Bad Hersfelder Festspiele

Intendant Joern Hinkel: Wie ein Jahr ohne Weihnachten

Gemischte Gefühle: Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, in der leeren Stiftsruine. Eigentlich wäre hier jetzt schon bei aufgebauter Bühne und Tribüne für die Spielzeit 2020 geprobt worden. Fotos: Karl Schönholtz

Warum Festspiel-Intendant Joern Hinkel trotz Komplett-Absage optimistisch nach vorne schaut, sagt er im Interview mit unserer Zeitung.

Die Spielzeit 2020 fällt wegen des Coronavirus aus, das 70. Jubiläum ist verschoben und dazu die Sorge, ob wie und was im nächsten Jahr überhaupt stattfinden kann: Herr Hinkel,wie tief sitzt der Schmerz?

Der Schmerz ist natürlich groß. Doch die anfängliche Lethargie ist mittlerweile gewichen, und wir krempeln die Ärmel hoch. Es nützt ja nichts, jetzt in Schockstarre zu verharren, sondern wir müssen sehen, wie wir mit der Situation umgehen. Ideen haben, Impulse geben, da gibt es in der Branche ja sehr viel, was auch Mut macht, nach vorne zu blicken.

Wie steht es um die Stimmung im Team? Die Vorbereitungen hatten ja längst begonnen, etwa beim Casting oder für die Bühnenbilder.

Wir haben ja die große Hoffnung, dass wir die Inszenierungen, was wir vorbereitet haben, im nächsten Sommer auf die Bühne bringen können. Die Bühnenbilder stehen schon halb oder ganz fertig in unseren Werkstätten oder auf der Probenbühne, die Textbücher sind verschickt, und die Besetzung ist fertig. Vor wenigen Tagen hätten die Proben begonnen. Jetzt rufen viele an oder schicken Mails und sagen, dass sie an uns denken und wie schade es ist, dass wir nicht loslegen können. Natürlich ist das sehr traurig, ganz klar.

In Wartestellung: Für das neue Festspiel-Musical „Goethe!“ wurde schon beim Casting in Berlin geprobt. Jetzt hofft das Team auf nächstes Jahr.

Die Stadt hat sich bereit erklärt, für die bereits eingegangenen Verpflichtungen bis zu 450 000 Euro zur Verfügung zu stellen. Reicht das Ihrer Ansicht nach aus?

Ich bin der Stadt wahnsinnig dankbar für diesen zusätzlichen Topf, für diese freiwillige Leistung, die uns ermöglicht, Ausfallentschädigungen anzubieten. Zu dem Zeitpunkt, als die Festspiele abgesagt wurden, gab es noch keine klare juristische Beurteilung der Lage, wie mit den Personen umgegangen wird. Daran arbeiten jetzt verschiedene Gremien wie beispielsweise der Bühnenverein, die Kultusminister und die Gewerkschaften. Wir aber waren zum Handeln gezwungen. Wir haben meiner Meinung nach die bestmögliche Lösung für unseren speziellen Fall gefunden. So gut wie alle waren dafür unglaublich dankbar. Denn viele wissen immer noch nicht, wie ihre persönliche Situation mit Arbeitslosengeld I oder II aussieht. Und es gibt da absurde Konstellationen, dass etwa Freiberufler nur ihre Betriebsausgaben geltend machen können. Das sind bei einem Dirigenten zwei Taktstöcke pro Jahr. Da kann man sich ja ausrechnen, wie gut man davon leben kann...

Es gibt Stimmen, die sagen: Es ist wie es ist, also spielen wir das Programm 2020 eben im nächsten Jahr. Aber so einfach ist das wohl nicht.

Nein. Das hat zum einen etwas mit der Höhe des Etats zu tun. Andererseits wundere ich mich über die Zuversicht von Kollegen, die heute schon ganz klar wissen, was sie nächstes Jahr machen. Denn so ganz klar ist das ja nach wie vor nicht. Ich bin zwar ein optimistischer Mensch, aber ich kann die Vorsicht der verantwortlichen Politiker durchaus verstehen, eben auch hier in der Stadt. Das ist ein wirklich klassisches Dilemma. Ich müsste jetzt mit der Planung der nächsten Spielzeit eigentlich schon anfangen. Und das ist noch nicht möglich.

Wie sehen Ihre Überlegungen konkret aus? Beginnen wir mit der bestmöglichen Variante.

Bestmöglich wäre, wenn wir den gleichen Etat hätten, die gleiche Spielzeitlänge und die gleiche Anzahl der Stücke.

Falls das nicht möglich ist: Gibt es einen Plan B, mit dem Sie auch leben könnten?

