Ist’s ein Guter? Oder ein Böser?

Montagsinterview mit dem neuen Bad Hersfelder Kripochef Uwe Teichmann

Setzt auf Teamarbeit: Erster Kriminalhauptkommissar Uwe Teichmann, neuer Leiter der Regionalen Kriminalitätsinspektion in Bad Hersfeld.
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Setzt auf Teamarbeit: Erster Kriminalhauptkommissar Uwe Teichmann, neuer Leiter der Regionalen Kriminalitätsinspektion in Bad Hersfeld.

Seit dem 1. Juli leitet der Erste Kriminalhauptkommissar Uwe Teichmann als Nachfolger von Gabriele Kühlewind die Regionale Kriminalitätsinspektion.

Hersfeld-Rotenburg – Der Wechsel an der Spitze der Bad Hersfelder Kriminalpolizei fand wegen Corona fast unbemerkt statt: Seit dem 1. Juli leitet der Erste Kriminalhauptkommissar Uwe Teichmann als Nachfolger von Gabriele Kühlewind die Regionale Kriminalitätsinspektion. Teichmann ist auch in Fußballerkreisen ein bekanntes Gesicht.

Herr Teichmann, wie ist das, wenn man auf dem Sportplatz Menschen begegnet, mit denen man schon als Polizist zu tun hatte?

Das ist glücklicherweise so gut wie gar nicht vorgekommen. Sportler sehe ich als Sportler, und Leuten, mit denen ich beruflich zu tun habe, muss ich professionell begegnen.

Und ist es umgekehrt mal vorgekommen, dass Sie beim Sport plötzlich als Polizist wahrgenommen wurden?

Man sagt ja eigentlich, dass es bei Polizisten problematisch sein kann, wenn man im eigenen Dienstbezirk wohnt. Ich bin da aber in 38 Dienstjahren noch nie in die Bredouille gekommen, dass ich an einem Bekannten Amtshandlungen vornehmen musste.

Aber es ist doch schon so, dass man in einer kleinen Stadt wie Bad Hersfeld immer wieder mal auf Gesichter trifft, die man aus unangenehmen Zusammenhängen kennt.

Ja, natürlich. Ich kenne durch meine Arbeit viele Menschen, aber auch durch den Sport kenne ich viele Fußballer und Handballer, Offizielle und Zuschauer. Manche kann ich dann im ersten Moment nicht gleich einordnen: Ist das jetzt ein Guter? Oder ist das ein Böser? (lacht)

Aber Konflikte sind aus solchen Situationen bisher nicht entstanden?

Nein. Ich bin noch nie ernsthaft bedroht oder beschimpft worden.

Das passt ja zu der landläufigen Vorstellung, hier sei noch so etwas wie eine heile Welt. Ist das so?

Heile Welt vielleicht nicht ganz, aber doch eine recht sichere Gegend. Unsere Kriminalitätsbelastung ist wesentlich geringer als in den Ballungsräumen. Natürlich passieren hier auch alle Delikte, die es gibt, aber im Vergleich zu den Großstädten viel seltener.

Wenn man die Verhandlungen im Bad Hersfelder Amtsgericht verfolgt, fällt auf, dass die meisten Angeklagten einen Migrationshintergrund haben. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Ein heikles Thema. Aber es ist schon richtig, dass Täter mit Migrationshintergrund überrepräsentiert sind. Das liegt zum Teil sicher daran, dass unter den Flüchtlingen, die wir aufgenommen haben, viele junge Menschen sind. Und Jugendliche begehen nun mal mehr Straftaten als Ältere. Das ist Fakt.

Auch bei der Art der Delikte drehen sich auffallend viele Fälle um Betäubungsmittel. Sind Drogen bei uns ein großes Problem?

Ja, das ist bei uns im Landkreis in den letzten Jahren ein ganz großes Thema geworden. Das, was früher auch unter den Jugendlichen der Alkohol war, das sind heute die Drogen. Das macht mittlerweile auch vor den Schulen nicht Halt, und es geht schon im Alter von 14 oder 15 Jahren los. Viele probieren nur, aber einige bleiben auch dran hängen. Wir haben hier wie überall in Deutschland ein Problem mit Cannabis-Produkten und Amphetaminen.

Spielen bei uns auch Hammer-Drogen wie Crystal Meth eine Rolle?

