Wegen Corona-Pandemie

Jetzt ist Kreativität gefragt: Einrichtungen für behinderte Menschen sind geschlossen

+
Es ist normal, verschieden zu sein: Dieses Motto prägt die Arbeit der Lebenshilfe Bad Hersfeld, deren Tanzgruppe unter anderem beim Deutschen Behindertentag (unser Archivfoto) fester Bestandteil des Programms ist.

Menschen mit Behinderungen sind  von der Corona-Krise besonders betroffen. Alle Werk- und Tagesstätten sind geschlossen, die normale Alltagsstruktur  ist weggebrochen.

„Für behinderte Menschen sind diese Einschränkungen noch schlimmer, viele können das nicht verstehen“, sagt Sonja Ley, zweite Vorsitzende der Lebenshilfe Bad Hersfeld und selbst Mutter eines behinderten Sohnes. Die Lebenshilfe bietet unter anderem einen familienunterstützenden Dienst (FUD) an, bei dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei Bedarf in Gruppen betreut werden, um den Eltern Berufstätigkeit oder Zeit für persönliche Dinge zu ermöglichen und gleichzeitig den Klienten ein ansprechendes Angebot und soziale Kontakte zu geben. „Wir sind für viele unserer Leute wie eine Familie“, weiß Ley.

Sie macht sich Sorgen um die Klienten der Lebenshilfe. „Der Betreuungsbedarf hat sich ja nicht verändert“, sagt Sonja Ley und fragt sich, wie jetzt in den Familien mit den besonderen Bedürfnissen behinderter Menschen umgegangen wird. „Da sind Konflikte vorprogrammiert“, befürchtet sie.

Sorgen macht Ley sich aber auch um die Mitarbeiter der Lebenshilfe und um ihren Verein. Bis auf wenige Notbetreuungen sei alles weggebrochen. Sie habe Kurzarbeit anmelden müssen und wisse noch nicht, wie es weitergehen werde. Von einer Sache ist Sonja Ley jedoch überzeugt: „Wenn die Corona-Krise vorbei ist, werden die Familien wieder verstärkt Hilfe brauchen.“

Viele haben ohnehin schon gesundheitliche Probleme

Viele der Klienten der Lebenshilfe oder der Werkstätten, die von den Sozialen Förderstätten an fünf Standorten im Kreis betrieben werden, gehören zur Risikogruppe, die vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus besonders geschützt werden muss, erläutert Jutta Konetzka von den Sozialen Förderstätten. „Die meisten Leute haben ohnehin schon gesundheitliche Probleme“, weiß sie.

Die Förderstätten haben deshalb die Werkstätten komplett geschlossen, in den Wohnstätten geht der Betrieb aber ganz normal weiter. „Das ist ja das Zuhause der Bewohner“, erläutert sie. Die Mitarbeiter seien besonders gefordert, weil die Bewohner nun den ganzen Tag zu Hause seien und beschäftigt werden müssten, ohne dabei Risiken einzugehen. Einzelspaziergänge seien eine Möglichkeit, in einem Haus habe auch eine Art „Spiel ohne Grenzen“ im Garten stattgefunden. „Da ist jetzt die Kreativität der Mitarbeiter gefragt“, betont Konetzka.

Schwierig für die Bewohner sei zudem, dass es ein absolutes Besuchsverbot in den Wohnheimen gebe und zudem Besuche bei den Familien übers Wochenende oder zu Ostern nicht mehr möglich seien.

„Wir bewerten die Situation jeden Tag neu“, sagt Jutta Konetzka. Bei Bedarf werde aktuell reagiert.

Vorschläge, wie der Tag strukturiert werden kann

Immer auf den aktuellen Bedarf zu reagieren ist auch die Vorgehensweise beim Verein für Psychosoziale Hilfen im Kreis Hersfeld-Rotenburg „die Brücke“. Dort wurden die Tagesstätte geschlossen und alle Gruppenangebote bis auf Weiteres eingestellt. Beratungen finden, soweit möglich, per Telefon oder E-Mail statt. 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Brücke hätten jeden Besucher angerufen und über die aktuelle Situation informiert, erklärt Geschäftsführer Erwin Binkofski. Zudem habe jeder ein Schreiben in einfacher Sprache erhalten. Alle zwei Tage riefen die Mitarbeiter bei den Nutzern der Tagesstätte an und erkundigten sich nach ihrem Wohlergehen. Bei Bedarf würden auch Aktivitäten, wie Spaziergänge angeboten, bei denen Abstand gewahrt und dennoch Nähe erzeugt werden könnte. 

Zudem hätten alle ein Corona-Tagebuch zugeschickt bekommen, in dem sie ihre Erfahrungen aufschreiben könnten. Auch Anleitungen für einfache Übungen und Aktivitäten zur Gestaltung des Alltags gebe es. 

Auf Wunsch wird Essen geliefert

Zweimal die Woche werden die Besucher der Tagesstätte auf Wunsch mit einem selbstgekochten Essen beliefert, weil durch die Schließung ja auch das warme Mittagessen wegfalle. „Unsere Mitarbeiter sind gut beschäftigt“, betont Binkofski. Und er sei wirklich beeindruckt, mit welcher Kreativität und Flexibilität die Mitarbeiter auf die Krise reagierten. 

Wichtig sei jetzt auch die Angehörigenarbeit, hat Erwin Binkofski festgestellt. Da würden gerade viele Telefonate geführt, um die Angehörigen zu beraten und zu unterstützen. 

Erleichtert ist Binkofski, dass es bisher nur wenige größere psychische Krisen bei den Klienten gegeben habe. Auch hier hätten die Mitarbeiter erfolgreich helfen können.

 Erleichtert ist er auch, dass die Eingliederungsarbeit der Brücke weiterhin vom Landeswohlfahrtsverband finanziell unterstützt wird. Das habe der LWV signalisiert.

 Einen Kritikpunkt hat Binkofski jedoch: „Es fehlt an Schutzkleidung für soziale Dienste. Da muss man für die nächste Infektionswelle besser vorsorgen.

Von Christine Zacharias

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare