Den Kreis zum Klingen bringen -  MONTAGSINTERVIEW mit der Musikschulleitung Sabine Schweiger und Timo Wichmann

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Ergänzen sich gut: Timo Wichmann und Sabine Schweiger sind das Leitungsteam der Musikschule des Kreises Hersfeld-Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg – Die Musikschule des Landkreises Hersfeld-Rotenburg besteht in diesem Jahr seit 40 Jahren. Sie wurde von Wolfram Waldeck aufgebaut und von 1979 bis 2013 geleitet. Sein Nachfolger war Stefan Meier, der glücklos agierte und 2016 seinen Abschied nahm. Seitdem wird die Musikschule von Timo Wichmann und Sabine Schweiger im Team geleitet.

Kinder haben heute in der Schule immer mehr Stress. Haben sie dann noch Zeit und Lust, nachmittags zur Musikschule zu gehen?

SABINE SCHWEIGER: Ja, wir haben stabile Schülerzahlen. Ich habe viele Schüler, die immer wieder betonen, dass Musik ja auch eine entspannende Wirkung hat und dass sie gerade im Musikunterricht den ganzen Stress um sie herum vergessen können. TIMO WICHMANN: Wir haben schon ganz früh auf sowohl diese Situation als auch auf die Einführung des Paktes für den Nachmittag reagiert. Wir haben vor vielen Jahren schon damit begonnen, an die Schulen zu gehen und dort Instrumentalunterricht anzubieten, sowohl vormittags als auch nachmittags. Und das machen wir immer noch. Das wird von den Schulen auch gewünscht. SCHWEIGER: Das fängt schon mit der musikalischen Früherziehung an, die in den Kindergärten stattfindet, sodass die Kinder nicht noch extra nachmittags einen Termin haben.

Gab es an der Musikschule Einbrüche bei den Schülerzahlen durch die verstärkten Nachmittagsangebote an den Schulen?

WICHMANN: Bisher nicht gravierend, aber das liegt sicher daran, dass wir früh reagiert haben. SCHWEIGER: Wir haben immer gleich die Schulen besucht, die den Pakt für den Nach-mittag einführen wollten und haben Gespräche geführt, was wir anbieten können. WICHMANN: Und das ist auch noch im Ausbau. Wir haben noch längst nicht an allen Schulen Angebote. Aber wir führen Gespräche und fragen, was passt und was gut für die Kinder ist.

Wie erreicht die Musikschule Kinder aus bildungsfernen Familien.

SCHWEIGER:: Dadurch, dass wir an den Grundschulen vormittags zu einem günstigeren Tarif Unterricht anbieten, haben wir viele Kinder, deren Eltern sonst vielleicht nicht die finanziellen Voraussetzungen hätten, ihnen Musik-unterricht zu ermöglichen. Die Eltern müssen dann nur einen kleinen Obolus bezahlen. WICHMANN: Außer dem günstigen Schultarif bieten wir auch für den übrigen Unterricht Ermäßigungen an. Wer seine Bedürftigkeit nachweist, erhält einen Rabatt von fast 100 Prozent. Und die zehn Euro, die bezahlt werden müssen, kann man sich über das Bildungsteilhabepaket wieder zurückholen. Mit diesen Ermäßigungen haben wir ein Alleinstellungsmerkmal im weiten Umfeld. SCHWEIGER: : Ich unterrichte an der Wilhelm Neuhaus Schule auch viele Kinder aus verschiedenen Nationen. Die Familien sind teilweise noch gar nicht lange in Deutsch-land und mit der Kultur hier nicht so vertraut. Da ist es für die Kinder sehr wertvoll, dass sie durch die Musik noch mehr hier ankommen können. Ich habe teilweise Gruppen mit Kindern aus fünf verschiedenen Nationen. Das ist hochinteressant.

Wie hat sich die Musikschule in den vergangenen vier Jahrzehnten entwickelt?

SCHWEIGER: Die Kinder verändern sich und die Musikschule verändert sich mit ihnen. Wir haben jetzt noch mehr Gruppenangebote, als früher, wie z.B. Bläserklassen- und Gitarrenklassenunterricht. WICHMANN: Wir haben unter anderem die Unterrichtskonzepte angepasst und sind damit gut gefahren, gerade in den Bereichen Klavier und Gitarre. Da haben wir neue Lehrwerke eingeführt. Das hat auch der Musikschule gut getan. Da ist frischer Wind rein gekommen. SCHWEIGER: Wir orientieren uns mit unseren Konzepten an den Kindern, anstatt einfach vorhandene Lehrwerke weiter zu verwenden und gehen dadurch auf die veränderten Voraussetzungen der Kinder ein. WICHMANN: Dabei sind wir aber immer konform mit den Vorgaben des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM) was die Qualitätssicherung anbelangt.

Wie schaut’s mit den Schülerzahlen aus?

WICHMANN: Die Musikschule hat seit Anbeginn immer eine Zahl von knapp 1000 Präsenzschülern gehabt und die hat sich auch gehalten. Inzwischen rechnet unser Verband aber ein bisschen anders, nicht mehr am Stichtag orientiert, sondern übers ganze Jahr und da liegen wir zwischen 1200 und 1300. Aber die Präsenzschüler sind ungefähr 1000.

