FRA1 am Eichhof am 6. September 1999 eröffnet - Bau im Eiltempo

20 Jahre Amazon in Bad Hersfeld: Jeff Bezos hinterließ Handabdruck

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Wurde 1999 von der Firma Kirchner gebaut: Das Amazon-Logistikzentrum FRA1 am Eichhof. Das Luftbild zeigt die Rückseite des Gebäudes. Rechts oben ist das Schloss Eichhof zu sehen.

20 Jahre ist es her, dass in Bad Hersfeld das erste deutsche Logistikzentrum von Amazon eröffnete. Heute ist das FRA1 am Eichhof eines von gleich zwei Zentren in der Kreisstadt.

Vom akademischen Nachschlagewerk bis zum Kinderbuch: Als 1999 das FRA1 als erstes deutsches Amazon-Logistikzentrum überhaupt eröffnet wurde, stapelten sich in den Regalen Bücher über Bücher. Seit Herbst 2018 werden dort Zehntausende Alkoholika gelagert, verpackt und versendet – teurer Whiskey ebenso wie Dosen-Sekt.

Bier, Wein und Spirituosen machen am Eichhof inzwischen 50 bis 60 Prozent des gesamten Warensortiments aus. Sieben Millionen Euro hat der Online-Händler eigenen Angaben nach zuletzt in den dafür notwendigen Umbau investiert, unter anderem in eine neue Fördertechnik. Von den insgesamt etwa 3500 Menschen, die in Bad Hersfeld für Amazon arbeiten, sind rund 1000 im FRA 1 beschäftigt.

Als die Hersfelder Zeitung am 12. März 1999 über die geplante Neuansiedlung und den damit verbundenen Neubau im Bodenfeld berichtete, war zunächst lediglich von einem „Mediendistributor“ die Rede – eine Woche später hieß es dann: „Wachstums-Riese Amazon kommt“.

Bauprojekt der Firma Kirchner

Den Bau des Lager- und Verteilzentrums übernahm die heimische Baufirma Kirchner – und zwar im Eiltempo, wie auch schon die Ansiedlung von der Idee bis zum Vertrag in nicht einmal 100 Tage perfekt gemacht worden war. Am 26. März wurde mit den Arbeiten begonnen, am 7. Mai feierte man die Grundsteinlegung, und schon am 6. August übergab die Kirchner Projektgesellschaft das Vertriebszentrum quasi schlüsselfertig an Amazon.de. 70 neue Mitarbeiter aus der Region waren zu diesem Zeitpunkt bereits eingestellt, heißt es in einem weiteren von vielen Zeitungsartikeln rund um die Ansiedlung des Online-Riesen, der damals noch als Buchhändler bezeichnet wurde. Die offizielle Eröffnung folgte schließlich am 6. September, an diesem Tag wurde das erste Päckchen vom Eichhof aus auf den Weg gebracht.

„It’s great to be here – schön, hier zu sein“, hieß es dann im Oktober 2000. Firmengründer Jeff Bezos höchstpersönlich, der heute als reichster Mann der Welt gilt, besuchte den Hersfelder Standort. Und er war offenbar beeindruckt. „ It’s huge – einfach riesig“, soll es ihm gleich mehrfach entfahren sein. Im Treppenaufgang des FRA1 erinnern heute noch ein Abdruck von Bezos’ rechter Hand sowie eine Widmung mit Unterschrift an den damaligen Besuch des „Bis Boss’“.

So berichtete die Hersfelder Zeitung über die Eröffnung. Das komplette Bild sehen Sie, wenn Sie auf das Kreuzchen oben rechts klicken.

Über 2300 Beschäftigte, die in Bad Hersfeld für Amazon arbeiten, sind seit mehr als fünf Jahren bei Amazon, teilt Standortleiter Christian Dülfer zum 20-jährigen Bestehen mit, 80 sogar schon seit 1999. Und seine Kollegin Stephanie Schreiber, die das FRA3 leitet, ergänzt: „Wir haben an vielen Innovationen für Kunden und Mitarbeiter gearbeitet. Hierzu gehören zum Beispiel die Zustellung noch am Tag der Bestellung in vielen Metropolregionen oder das Career-Choice-Programm, mit dem wir Mitarbeitern die Möglichkeit für einen Berufsabschluss bieten.“ Das zweite Logistikzentrum an der Amazonstraße nahe der Auf- und Abfahrt zur A 4 ist vor zehn Jahren eröffnet worden.

Anke Helzel ist sogar schon seit über 20 Jahren im Unternehmen. Sie erinnert sich: „Der Start von Amazon in Bad Hersfeld war meine Chance, eine Festanstellung in dem damals wenig bekannten Unternehmen zu bekommen. Wir haben am Anfang Artikel mit Stift und Papier kommissioniert, dann wurden Handscanner eingeführt, welche die Arbeit erleichtern und helfen, Fehler zu vermeiden.“

Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling ist froh über die Ansiedlung und das Miteinander: „Amazon und Bad Hersfeld sind ein Glücksfall füreinander. Das Unternehmen ist nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber, der maßgeblich zu den guten Beschäftigungszahlen in der Region beigetragen hat, sondern auch ein wichtiger Mitwirkender am Stadtleben, zum Beispiel beim Hessentag oder bei den Bad Hersfelder Festspielen.“

Schon gewusst? So groß wie sieben Fußballfelder

Das FRA1 am Eichhof ist rund 42 000 Quadratmeter groß, was sieben Fußballfeldern entspricht. Anfangs wurde der gesamte Betrieb in einem Lager abgewickelt – heute sind es vier Lager. Das FRA3 an der Amazonstraße ist das zweitgrößte Logistikzentrum. Mit 110 000 Quadratmetern ist es größer als 17 Fußballfelder. Die Abkürzung FRA bezieht sich übrigens auf den nächstgelegenen internationalen Flughafen – Frankfurt. 

Von Anfang im Fokus der Gewerkschaft

Deutliche Worte findet die Verdi-Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke mit Blick auf 20 Jahre Amazon in Bad Hersfeld. „Amazon feiert seinen 20. Geburtstag. Das heißt 20 Jahre gewerkschaftsfeindliche Arbeitnehmerpolitik“, so Middeke. Das Unternehmen habe ohne Zweifel Stellen geschaffen. Aber es wolle bis heute einseitig diktieren, wie die konkreten Arbeitsbedingungen aussehen. „Der Alltag für die Beschäftigten ist geprägt von zu geringer Bezahlung, Arbeitshetze, einem rigiden Kontrollsystem und zunehmender Monotonie“, kritisiert die Streikleiterin. 

Seit über sechs Jahren wird am Standort Bad Hersfeld für einen Tarifvertrag gestreikt.

Seit über sechs Jahren wird in Bad Hersfeld inzwischen regelmäßig für einen Tarifvertrag nach Vorbild des Einzelhandels gestreikt. „Ein Kind wäre jetzt erwachsen und es ist an der Zeit, den Beschäftigten mehr Mitbestimmung zuzutrauen. Ein angemessenes Geburtstagsgeschenk wäre die Aufnahme von Tarifverhandlungen für bessere Arbeitsbedingungen“, fordert Middeke. 

Schon von Anfang an habe Amazon im besonderen Fokus der Gewerkschaft Verdi gestanden. Bereits im Juli 2000 sei ein Betriebsrat gebildet worden und schon im Weihnachtsgeschäft 2000 gab es auch am Standort Bad Hersfeld erste gewerkschaftliche Aktionen, bei denen auf einem Flugblatt auch das Thema Tarifvertrag auftauchte. 

Dieser ist zwar bis heute nicht erreicht und Amazon betont stets, auch ohne Tarifvertrag ein guter Arbeitgeber sein zu können, doch habe immerhin eine Lohnentwicklung stattgefunden und es wurde eine Sonderzahlung (Weihnachtsgeld) eingeführt. Investitionen gab es außerdem in die Ausstattung der Sozialeinrichtungen und in ein Gesundheitsmanagement. Allerdings sei die Unternehmenskultur weiterhin darauf ausgerichtet, „nach Gutsherrenart zu bestimmen“ und keine wirkliche Mitbestimmung der Beschäftigten zu etablieren, kritisiert die Gewerkschaft. Ein Ende des Arbeitskampfes ist derzeit jedenfalls nicht in Sicht.

Das sagt der Einzelhandelsverband Hessen-Nord:

Schadet Amazon dem Einzelhandel? Martin Schüller, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Hessen-Nord, betrachtet das Thema differenziert. Natürlich habe der Onlinehandel Einfluss auf den stationären Handel, eine niedrige Arbeitslosenquote und eine damit verbundene höhere Kaufkraft habe aber eben auch positive Effekte. Bad Hersfeld sei als bestes Mittelzentrum in Nord- und Osthessen überdies sehr gut aufgestellt. Und: Der Gedanke des virtuellen Marktplatzes, wie ihn auch Amazon heute forciert, stamme vom einstigen Marktplatzgedanken der Innenstädte.

Drei Fragen an FRA1-Leiter Christian Dülfer:

Das FRA1 am Eichhof feiert 20. Geburtstag. Wir haben zu diesem Anlass Standortleiter Christian Dülfer interviewt: 

An Amazon scheiden sich die Geister – warum arbeiten Sie gerne dort? 

Auch nach über 13 Jahren bei Amazon ist für mich kein Tag wie der andere und mir machen meine Arbeit und die Zusammenarbeit mit den Kollegen große Freude. Und wenn ich auf die Zahlen blicke, bin ich damit anscheinend nicht allein. Ganz besonders freut mich, dass 80 Kollegen dieses Jahr ihr 20. Jubiläum feiern. Diese Treue zeigt, dass auch die Kollegen zufrieden sind. 

Christian Dülfer, Leiter des FRA1.

Wie gehen Sie mit den Streiks um? 

Die Mehrheit der Mitarbeiter beteiligt sich ja nicht an den Streiks. Außerdem pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern vor Ort, wodurch viele Themen im Sinne der Belegschaft gemeinschaftlich bearbeitet werden. Wir hatten kürzlich im FRA3 den deutschlandweit 10 000. Besucher unseres öffentlichen Besucherprogramms. Viele Besucher fragen: „Wieso wird hier gestreikt? Hier verdient man gutes Geld und die Arbeitsbedingungen sind gut.“ Die Besucher sehen, dass wir klimatisierte Hallen haben, eine eigene Kantine, kostenlose Getränke und viele Aktionen für die Mitarbeiter, wie etwa ein kostenloses Konzert während der Weihnachtszeit. Wer sich in anderen Unternehmen auskennt, weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. 

Wo sehen Sie Ihren Standort in weiteren 20 Jahren? 

Auch in 20 Jahren gilt: Wir konzentrieren uns weiter auf die Kundenwünsche, nur dann können wir erfolgreich sein. In den kommenden Jahren erwarten wir im FRA1 mit der Umstellung auf das neue Produktsortiment Bier, Wein und Spirituosen weiteres Wachstum. (nm)

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