"Gute Orte"

Jüdische Friedhöfe auf dem Tageberg in Erinnerung bringen

+
Auf den Spuren der Familie: Von links Erica und Marc Steinhart sowie Matthew und Janelle Steinhart.

Bad Hersfeld – Eine am Freitag in der Wandelhalle eröffnete Ausstellung dokumentiert Hersfelds jüdische Friedhöfe auf dem Tageberg.

 „Gute Orte“ nennt man sie aufgrund ihres lebensbejahenden Charakters und der Messias-Erwartung.

Um 1875 wurde „An den Alpen“ (jetzt Michael-Schnabrich-Straße) ein Friedhof angelegt, seit 1920 gibt es einen neuen jüdischen Friedhof in der Heinrich-Heine-Straße. „Auf dem alten Friedhof müssen über 100 Gräber gewesen sein, jetzt sind es nur noch vier, denn viele Grabsteine wurden zum Bau von Flutgräben und von Kläranlagen verwendet“, erzählte Dr. Heinrich Nuhn. Diese vier und 34 Grabsteine vom neuen Friedhof sind in der Ausstellung auf großen Tafeln zu sehen.

Initiiert wurde die Ausstellung von der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hersfeld-Rotenburg“ sowie von der Projektgruppe „Zeitsprünge Hersfeld-Rotenburg“.

Für die Dokumentation und Gestaltung war Dr. Heinrich Nuhn verantwortlich. Die Ausstellung ist eine Ergänzung zur letzten Ausstellung des Kurators mit dem Titel „Sie waren unsere Nachbarn – Hersfelds jüdische Familien“, worüber demnächst ein Buch erscheinen wird.

„Hier liegt eine bedeutende und liebe Frau. Ihr Handeln war vollkommen und makellos, Anmut und tätige Nächstenliebe waren ihr ins Antlitz geschrieben, kurz und voll Leid waren ihre Lebensjahre.“ Diese Zeilen stehen zum Beispiel auf dem Grabstein von Gisela Tannenbaum.

Jüdische Grabsteine erzählen Geschichten, sie sind wie kleine Kunstwerke. Nach einer Einleitungsformel folgt der Name des oder der Verstorbenen, die Namen der Eltern, Titel, Wohnort, Sterbedaten und eben auch löbliche Worte zur Lebensführung. Mit einem Segenswunsch schließt die Inschrift ab. Die hebräischen Texte sind auf den Schau-Tafeln ins Englische und Deutsche übersetzt worden.

Dr. Nuhn hat zu den Verstorbenen noch detaillierte Lebensläufe, Bilder aus Familienalben sowie Zeugnisse der Stadtgeschichte zusammengestellt.

„Hier liegt verborgen ein rechtschaffener, guter und ehrlicher Mann. Er ging stets den richtigen Weg“, steht auf dem Grabstein von Aron Oppenheim. Seine Ururenkel Matthew und Marc Steinhart waren mit ihren Ehefrauen Janelle und Erica extra zur Vernissage aus Baltimore/Maryland gekommen.

Matthew arbeitet im United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. Natürlich stand der Besuch des Elternhauses ihrer Großmutter Ruth in der Dudenstraße 16 auf dem Programm.

„Ich fühle eine besondere Nähe zu diesem Ort“, sagte Matthew. In seiner Rede kamen seine bewegenden Eindrücke zum Ausdruck. Am Kühlschrank seiner Eltern habe ein Foto mit seiner lächelnden Großmutter Ruth gehangen, als sie 1977 vor diesem Haus stand. Nach fast 40 Jahren war sie zurückgekehrt, nachdem man sie 1940 in die Vereinigten Staaten geschickt hatte und sie somit als einziges Mitglied der Hersfelder Familie überlebte.

1968 wurde auf dem Friedhof der Schauspieler Max Strassberg beigesetzt. Es war das erste und bis jetzt das einzige jüdische Begräbnis nach dem Krieg.

Mit Bedacht gewählte Worte sprachen zur Eröffnung Stadträtin Antje Fey-Spengler und Susanne Hofmann, Schulleiterin der Konrad-Duden-Schule. Beide kamen auf aktuelle, rechtsextreme Vorfälle zu sprechen. „Es gilt, Erinnerungen an unsere jüdischen Mitbürger wachzuhalten und genau aufzupassen“, sagte Fey-Spengler. (het)

Kommentare