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Montagsinterview mit Wilhelm Windisch über die Zukunft der Landwirtschaft

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Von: Jan-Christoph Eisenberg

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Rinder fressen Heu in einem offenen Stall.
Besser als ihr Ruf: Solange keine potenziellen Lebensmittel im Futtertrog landen, sind die Auswirkungen der Rinderhaltung auf Klima und Umwelt laut Professor Wilhelm Windisch deutlich geringer als häufig angenommen. archiv © Carolin Eberth

„Können wir uns Nutztiere in Zukunft noch leisten? Dieser Frage ging Prof. Dr. Wilhelm Windisch in seinem Festvortrag zum hessenweiten Tag der landwirtschaftlichen Ausbildung in Alsfeld nach.

Hersfeld-Rotenburg – Über die Auswirkungen der Nutztierhaltung auf Umwelt, Klima und Ernährungssicherheit sprach der Leiter des Lehrstuhls für Tierernährung an der Technischen Universität München mit Jan-Christoph Eisenberg.

Mit Blick auf Umwelt- und Klimafolgen steht Fleischkonsum in der Kritik. Kann ich mir mein Steak oder Schnitzel überhaupt noch ruhigen Gewissens schmecken lassen?

Sie können das Steak oder Schnitzel guten Gewissens genießen und müssen keine Angst haben, dass Sie ein Umweltverschmutzer sind. Fleischkonsum stellt nicht grundsätzlich eine Umweltverschmutzung dar. Es hängt natürlich davon ab, wie man das Fleisch erzeugt hat und wie viel man davon erzeugt.

Laut Umweltverbänden hat Rindfleisch einen Flächenbedarf von 13,7 Quadratmetern pro 1000 Kilokalorien, während bei Brot für dieselbe Kalorienmenge 0,9 Quadratmeter ausreichen. Wäre es da nicht folgerichtig, auf Tierhaltung zu verzichten?

Solche Zahlen zum Flächenbedarf sind sehr irreführend. Sind die 13 Quadratmeter Ackerland, Grünland, oder beides? Rinder können auch mit Kraftfutter aus Nebenprodukten wie Reststoffen aus Zuckerrüben gefüttert werden, die keine Konkurrenz zur menschlichen Nahrung darstellen. Wenn natürlich potenzielle Lebensmittel im Futtertrog landen, ist das ineffizient. Weltweit sind aber nur 30 Prozent der Nutzfläche ackerfähig, der überwiegende Teil ist Grasland. Selbst beim Anbau lebensmittelliefernder Pflanzen fällt mindestens die gleiche Menge nicht essbarer Koppelprodukte wie Stroh an. Wenn ich bei der Rinderfütterung also mit Grünland arbeite, spricht nichts dagegen. Die intensive Schweine- und Geflügelproduktion erfordert dagegen hohe Nährstoffdichten, was einen sehr hohen Grad an Essbarkeit des Futters bedeutet.

Die Rinderhaltung steht durch ihren Methan-Ausstoß allerdings als „Klimakiller“ in der Kritik.

Methan ist ein hochwirksames Klimagas, aber es verbleibt nur rund zwölf Jahre in der Atmosphäre, bevor es zerfällt. Es macht zudem nur vier Prozent des Treibhausgasausstoßes aus. Würde man alle Wiederkäuer abschaffen, wäre dieser Effekt durch den CO2-Ausstoß des Verkehrssektors nach wenigen Jahren dahin.

Prof. Dr. Wilhelm Windisch (64)
Prof. Dr. Wilhelm Windisch (64) © Eisenberg, Jan-Christoph

Sind die Auswirkungen tierischer Lebensmittel eine Frage der Haltungsform beziehungsweise Wirtschaftsweise?

Weder noch. Auch Bio ist keine Garantie der Nachhaltigkeit und die Forderung nach weniger Fleischkonsum ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. Wenn ich weniger Fleisch esse, bedeutet das noch nicht, dass es nachhaltig erzeugt wird. Wenn die Landwirtschaft klima- und umweltneutral werden will, wird sie natürlich viel weniger tierische Lebensmittel als bisher produzieren – nur soviel, wie in einer regionalen Kreislaufwirtschaft mithilfe nicht essbarer Biomasse erzeugt werden kann. Das ist aber keine ideologische Restriktion, sondern es wird wegen steigender Preise für Getreide und Soja schlicht zu teuer, potenzielle Lebensmittel an Schweine oder Geflügel zu verfüttern.

Welchen Beitrag können Lehr- und Versuchseinrichtungen wie der Eichhhof in Bad Hersfeld zu einer umwelt- und klimagerechten Nutztierhaltung leisten?

Einen großen Beitrag! Es ist dafür wichtig, den Stoffkreislauf vollständig abzubilden. Für die Erntemenge beim Getreide hat fast jeder Mähdrescher ein Zählwerk. Wie viel Gras auf der Weide wächst, können wir aus der Ferne aber noch nicht genau ermitteln. Dabei sind 40 Prozent der in der Landwirtschaft bewegten Biomasse Grünfutter. Da ist die Digitalisierung gefragt. Aber auch bei der Optimierung von Tierwohl und Tiergesundheit bei gleichzeitig möglichst guter Umwandlung von Biomasse in Essbares sind die Versuchsgüter Vorreiter. Ein privater landwirtschaftlicher Betrieb kann das gar nicht leisten.

Wie ist es um die Umwelt- und Klimabilanz veganer Ersatzprodukte für Fleisch, Milch und Eier bestellt?

Gegen vegane Produkte ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Es ist allerdings unsauber, sie gegen tierische Produkte auszuspielen, denn mit jedem veganen Lebensmittel entsteht gleichzeitig auch eine gewaltige Menge Biomasse, die verfüttert wird. Der Anbau von einem Kilo Hafer verursacht zum Beispiel einen bestimmten CO2-Fußabdruck. Für einen Haferdrink ist allerdings nur ein Drittel der Biomasse nutzbar, der Rest wird in Form von Kleie und Stroh zur Produktion tierischer Lebensmittel genutzt. Dementsprechend werden aber auch zwei Drittel des CO2 der Tierhaltung angelastet. Das ist eine Doppelzüngigkeit – denn tatsächlich wurde auf diese Weise aus demselben Kilogramm Hafer bei gleichem CO2-Ausstoß die größtmögliche Menge Nahrung gewonnen.

Ließe sich die nicht essbare Biomasse nicht auch kompostieren oder in Biogasanlagen verwerten?

Wer einen Komposthaufen im Garten hat, weiß, wie der zusammenschnurrt. Die ganze Biomasse wird dabei ungenutzt in die Luft geblasen. Unkontrolliertes Verrotten ist die ineffizienteste Form der Nutzung. Besser ist es, die Biomasse unter Sauerstoffabschluss zu verwerten. Das geht in Form von Biogas oder als Futter für Rinder. Das Prinzip ist dasselbe, aber vom Biogas kann niemand runterbeißen. Bei der Nutztierhaltung habe ich als Mehrwert zusätzlich hochwertige Nahrungsmittel erzeugt.

Welche Auswirkung hätte ein vollständiger Verzicht auf Nutztiere – ließe sich die Weltbevölkerung rein pflanzlich ernähren?

Es gibt dazu verschiedene Szenarien. Die ernst zu nehmenden kommen zu einer ganz klaren Antwort: Nein! Dennoch wird ein starker Verzicht auf tierische Lebensmittel nötig sein. Wenn wir zur Fütterung konsequent nur die nicht essbare Biomasse einsetzen, wird nur noch ein Drittel der bisherigen Menge übrig bleiben.

Wird in 50 Jahren in Deutschland noch Fleisch erzeugt und gegessen?

Wenn es in 50 Jahren noch einen intakten ländlichen Raum mit landwirtschaftlichen Familienbetrieben gibt, steht selbstverständlich noch die gemischte Kost mit Fleisch auf dem Speiseplan. Ich habe aber große Sorge, dass der Bauernstand kaputt geht. Der Markt wird das nicht richten. Wenn Landwirtschaft zum reinen Business wird, werden heute Schweinefleisch und morgen Hosenknöpfe produziert.

Zur Person

Prof. Dr. Wilhelm Windisch (64) leitete seit 2010 den Lehrstuhl für Tierernährung an der Technischen Universität München und war zuvor Professor für Tierernährung an der Universität für Bodenkultur Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Nutztierfütterung in der agrarischen Kreislaufwirtschaft, der Stoffwechsel essenzieller Spurenelemente und die Effekte von Futterzusatzstoffen auf den Verdauungstrakt. Der Agrarwissenschaftler war in mehreren wissenschaftlichen Gremien und Gesellschaften aktiv, unter anderem von 2016 bis 2020 als Vorsitzender der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie. Seinen aktiven Dienst beendete er Ende Juli im Rahmen der Altersteilzeit. (jce)

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