin zu finden und der erste Verteidiger erkrankte, funkte 2020 dann die Corona-Pandemie dazwischen.

Verurteilt wurde die 44-Jährige nun wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Körperverletzung in zwei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Sie muss zudem 3000 Euro Schmerzensgeld an das Mädchen und 2000 Euro an den Jungen zahlen und 15 Termine bei einer Beratungsstelle wahrnehmen. Weitere 4000 Euro muss die Frau als Vergleich im Adhäsionsverfahren an die Kinder zahlen. Ihr wurden zudem die Kosten des Verfahrens und der Nebenklage auferlegt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

So funktioniert die Verständigung (Deal) im Strafverfahren

Der Bewährungsstrafe lag in diesem Fall eine Verständigung zugrunde, ein sogenannter Deal im Strafverfahren. Das heißt, für den Fall eines Geständnisses war der Angeklagten trotz der schweren Vorwürfe eine Bewährungsstrafe in Aussicht gestellt worden. Dieses Vorgehen, bei der sich das Gericht und alle Beteiligten vorab über Fortgang und Ergebnis des Verfahrens verständigen, ist in Deutschland möglich. 

Stiefkinder misshandelt: Mädchen bis zur Ohnmacht gewürgt

Würgen bis zur Ohnmacht, Schläge mit einer Plastikstange, Gegenstände als Wurfgeschosse und noch viel mehr: Was die beiden Stiefkinder der 44-Jährigen, die jetzt vom Jugendschöffengericht verurteilt wurde, ganz offenbar über mehrere Jahre zu Hause erlebt haben, ist eigentlich unvorstellbar. Im Wesentlichen gestand die Frau, die inzwischen nicht mehr im Landkreis lebt, die Vorwürfe aber ein. Einmal habe sie sogar versucht, das Mädchen absichtlich einen Abhang hinunterzustoßen.

Mit der Bewährungsstrafe waren die Nebenkläger und ihre Vertreter denn auch nicht wirklich glücklich, sie hatten dem Deal trotzdem zugestimmt, um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können.

Mit dem Urteil war die Richterin im Wesentlichen den Anträgen der Staatsanwältin und der Nebenklagevertreter gefolgt, die sich in ihren Plädoyers allerdings für einen vierjährigen Bewährungszeitraum ausgesprochen hatten. „Sie haben den Kindern das Leben zur Hölle gemacht“, so der Anwalt des Mädchens, der zudem eine umfassende und persönliche Entschuldigung vermisste.

Ihr Geständnis hatte die Angeklagte von ihrer Verteidigerin verlesen lassen, auf Nachfragen dann zwar persönlich, aber nur leise und oft ausweichend geantwortet. Die Taten erklärte sie mit Überforderung und Wut sowie den eigenen Gewalterfahrungen in der Kindheit. Heute tue ihr alles sehr leid.

Laut des Sachverständigen waren die Taten indes nicht impulsiv, sondern instrumentell. Er vermutete bei der normal-intelligenten Frau, die nicht krank sei, sadistische Züge und Manipulation.

Das Mädchen hatte sich erst nach rund zwei Jahren einer Schulkameradin, einem Lehrer und schließlich dem Jugendamt anvertraut. Sie kam daraufhin in einem Heim, dann bei der leiblichen Mutter und später in einer Wohngruppe unter. Sie leide noch heute psychisch unter den Folgen und sei in Therapie. Die Verletzungen des Jungen waren irgendwann einer Lehrerin aufgefallen, er kam daraufhin zeitweise in eine Pflegefamilie. (Nadine Maaz)

Adhäsionsverfahren im Strafprozess

Jeweils 2000 Euro Schmerzensgeld aus unerlaubter Handlung wurden den Kindern im sogenannten Adhäsionsverfahren zugesprochen. Bei der Höhe hatte das Gericht die Einkünfte der Angeklagten im Blick, die angab, Schulden abzuzahlen. Im Adhäsionsverfahren können zivilrechtliche Ansprüche aus einer Straftat unmittelbar im Strafprozess geltend gemacht werden statt in einem eigenen zivilgerichtlichen Verfahren.

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