100 Jahre Marinekameradschaft Bad Hersfeld

Fernweh und Freiheitsdrang: Volker Henning im Interview

+
Von der Brücke der Marinekameradschaft auf das rote HZ-Sofa: Der Erste Vorsitzende Volker Henning mit dem Festprogramm zum 100-jährigen Bestehen. 

Mit mehreren Festveranstaltungen und Konzerten feiert die Marinekameradschaft Bad Hersfeld in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. 

Über die Leidenschaft für die Seefahrt, das Meer und Shantys sprach Kai A. Struthoff mit dem Ersten Vorsitzenden der Marinekameraden und Shanty-Chorleiter Volker Henning.

Moin, Herr Henning, bis Bremerhaven sind es 400 Kilometer und die Fulda ist hier nicht mal schiffbar. Warum gibt es hier eine Marinekameradschaft?

Es gibt überall in Deutschland Marinekameradschaften – vom Norden bis zum Süden. 1920, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, haben sich ehemalige Fahrensleute dort getroffen. Sie haben ihre Erfahrungen ausgetauscht, und ein bisschen war das wohl auch Traumabewältigung. Ein großes Thema damals war das Gedenken an die Seeschlacht am Skagerrak im Mai 1916, an die auch in Bad Hersfeld mit Feiern und Umzügen erinnert wurde.

Sind in Ihrem Verein immer noch ehemalige Seeleute organisiert?

Nein, nicht mehr. Die Seeleute sind bei uns inzwischen in der Minderheit. Einige Mitglieder gehörten früher zur Crew des Schnellboots „Zobel“, unserem ehemaligen Partnerschiff. Die meisten Mitglieder kommen über den Shanty-Chor, der rund die Hälfte unserer derzeit 65 Marinekameraden ausmacht.

Welche Beziehung haben Sie selbst zur Seefahrt?

Ich war als 18-Jähriger auch ein Fahrensmann, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich bin gelernter Konditor und bin als Küchen-Maat und 2. Konditor auf der TS Bremen von Bremerhaven nach New York geschippert. Das war ein großes Passagierschiff mit 1600-Mann Besatzung, und wir hatten viele Amerikaner als Passagiere an Bord. Als Jugendlicher hatte ich Fernweh und Freiheitsdrang. Damals war ich noch nicht volljährig, weshalb mein Vater für mich unterschreiben musste, damit ich überhaupt anheuern durfte.

Die Marinekameradschaft nimmt man auch durch den Shanty-Chor wahr, den Sie seit 25 Jahren leiten. Wie kam es dazu?

Mein Hobby war immer schon die Musik. Als Jugendlicher habe ich Akkordeon gespielt und war auch mit dem leider im vergangenen Jahr verstorbenen Jürgen Harth in der örtlichen Band „Nobodys“. Mit Anfang 40 bin ich über das Akkordeon zur Marinekameradschaft gekommen. Als dann der damalige Chorleiter starb, hieß es: Volker, mach mal! 2010 habe ich zudem noch eine Ausbildung beim Deutschen Sängerbund zum Chorleiter absolviert. Nebenbei spiele ich auch Akkordeon im Shanty-Chor Unterhaun. Allerdings muss man ehrlicherweise sagen, dass wir eigentlich eher Seemannschöre sind, die richtigen Shanties werden kaum gesungen. Allerdings hat die Band „Santiano“ der Popularität dieses musikalischen Genres einen Push gegeben.

Was tun Sie außer Singen?

Das ist schwierig. Wir haben auch Kameradschaftsabende und Reisevorträge veranstaltet, aber das wurde einfach nicht angenommen. Mittelfristig brauchen wir wohl eine andere Struktur, sonst sind wir weg vom Fenster.

Sind denn neue Partnerschaften mit Schiffen der Bundesmarine geplant?

Nein, auch das wird immer schwieriger. Wir hatten ja mal versucht, dass eine der neuen Korvetten nach Bad Hersfeld benannt wird, was leider angesichts der Konkurrenz anderer, größerer Städte nicht geklappt hat. Außerdem verändert sich die Marine, die Crews wechseln immer häufiger, durch Auslandseinsätze, wie etwa Atalanta, sind die Mannschaften oft auch lange unterwegs.

In diesem Jahr feiern Sie das 100-jährige Bestehen. Was sind die Höhepunkte?

