„Die Aussichten trüben sich ein“

Tobias Binder vom IHK-Servicezentrum: Es gibt Gewinner und Verlierer

Im Interview spricht Tobias Binder vom IHK-Servicezentrum über den Handel
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Tobias Binder leitet das Servicezentrum der IHK.

Noch sind die Auftragsbücher gut gefüllt, allerdings fehlen die Fachkräfte: Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg hat zuletzt einen enormen Aufschwung erlebt.

Im Interview mit der Hersfelder Zeitung tritt der Leiter des Servicezentrums Hersfeld-Rotenburg, Tobias Binder, allerdings vorsichtig auf die Bremse.

Seit der Bankenkrise ging es auch in der Region Hersfeld-Rotenburg für fast alle Firmen nur in eine Richtung – bergauf. Warum war das so und ist der Zenit jetzt etwa überschritten?

Vor allem die hohe Exportquote war ein entscheidender Faktor. Als Konsequenz daraus sind zahlreiche Arbeitsplätze entstanden. Dadurch sind Investitionen und Konsumausgaben gestiegen. Man kann sich das als Aufwärtsspirale vorstellen, die sich immer weiter selbst verstärkt. Nun sieht es aber tatsächlich so aus, als wäre der große Wirtschaftsboom erst einmal zu Ende.

Wie ist die Lage, der Zustand von Handel, Gewerbe und Industrie im Landkreis momentan?

Die aktuelle Lage ist nach wie vor gut, wenn auch deutlich zurückhaltender. Ein aktuell hoher Beschäftigungsstand sorgt darüber hinaus weiterhin für eine anhaltend gute Verbraucherstimmung und stützt die aktuelle Konjunktur. Die Aussichten trüben sich allerdings ein: Nach den starken Jahren des Wachstums in den vergangenen Jahren rechnen die Unternehmer für die kommenden Monate mit schlechteren Geschäften.

Welche Branchen sind Gewinner, welche Verlierer?

Ein Gewinner ist aktuell der Einzelhandel. Dieser blickt sehr zuversichtlich auf das anstehende Weihnachtsgeschäft. Auch das Hoch der Bauwirtschaft hält im Herbst an und wird so schnell nicht zu Ende gehen. Die ausgelasteten Kapazitäten treffen auf eine unverändert hohe Nachfrage in allen Baubereichen. Schlechte Stimmung herrscht aktuell in der Industrie und im Kreditgewerbe. In der Industrie scheint das Auftragspolster des langen Aufschwungs aufgebraucht zu sein. Die anhaltenden Handelsstreitigkeiten bieten den exportabhängigen Betrieben keine guten Rahmenbedingungen. Die EZB-Politik erschwert weiterhin das Kerngeschäft der Sparkassen und Banken. Minuszinsen von 0,5 % für Banken und Sparkassen sind erst kürzlich beschlossen worden.

Brexit oder Trump – machen sich solche Unwägbarkeiten in unserem Landkreis überhaupt bemerkbar?

Sowohl die durch den Brexit entstehenden Herausforderungen wie auch der Handelskonflikt zwischen den USA und China treffen viele Unternehmen in der Region. Vor allem Unternehmen, die international tätig sind, sind immer von weltwirtschaftlichen Einflüssen betroffen.

Welches sind die zentralen Herausforderungen, die die IHK und ihre Mitglieder meistern müssen, um in Zukunft zu bestehen?

Es gibt zahlreiche Herausforderung in der aktuellen Zeit. Aus IHK-Sicht können wir sagen, dass vor allem Themen wie Digitalisierung, Unternehmensnachfolge, aber auch der allgegenwärtige Fachkräftemangel große Themen bei unseren Mitgliedsunternehmen sind. Hinzu kommen weltpolitische Unwägbarkeiten.

Mit einem Blick in die Glaskugel: Wie wird sich das wirtschaftliche Bild im Hersfelder Raum, wie die Arbeit der hiesigen Arbeitnehmer in 25 Jahren aussehen?

Da 25 Jahre in der jetzigen - extrem dynamischen – Zeit ein sehr langer Zeitraum sind, möchte ich keinen Ausblick wagen. Klar ist, dass die Digitalisierung noch weiter an Bedeutung gewinnen wird. Wie dieser Faktor unsere Arbeitswelt in den nächsten Jahrzehnten konkret verändern wird, kann heute aber noch niemand mit Bestimmtheit sagen.

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