Das ist seit Jahren auf dem Weg zu uns. Wir haben hier auch schon Crystal Meth sichergestellt. Diese Problematik ist aber in den östlichen Bundesländern noch wesentlich größer, weil das Zeug aus Osteuropa kommt. Wir sind da zwar noch relativ verschont, doch auch ich habe an Einzelfällen schon die Wirkung gesehen. Und die ist wirklich gravierend. Da hat man gerade noch einen durchtrainierten 20-Jährigen vor sich und sieht ihn ein halbes Jahr später und dann ist er fast nur noch ein Wrack, das aussieht wie ein 40-Jähriger, der aus der Gosse kommt.

Wie erleben Sie die Entwicklung in Ihrem Beruf? Der Detektiv mit der Lupe gehört ja wohl längst in die Mottenkiste ...

Das ist richtig. In meiner Anfangszeit waren Fingerabdrücke noch ein großes Thema bei der Spurensuche. Danach kam die DNA, und heute sind es die digitalen Spuren. Das wird auch noch weitergehen. Nicht von ungefähr stellt die Polizei immer mehr Informatiker und andere Experten ein, denn das ist heutzutage das wichtigste Beweismittel.

Und hält die Polizei in dieser Hinsicht mit den Straftätern Schritt?

Wir versuchen natürlich zu agieren. Doch es ist schon so, dass wir ein klein wenig hinterherhinken, das muss man ehrlicherweise eingestehen. Aber wir sind dabei, einen digitalen Erkennungsdienst aufzustellen. Welche Informationen man zum Beispiel aus einem Smartphone ziehen kann, ist schon immens.

Wenn Sie in Ihrer neuen Funktion nach vorne schauen: Was wollen Sie erreichen? Wo werden die Schwerpunkte Ihrer Arbeit sein?

Ich will erreichen, dass wir personell vernünftig aufgestellt sind und gute Arbeitsbedingungen haben, damit wir unsere Arbeit gut und erfolgreich erledigen können. Es gilt, Kriminalität zu verhindern beziehungsweise aufzuklären. Das hört sich wie eine Floskel an, aber es ist so. Und das funktioniert nur in Teamarbeit. Also versuche ich zu erreichen, dass sich unsere 40 Beschäftigten hier wohlfühlen und entsprechend gute Arbeit leisten.

Wie weit lassen Sie den Job an sich heran? Nehmen Sie die Arbeit im Kopf mit nach Hause, oder gibt es da eine klare Grenze?

Man nimmt immer etwas mit nach Hause. Man kann da nicht komplett abschalten. Der Sport ist zwar ein Ventil, aber es gibt immer wieder Fälle, die beschäftigen einen wochen- oder monatelang. Ich habe einige gravierende Einsätze miterlebt, die später dann immer wieder aufgewühlt wurden.

Aber den einen großen unaufgeklärten Fall, der Sie nicht ruhig schlafen lässt, den gibt es doch bei der Hersfelder Kripo nicht?

Nein, Gott sei Dank. Wir haben zwar hessen- und bundesweit ein Programm aufgelegt, die sogenannten Cold Cases wieder aufzunehmen, doch bei uns gibt es keinen Mordfall, der nicht geklärt ist. Wir haben in der Vergangenheit gut gearbeitet, und ich hoffe, das bleibt so.  red/ks

Zur Person

Uwe Teichmann (56) stammt aus Oberaula, hat 1982 das Abitur in der Melanchthon-Schule Steinatal bestanden und anschließend seine Ausbildung bei der Polizei begonnen. 1990 bis 1993 folgte ein Fachhochschulstudium in Kassel. Nach wechselnden Einsatzorten bei der Polizei kam er 1997 zur Kripo in Bad Hersfeld. Teichmann leitete sämtliche Kommissariate und war an allen Sokos beteiligt, so unter anderem beim Autobahnmord an einem Kollegen und beim Menschenfresser von Wüstefeld. Seit Juli dieses Jahres leitet er die Regionale Kriminalitätsinspektion der Polizeidirektion Bad Hersfeld. Als Fußballer war Uwe Teichmann für die TSG Oberaula, den SC Neukirchen und Hessen Hersfeld aktiv. Danach war er über 20 Jahre Spielertrainer und Trainer bei verschiedenen Vereinen im Kreisgebiet. Er lebt in Bad Hersfeld, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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