Es gibt vier Höhepunkte: Am Pfingstsonntag ein Shanty-Festival mit zehn Chören, die wir eingeladen haben. Anfang Juli gibt es hier den Landesverbandstag, eine Arbeitstagung und danach einen Festkommers mit abendlichem Tanz. Am Sonntag danach ist unser Sommerfest mit einem gemischten Shanty-Chor aus Halle. Am 14. November lassen wir uns dann bei einem maritimen Festabend in der Stadthalle feiern.

Der Shanty-Chor der Marinekameradschaft von Bad Hersfeld. 

Das ist ein üppiges Programm. Auch sonst bieten sie viele Veranstaltungen auf Ihrem Vereinsgelände Vorm Laufholz und tragen damit viel zum kulturellen Leben der Stadt bei. Fühlen Sie sich dabei ausreichend unterstützt?

Ja, doch. Unser Public Singing wird immer gut angenommen. Am gestrigen Sonntag hatten wir ja schon unseren Neujahrsempfang. Es geht also gleich richtig los. Gott sei Dank stehen wir finanziell auf soliden Füßen, auch dank der Vermietung unseres Vereinsheims und durch die Einnahmen des Shanty-Chors. Die Mitgliedsbeiträge allein würden nicht ausreichen.

Zurzeit wird im ZDF die Neuverfilmung des Klassikers „Das Boot“ gezeigt. Dabei werden auch die dunklen Kapitel der Kriegsmarine beleuchtet. Wie geht die Marinekameradschaft mit diesem Teil der Geschichte um?

Durch unsere Mitgliedschaft im Deutschen Marinebund, sehen wir gerade bei unseren Besuchen beim Marineehrenmal in Laboe die militärische Seite als zu uns dazugehörend an. Wir haben aber auch einige Kameraden in unserer Marinekameradschaft, die als Wehrdienstverweigerer den Dienst an der Waffe ablehnen. Ich selbst habe mir durch den „Zobel“-Kontakt eine andere Sichtweise zugelegt, bevor ich zur Marinekameradschaft gekommen bin. Übrigens haben durch die frühere Marinejugend einige unserer Mitglieder auch den Weg zur Deutschen Marine gefunden – so ganz aktuell auch unser jüngstes Mitglied.

Zur Person: 

Volker Henning (67) ist gebürtiger Hersfelder und hat eine Ausbildung zum Konditor im damaligen Kaufhaus Rosenberger absolviert. Danach hat er sich bei Hapag Lloyd beworben und fuhr als Küchenmaat und 2. Konditor zwischen Bremerhaven und New York zur See. Nach dem frühen Tod seines Vaters kehrte Henning nach Bad Hersfeld zurück. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und war lange Jahre Inhaber einer Versicherungsagentur. Aus „Dankbarkeit für ein gutes Leben“ engagiert er sich ehrenamtlich, unter anderem auch bei der „Tafel“. Volker Henning ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkel. Mit seiner Ehefrau hat er die Sigrid und Volker Henning Stiftung gegründet und unterstützt damit die Kinderhospizarbeit.

Die Marinekameradschaft feiert Geburtstag: Karten im Vorwerkauf

Am Pfingstsonntag, 31. Mai, ab 16 Uhr findet in der Stiftsruine ein Shanty-Festival statt. Außer dem Chor der Marinekameradschaft sind neun weitere Chöre aus Bebra, Hesperinghausen, Lich, Spaden bei Bremerhaven, Landwehrhagen, Unterhaun, Waldeck, Homberg-Borken und Spangenberg dabei. 

Ein maritimer Festabend findet am 14. November, ab 20 Uhr in der Stadthalle statt. Mit dabei viele heimische Künstler wie das Tanzstudio Birgitt Fründ, die Sportakrobatikgruppe aus Lispenhausen, der Magier Stephan von Köller aus Fulda, das Duo Triade (Marisa Linß und Paul Adamaschek) aus Wildeck, die Gruppe „Rope Skipping“ aus Melsungen , das „Drumcorps BIMotion“ aus Wildeck, der Radsportverein Weiterode, die „Magical Steps“ aus Rotenburg und „Feuer und Bewegung“ aus Bad Hersfeld mit einer Lasershow. 

Karten zum Preis von 18 Euro für jede Veranstaltung ab sofort zum Frühbucher-Rabatt in der Kartenzentrale, Am Markt 1,36251 Bad Hersfeld, Telefon 06621-640200 oder kartenzentrale@bad-hersfeld.de. Das Kombi-Ticket kostet 32 Euro. (Gilt nur bis zum 31. Januar 2020). Alle Plätze sind nummeriert. (kai)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare