Zehn Jahre nach dem Erdbeben

Landesdirektor der Welthungerhilfe zu Haiti: „Man kann ein Land nicht von außen entwickeln“

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Große Kinderaugen gibt es viele auf Haiti, denn das Durchschnittsalter in dem Karibikstaat liegt bei nur 23 Jahren.

Dr. Dirk. E. Guenther arbeitet seit über 35 Jahren für die Welthungerhilfe, lange Zeit auch in Haiti. Mit ihm sprach Kai A. Struthoff.

Herr Dr. Guenther, was hat sich seit dem Erdbeben 2010 in Haiti verändert?

Viele Geberländer und Hilfsorganisationen haben nach dem Erdbeben gemerkt, dass man ein Land wie Haiti nicht mit Nothilfe allein unterstützen kann. Die Armut hat sich zwar leider kaum verringert, aber es gab eine Reihe von Investitionen in die Infrastruktur und in die Verwaltung, die tatsächlich zu Verbesserungen geführt haben. Die Ernährung der Bevölkerung hat sich auch etwas verbessert. Es gibt zwar weiterhin Mangelernährung, aber die Ernährungsengpässe sind weniger geworden.

Trotzdem gilt Haiti als „failed state“, als gescheiterter Staat ...

Dr. Dirk Guenther, Landesdirektor der Welthungerhilfe. 

Ich würde Haiti nicht als gescheiterten, sondern als schwachen Staat bezeichnen. Es stimmt zwar, dass viele staatliche Aufgaben wie etwa das Gesundheits- oder Erziehungswesen nur unzureichend funktionieren, aber die Präsenz des Staates hat sich insgesamt leicht verbessert. Die Korruption bleibt allerdings ein Problem. Es gibt eine Reihe von Leuten in Haiti und auch außerhalb, die von schwacher Staatlichkeit profitieren und auch Geschäfte am Rande und außerhalb der Legalität machen.

Wie sinnvoll ist es dann, Hilfsgelder in ein solches System zu pumpen?

Haiti hat in der Vergangenheit zu oft nur punktuelle Hilfe bekommen. Auch ein Großteil der Hilfsgelder nach dem Erdbeben sind gar nicht in Haiti angekommen, sondern in den Geberländern für Organisation oder Personal ausgegeben worden. Haiti braucht aber kontinuierliche Hilfe, und deren Wirksamkeit muss auch genau kontrolliert werden.

Müsste das Land nicht viel stärkere Auflagen, etwa zur guten Regierungsführung bekommen?

Was gute Regierungsführung angeht, bin ich skeptisch. Oft heißt das nämlich in den Augen der Geberländer nur, wie sich Haiti ihnen gegenüber verhalten soll. Wichtig ist, wofür das Hilfsgeld eingesetzt wird. Das muss scharf überwacht werden – und zwar nicht nur vom Ausland, sondern auch von Haiti selbst. Es gibt nämlich Hilfsprojekte, die aber aus haitianischer Sicht gar nicht erforderlich sind.

In Haiti hört man oft Kritik, dass dem Land von Gebern zu oft gesagt wird, wie es was tun soll ...

Ich teile diese Einschätzung. Eine Gesellschaft ist niemals von außen zu entwickeln, sondern sie muss sich von innen entwickeln. Leider wurde das im Fall von Haiti jahrzehntelang nicht erkannt. Wenn von Haiti dann eine Entscheidung getroffen wurde, die den Geberländern nicht gefiel, dann sprach man auch schnell von schlechter Regierungsführung. Dabei ist es wichtig, dass Haiti selbst entscheidet. Dazu müssen neben den Parteien auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen, wie etwa Arbeitgeber- und -nehmerorganisationen gestärkt werden, um die Entwicklung mitzubestimmen.

Was konnte die Welthungerhilfe mit ihrer Arbeit in den vergangenen über 30 Jahren in Haiti erreichen?

Besonders wichtig ist die Unterstützung der Welthungerhilfe im Bereich der Bewässerung – zum Beispiel in der Region von Jean Rabel. Bewässerung ist nicht nur ein technisches Problem, sondern es verändert auch die Gesellschaftsstruktur. Menschen müssen sich organisieren, um das Wasser gemeinsam sinnvoll zu nutzen. Dann wird Nahrung produziert, es entstehen Märkte, Straßen, verarbeitende Betriebe – eben Wirtschaftskreisläufe. Jean Rabel war vor 30 Jahren noch die ärmste Gegend des Landes, es gab dort nicht mal einen Lastwagen und auch nichts, was man transportieren könnte. Die Gegend ist zwar immer noch arm, aber es geht den Menschen dort inzwischen deutlich besser.

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@astrid_leberti (Schauspielerin): „Wir wünschen unseren Kindern die Top-Elite-Schule...Mütter in Entwicklungsländern wünschen sich, dass ihre Kinder auch am nächsten Morgen aufwachen. Wie kann es sein, dass in einer Welt, so reich, so gebildet...in einer Welt, wo man für Millionen zum Mond fliegt, nur ein Mensch stirbt, weil er verdurstet und verhungert? Den Machthabern die Schuld zu geben, bringt uns nicht weiter. Wir sollten aufwachen, weil wir die Kraft und die Mittel haben, zu helfen." . #EsReichtFürAlle #ZeroHunger #equality #justice #unteruns #astridleberti #stefanbehrens #mirjamknickriem #mirjamknickriem #welthungerhilfe #leavenoonebehind

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Wie lange wird die Welthungerhilfe noch in Haiti arbeiten müssen?

Die haitianische Regierung hatte nach dem Erdbeben das Ziel ausgegeben, ab 2030 ohne fremde Hilfe auszukommen. Das wird wohl nicht ganz zu schaffen sein. Aber die Welthungerhilfe war früher auch in Thailand, Chile, Brasilien, Kolumbien und Costa Rica tätig. Inzwischen brauchen diese Länder unsere Hilfe nicht mehr. Und genauso wollen wir auch nicht dauerhaft in Haiti arbeiten.

Zur Person: Dr. Dirk E. Guenther

Dr. Dirk E. Guenther wurde 1956 in Kiel geboren und hat dort Agrarwissenschaften studiert und promoviert. Sein erster Einsatz in einem Welthungerhilfe-Projekt war 1983 in der Dominikanischen Republik. Weitere Welthungerhilfe-Stationen: Projektarbeit in Kuba, Peru und Chile, zweimaliger Einsatz als Landesdirektor in Haiti, beim zweiten Mal zur Nothilfe nach dem Erdbeben 2010. Er verbrachte mehr als 20 Jahre im Ausland. Seit drei Jahren ist er bei der Welthungerhilfe Regionaldirektor für West- und Zentralafrika sowie die Karibik.

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