Gibt es Instrumente, die im Trend sind und andere, die aus der Mode gekommen sind?

SCHWEIGER: Trendinstrumente sind schon immer Klavier und Gitarre. WICHMANN Bei Schlagzeug haben wir auch seit Jahren ei-nen sehr stabilen Bestand an Schülern. SCHWEIGER: Andere Instrumente wie Oboe oder Fagott sind mal gefragt und mal nicht so gefragt.

Findet der Musikunterricht nur in Bad Hersfeld statt, oder auch an anderen Orten?

SCHWEIGER: Wir sind die Kreismusikschule und deshalb findet der Unterricht kreisweit statt. WICHMANN: Das war uns auch ganz wichtig, als wir die Leitung übernommen haben. Da haben wir herausgestellt, dass wir im ganzen Kreis präsent sind. Das Musikschulgebäude in Bad Hersfeld ist unser Hauptstandort, aber wir haben noch über 50 weitere Unterrichtsstätten. Wir sind alleine in 23 Kindergärten mit der musikalischen Früherziehung, an vielen Grundschulen und an fast allen Gesamtschulen mit eigenem Unterricht oder in Kooperationen vertreten.

Es gab ja zwischendurch Probleme mit der Leitung der Musikschule. Was hat Sie bewogen, den Job gemeinsam zu übernehmen?

SCHWEIGER: Wir sind schon sehr lange mit der Musik-schule verwachsen, hatten schon als Kinder hier Unterricht. Wir lieben beide unseren Job und wollen auch beide gerne unterrichten. Deshalb haben wir uns die Leitung geteilt. WICHMANN: Zudem sind die Anforderungen gestiegen. Wir haben heute eine ganz andere Verwaltung als vor zehn Jahren. Als die Stelle vakant und wir ohne Leitung waren, haben Sabine und ich uns zusammengesetzt und erst einmal angeboten, die Leitung kommissarisch zu übernehmen. Dann haben wir ein Konzept erarbeitet, das wohlwollend aufgenommen worden ist. Wir konnten es auch innerhalb eines Jahres größtenteils umsetzen.

Wenn die Fee käme mit ihrem Zauberstab und Sie hätten Wünsche frei, was würden Sie sich wünschen?

WICHMANN: Dass uns unsere Schüler erhalten bleiben und den gleichen Elan wie bisher zeigen. SCHWEIGER: Und dass die Lehrkräfte weiterhin mit Motivation, Spaß und Können bei der Sache sind. WICHMANN: Und letztendlich wünschen wir uns natürlich, dass die Unterstützung, die wir bisher bekommen, weiter erhalten bleibt. Die Musikschule ist ein wichtiger kultureller Baustein im ländlichen Bereich und die Qualität können wir nur mit zusätzlichen Finanzmitteln aufrechterhalten. Wir haben als ganz große Unterstützer die Sparkasse und den Kreis hinter uns stehen. Ohne das ginge es nicht. Zusätzlich bekommen wir als staatlich geförderte Schule einen Zuschuss vom Land, etwa 30.000 Euro im Jahr. SCHWEIGER: Ich würde mir auch wünschen, dass es weiterhin Unterstützung für neue Ideen und Konzepte gibt.

Welcher Anteil der Kosten wird durch Schülerbeiträge gedeckt?

WICHMANN:: Knapp die Hälfte.

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

SCHWEIGER:: Wir planen gerade eine musikalische Orientierungsstufe. Eine Übergangsstufe zwischen der musikalischen Früherziehung und dem Instrumentalunterricht. Kinder können dabei ein Jahr lang verschiedene Instrumente für einen bestimmten Zeitraum ausprobieren und auch erste Orchestererfahrungen sammeln. Danach können sie entscheiden, welches Instrument sie fortführen können und möchten.

ZU DEN PERSONEN

Sabine Schweiger hat schon als Kind die Kreismusikschule besucht. Sie hat Lehramt für Musik studiert und hatte parallel dazu Gitarrenunterricht in Prag bei dem namhaften Gitarristen Marek Veléminsky. Nach dem Studium hat sie sich für die Musik entschieden und direkt im Anschluss an das Studium damit begonnen, an verschiedenen Musikschulen zu unterrichten. Sie spielt Gitarre, Harfe, Klarinette, Blockflöte und Klavier. Neben der Musik gehört ihre Leidenschaft dem Windsurfen, gerne in Dänemark. Sie ist 50 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. 

Timo Wichmann ist ebenfalls mit der Musikschule des Kreises Hersfeld-Rotenburg aufgewachsen. Er hat bereits während des Studiums an der Musikschule als Lehrkraft gearbeitet, spielt klassische Gitarre, E-Gitarre und außerdem Klavier und exotische Instrumente, wie das afghanische Rebab. Er verfügt inzwischen über eine größere Sammlung von Instrumenten aus fernen Ländern. Der 44-Jährige lebt in einer festen Beziehung und hat ein Kind. Seine freie Zeit verbringt er am liebsten in Südfrankreich.

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