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Jedes fünfte Kind lebt in Armut: Auch Familien im Kreis Hersfeld-Rotenburg betroffen

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Von: Christine Zacharias

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Die Kinderarmut in Deutschland hat nach der neuen Bertelsmann-Studie zugenommen.  
Symbolbild: In Deutschland sind laut einer Erhebung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes 20,5 Prozent der unter 18-Jährigen von Armut bedroht. © Patrick Pleul/dpa/Symbolbild

Von vielen Geschenken unterm Weihnachtsbaum können auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg manche Kinder nur träumen. Das weiß auch Tafel-Leiterin Silvia Hemel.

Hersfeld-Rotenburg – Ein schön geschmückter Weihnachtsbaum mit Bergen von bunt verpackten Geschenken darunter – so sieht für die meisten Kinder der Traum von Weihnachten aus. Doch viele Kinder träumen diesen Traum vergeblich. Etwa ein Fünftel der Kinder in Deutschland lebt laut Paritätischem Wohlfahrtsverband in relativer Armut.

Auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg müssen sich Eltern das Geld für Weihnachtsgeschenke über Monate vom Mund absparen. Das erzählt Susanne Meier (Name von der Redaktion geändert), eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern im Alter zwischen einem Jahr und 17 Jahren aus Bad Hersfeld. Die Familie lebt vom Kindergeld und den Unterhaltszahlungen für die Kinder. Weil in Deutschland das Kindergeld auf Hartz-IV angerechnet wird, erhält die Mutter selbst keine eigenen Leistungen.

Mit dem zur Verfügung stehenden Geld kommt Susanne Meier kaum über die Runden. Lebensmittel kauft sie immer gleich am Anfang des Monats ein, doch oft genug reicht der Einkauf nicht bis zum Monatsende. „Dann hilft die Familie aus“, erzählt sie, aber angenehm ist es ihr nicht, immer wieder um Geld bitten zu müssen. Susanne Meier ist kein Einzelfall. Nach Erkenntnissen der Tafeln in Deutschland sind Kinder besonders gefährdet von Armut, wenn deren Eltern arbeitslos oder alleinerziehend sind, wenn sie mindestens zwei Geschwister haben oder die Eltern gering qualifiziert sind.

In Bad Hersfeld sind 70 Prozent der Tafel-Kunden Familien mit Kindern, 25 Prozent von ihnen sind alleinerziehend, sagt Silvia Hemel. Und dabei nutzen längst nicht alle, die grundsätzlich dazu berechtigt wären, das Angebot der Tafeln im Kreisgebiet, die übrig gebliebene Lebensmittel aus den Supermärkten verteilen. „Die Belastung der Familien ist enorm hoch“, betont Hemel. „Den Kindern tut es richtig weh, wenn sie sich nicht das Gleiche leisten können, wie die anderen Kinder in der Schule und der Kita.“

Kinderarmut ist ein gesellschaftliches Problem, sagt der Sozialverband Malteser. Arme Kinder seien häufiger gesundheitlich beeinträchtigt und schulisch weniger erfolgreich.

60 Prozent unterm Durchschnittseinkommen

In Deutschland sind laut einer Erhebung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes 20,5 Prozent der unter 18-Jährigen von Armut bedroht. Über 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind von Einkommensarmut betroffen. Sie leben in Familien, die mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder staatliche Grundsicherung beziehen, so Erhebungen des Statistischen Bundesamtes. Quelle: tafel.de/themen/armut/kinderarmut

Nicht nur bei den Weihnachtsgeschenken müssen Kinder aus armen Familien zurückstecken, auch bei vielen anderen Sachen. Klassenfahrten, zum Beispiel. Die Fahrt werde zwar vom Sozialamt gezahlt, erzählt Susanne Meier, nicht aber das Taschengeld, das die Kinder mitnehmen sollen. Ihre Kinder seien deshalb noch nie auf Klassenfahrt gewesen, sagt die Mutter, der es wehtut, die Kinder so enttäuschen zu müssen.

