Gleich drei Rollen in "Der Prozess"

Jürgen Hartmann ist ein Meister der Verwandlung

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Spielt auch gerne skurrile Figuren: Der Schauspieler Jürgen Hartmann ist in drei Rollen in Kafkas „Prozess“ bei den Bad Hersfelder Festspielen zu sehen.

Blitzschnell von einer Rolle in die andere zu wechseln gehört zu Jürgen Hartmanns Spezialgebieten. Im Festspiel-Stück „Der Prozess“ kann er diese Fähigkeit gut gebrauchen.

Denn in dem Kafka-Stück spielt er gleich drei Rollen: Den jovialen, berechnenden Bankdirektor, den undurchsichtigen Untersuchungsrichter und den völlig verzweifelten Rudolf Block, der Josef K. vor Augen führt, wie es einem ergeht, der in die Mühlen der Justiz geraten ist.

Viele Zuschauer merken erst beim Blick ins Programmheft, dass diese drei Figuren von einem Schauspieler verkörpert werden.

Jürgen Hartmann hat vor der Schauspielschule, die, wie er sagt, stark psychologisch orientiert war, eine Clownsschule besucht und sich dort mit der Vielfältigkeit der menschlichen Erscheinungsformen intensiv auseinandergesetzt. „Wir haben Tiere und Tierkreiszeichen mit ihren speziellen Eigenschaften körperlich erforscht und uns lange mit Verwandlungskunst auseinandergesetzt“, erzählt er.

Angewendet hat er diese Fähigkeit unter anderem beim Straßentheater, wo er zufällig vorbeikommende Leute imitiert hat. „Man muss blitzschnell Kopf, Hüfte, Gang und die Grundform eines Menschen nachempfinden. Das schult auch.“

Jürgen Hartmann ist nicht nur ein Meister der Verwandlungskunst, er liebt auch die Vielfalt. Und so beschloss er, eine Zeit des Umbruchs am Theater in Bochum und die Tatsache, dass ihm anschließend eine Stelle in Frankfurt mit mehr Arbeit für weniger Geld angeboten wurde, zu nutzen, um freiberuflich zu arbeiten. Nun hat er mehr Zeit für Filmprojekte – zuletzt „Big Manni“, „Club der roten Bänder“ und „Club der singenden Metzger“, der als Zweiteiler in der Weihnachtszeit zu sehen sein wird. Hartmann spielt zudem seit vielen Jahren den Gerichtsmediziner Daniel Vogt im Tatort aus Stuttgart. Außerdem ist Jürgen Hartmann Dozent an der Folkwang-Universität der Künste in Essen tätig, führt gerne Regie und arbeitet als Coach.

Bei einem Festengagement müsse man sieben Tage rund um die Uhr verfügbar sein, habe aber die Möglichkeit, viel auf der Bühne zu stehen und viele große Rollen zu spielen. Als Freiberufler sei man zwar unabhängiger, müsse aber mit der totalen finanziellen Unsicherheit leben und sich von Job zu Job hangeln, wägt er die Vor- und Nachteile ab.

Besonders viel Freude macht ihm seine Lehrtätigkeit. „Es macht Spaß, Leuten zu helfen, ihr Potenzial zu entwickeln“, sagt Hartmann. Anstatt die Nachwuchsschauspieler in seine Vorstellungen zu drücken, versucht er, gemeinsam mit ihnen die Rolle zu entwickeln, ihnen Luft unter die Flügel zu geben. „Wenn das gelingt, wenn die dann abheben, das ist eine Riesenfreude“, sagt Hartmann. Es ist ihm zudem ein Anliegen, seinen Schülern zu vermitteln, dass „man sich in diesem Beruf eine ständige Weiterentwicklung gönnen darf, ein stetiges Wachstum.“ Dazu gehöre es, ein tieferes Verständnis für die Figuren zu finden und sich auch mit psychologischen Fragen auseinanderzusetzen.

Wenn man Glück hat, so Hartmann, hilft das sogar beim Umgang mit der Hitze, wenn man nämlich „seiner eigenen Imagination zum Opfer fällt und die Hitze einfach vergisst“. Grundsätzlich sei es aber anspruchsvoller, bei hohen Temperaturen im Kostüm Theater zu spielen, räumt Hartmann ein. Auch das Publikum sei nicht so geneigt, große Emotionen zu entwickeln. Andererseits mache aber die Witterung auch den Reiz beim Freilufttheater aus, sagt der Schauspieler und erinnert sich gerne an eine leidenschaftliche Liebesszene während ein Unwetter losbrach in Jagsthausen.

Wer Jürgen Hartmann kennenlernen möchte: Er ist am Samstagabend ab 23.30 Uhr gemeinsam mit Günter Alt zu Gast bei den Nachteulen im Kapitelsaal im Museum. (zac)

Zur Person:

Jürgen Hartmann (54) stammt aus Stuttgart. Nach dem Abitur besucht er die Kleintheaterschule von Frieder Nögge und ließ sich zum Clown, Kabarettisten und Stegreifspieler ausbilden. Daran schloss er ein Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hannover an. Hartmann war an den Theatern in Hannover, Darmstadt, Basel, Weimar, Dortmund, Essen und Bochum engagiert und wirkte in verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen mit, darunter zwei Otto-Waalkes-Filme und Serien wie SOKO Köln, Wilsberg oder Tatort. Sportlich ist Hartmann gerne mit dem Rennrad unterwegs und schwimmt.

Premiere von "Der Prozess" bei den Bad Hersfelder Festspielen

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