Die Stiftsruine ist eine besondere Herausforderung

Alles muss passen: Joerg Gruensfelder ist Tonchef der Festspiele

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Joerg Gruensfelder erschafft mit seinem Mischpult in der Stiftsruine besondere Klangwelten.

Die besondere Magie der Stiftsruine zum Leben erwecken: Dieses Ziel hat sich Joerg Gruensfelder gesetzt. Der Tonchef der Hersfelder Festspiele strebt nach Perfektion.

Jedes Jahr setzt er sich vor der Premiere auf jeden einzelnen der rund 1300 Zuschauerplätze und testet die Tonqualität. „Alles muss passen“, sagt der Wahl-Hamburger.

Gruensfelder nimmt jede Vorstellung in der Stiftsruine auf, um sie sich am nächsten Morgen anzuhören. Nur so könne er die Qualität sichern und verbessern. Auch jedes Mikrofon müsse in der Stiftsruine perfekt positioniert sein. Ein Millimeter mache den Unterschied aus. Seine detailverliebte Arbeit hat ein Ziel: Gruensfelder will ganz besondere Klangwelten erschaffen. Entscheidend dafür sei Präzision. Gänsehautmomente könnten nur entstehen, wenn Ton, Licht und Schauspiel zu einer perfekten Symbiose verschmelzen. „Sonst verpufft der gewünschte Effekt.“ Das Publikum könne in diesen Momenten abtauchen und vergessen, dass es im Theater sitzt.

Deswegen krempelt der Wahl-Hamburger fast täglich seine Ärmel hoch – bis zu 18 Stunden am Tag. „Die Festspiele bedeuten für mich Ausnahmezustand – aber im positiven Sinne“, sagt der 52-Jährige. Denn die Stiftsruine fordert Gruensfelder mit ihren physikalischen Eigenarten besonders heraus. An den vielen glatten Steinwänden würden beispielsweise kleine Reflexionen entstehen und die Tonqualität beeinflussen. Auch Wind und Regen machen sich in der offenen Kulisse hörbar, so der gebürtige Frankfurter.

Über 100 Boxen sind in der Stiftsruine verbaut. „Wir haben den größten Theatermischpult im deutschsprachigen Raum“, sagt Gruensfelder. Kostenpunkt: 100 000 Euro. Die komplette Dolby-Surround-Anlage ist zwei Millionen Euro wert. Nur mit dieser hochwertigen Technik könnten die besonderen Momente in der Stiftsruine entstehen. Im Kafka-Stück „Der Prozess“ gebe es „unglaublich viele Klangwelten“, so der Tonmeister. Sie sollen die Zuschauer mit in die Seelenwelt der Protagonisten nehmen. Der Klang verstärke die Emotionen. Gruensfelders Aufgabe sei vor Jahren leichter gewesen. Die Menschen hätten heute durch die modernere Technik ein besseres Hörbewusstsein. „Und ich will den hohen Ansprüchen gerecht werden.“ Dafür müsse er sich regelmäßig neu erfinden, neu denken und sich aus seiner Komfortzone bewegen. „Wenn man sich entwickeln will, muss es auch mal wehtun.“ Er selbst sei sein größter Kritiker.

Gruensfelder gehört in seiner Branche zu den Top-Leuten. Er arbeitet im Theater und begleitet Konzerte für 40 000 Zuhörer. Er ist auch für den Sound bei der Tagesschau verantwortlich. Als Dozent bei der Popakademie für Musik und Medien bildet er in Stuttgart und Hamburg Toningenieure aus. Doch Bad Hersfeld ist für ihn mit die härteste Zeit. Wenn er gemeinsam mit seinen Tonkollegen, den Schauspielern und Lichtdesignern „wirkliche Magie“ entstehen lässt. 

Von Jan Wendt

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