Musikunterricht oder Sport im Verein sind ebenfalls nur schwer möglich. Zwar wird den Kindern theoretisch die Teilhabe ermöglicht, indem die Vereinsmitgliedschaft oder der Unterricht bezahlt werden. Auf den Kosten für Fußballschuhe, anderes Sportgerät oder für die Leihgebühr eines Instruments bleiben die Eltern aber sitzen, berichtet Gerhard Amend von der „Initiative Sozial“, die Menschen unterstützt, die auf Leistungen des Staats nach dem Sozialgesetzbuch angewiesen sind. In einer armen Familie zu leben bedeutet für viele Kinder Scham und Ausgrenzung.

Auch Freundschaften mit anderen Kindern sind schwierig. Freunde nach Hause einladen? In den kleinen Wohnungen ist das ein Problem. Und Geburtstagseinladungen? Teure Geschenke mitbringen, so wie die Klassenkameraden, können Kinder aus armen Familien nicht. Selber mit Freunden feiern sprengt meistens das Budget.

Für viele Kinder ist eine tägliche warme Mahlzeit nicht selbstverständlich. Laut der KiGGS Welle 2-Studie des Robert-Koch-Instituts ernähren sich wirtschaftlich benachteiligte Kinder häufiger ungesund, treiben seltener Sport und sind häufiger übergewichtig.

Wenn das Geld gerade mal für das Notwendigste reicht, wird es zum Problem, wenn Geräte wie Waschmaschine, Kühlschrank oder Backofen kaputt gehen. Silvia Hemel von der Tafel in Bad Hersfeld fand es erschreckend, als sie während des coronabedingten Lockdowns, als die Tafeln auf Lieferung ins Haus umgestellt hatten, feststellen musste, dass viele Familien ohne Kühlschrank, Gefrierfach oder Backofen zurechtkommen müssen.

Eigentlich seien Hartz IV-Empfänger verpflichtet, jeden Monat ein paar Euro für notwendig werdende Neuanschaffungen zurückzulegen, erklärt Gerhard Amend von der Initiative Sozial. Da das aber in den meisten Familien nur schwer möglich sei, müssten sie beim Amt einen Kredit beantragen und das Geld dann abstottern.

Amend, der selbst Hilfe bezieht, hat sich seit vielen Jahren intensiv in die Sozialgesetzgebung eingearbeitet und es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen, die Arbeitslosengeld II, Hartz IV oder Grundsicherung beziehen, zu beraten und über ihre Ansprüche aufzuklären. Er ist überzeugt davon, dass viele Bescheide fehlerhaft sind. Erst auf den Widerspruch hin erhalten die Betroffenen, was ihnen zusteht.

Darauf hofft nun auch Susanne Meier. Eines ihrer finanziellen Probleme ist, wie bei vielen Hilfeempfängern, dass sie keine Wohnung findet, deren Miete vom Amt komplett getragen wird. Also muss sie selbst dazu zahlen. Geld, das dann an anderer Stelle fehlt. Die im März 2020 vom Bund beschlossene Corona-Sonderregelung, dass jede Miete ohne Überprüfung bezahlt wird, hätte ihr helfen können. Denn im März 2020 ist sie mit ihren Kindern in eine neue Wohnung umgezogen, weil ja noch ein Baby unterwegs war.

Die Regelung sei aber, so erklärt Amend, im Kreis nur sehr zögerlich umgesetzt worden. Mit Amends Unterstützung hofft die junge Mutter nun, das zu viel gezahlte Geld – immerhin 90 Euro im Monat – zurückzubekommen. Gerhard Amend ist da zuversichtlich. Mit seinen Widersprüchen haben die Betroffenen meistens Erfolg.

Wegen des Wechsels im Landratsamt – Sozialdezernentin Elke Künholz geht in den Ruhestand – und wegen des Weihnachtsurlaubs war es leider nicht möglich, aktuelle Zahlen aus dem Kreis oder eine Stellungnahme zu erhalten. (Von Christine Zacharias)

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