Die Frage ist, ob die Festspiele langfristig damit leben können. Plan B ist natürlich die Reduzierung des Spielplans auf weniger Stücke. Auf gar keinen Fall möchte ich auf die Qualität und den Aufwand der Stücke verzichten, sondern eher auf die Anzahl der Inszenierungen. Ich glaube, wenn man bei jeder Inszenierung ein bisschen was streicht, nur um am Ende auf die gleiche Spielzeit zu kommen, hat das am Ende keinen Sinn. Das spüren die Zuschauer und bleiben im kommenden Jahr weg. Auch stellt sich die Frage, wie es mit der in den vergangenen Jahren mühsam aufgebauten Unterstützung unserer Fördergeber aussieht, wenn wir das Programm reduzieren. Wenn wir zurückfahren, werden die vermutlich auch zurückfahren.

Sie haben in den vergangenen Tagen mit den Vertretern der politischen Fraktionen in der Stadt gesprochen. Welche Signale haben Sie von dieser Seite erhalten?

Es waren sehr konstruktive Gespräche. Keiner hat gesagt, dass er den Etat stutzen will. Alle sehen die Notwendigkeit, die Bedeutung der Festspiele für die Stadt, beispielsweise durch die Umwegrendite. Denn wir sind ja eine Art Konjunkturprogramm für die örtliche Wirtschaft, weil das, was wir investieren, mehrfach in die Stadt zurückkommt. Wie gesagt, keiner möchte uns etwas wegnehmen. Aber wie man das realisieren kann, dazu gibt es noch unterschiedliche Auffassungen. Wir sind alle gemeinsam daran interessiert, dass die Festspiele zukunftsfähig sind. Viele Politiker und auch ich sind der Meinung, dass man dafür an der Gesellschaftsform etwas ändern muss. Andere sind da skeptisch. Aber wir wollen das jetzt genauer prüfen. Und wir haben natürlich Verständnis für die Gesamtsituation des städtischen Haushalts. Es wäre vollkommen realitätsfern, das nicht zu berücksichtigen. Andererseits halte ich die Festspiele für den wichtigsten Motor, um Leben in die Stadt zu bringen. Und das gilt es jetzt abzuwägen. Das ist nicht unsere Entscheidung, sondern die schwierige Entscheidung der Politiker.

Sie verbringen auch abseits der Festspiele einen Großteil Ihrer Zeit in Bad Hersfeld. Wie haben Sie die Reaktionen der Hersfelder auf einen festspiellosen Sommer wahrgenommen?

Das war wirklich eine aufrichtige Betroffenheit. Die Festspiele sind ein wesentlicher Bestandteil im jährlichen Ablauf der Hersfelder Bevölkerung. Das ist so wie Weihnachten und Geburtstag. Das ist etwas, was immer wiederkommt und worauf man sich freut. Die Vorstellung, dass die Festspiele nicht stattfinden, hat viele sehr erschüttert.

Spricht man mit den in der Stadt verbliebenen Festspielern, dann hört man: Wir wollen dieses Jahr trotzdem was machen. Wie könnte das funktionieren?

Da gibt es verschiedene Faktoren. Wir erarbeiten gerade ein Hygiene- und Sicherheitskonzept für die Ruine und den Stiftspark und müssen klären, wie viele Zuschauer mit welchen Abständen Platz finden. Danach ergibt sich auch die Größe dessen, was man darstellen kann. Ganz klar ist, dass wir keine Spar-Version von dem präsentieren, was wir ursprünglich geplant haben, sondern wir wollen etwas ganz Anderes machen. Wir müssen ja auch auf die Ereignisse um uns herum reagieren mit dem, was wir auf der Bühne zeigen. Es ist unserer Fantasie überlassen, aus der aktuellen Situation etwas zu machen. Ich bin im Übrigen ein großer Verfechter dessen, dass Theater nicht durch digitale Medien ersetzt oder reproduziert werden kann. Theater ist live und lebt vom Austausch zwischen Darstellern und dem Publikum. Ich kann die vielen digitalen Versuche durchaus verstehen, aber für mich kommen sie ehrlich gesagt nicht in Frage.

Wir müssen also nicht befürchten, dass Sie in diesem Sommer einsam durch Bad Hersfeld laufen und nichts zu tun haben?

Nein, auf gar keinen Fall. Wir werden etwas finden. Aber ich möchte es jetzt noch nicht präsentieren, weil das Programm und vor allem dessen Realisierbarkeit mit den politischen Gremien und unseren Partnern abgesprochen werden müssen. Wir haben verschiedene Szenarien und Ideen entwickelt und werden auf jeden Fall im Sommer etwas tun.

Zur Person

Joern Hinkel (50) ist in Berlin geboren und studierte an der Bayerischen Theaterakademie Opern- und Theaterregie bei August Everding. Er inszenierte zahlreiche Opern, Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. In Bad Hersfeld inszenierte er bisher die „Sommernachtsträumereien“ auf der Spielwiese neben der Stiftsruine, Otfried Preusslers „Krabat“ auf der großen Bühne, die Komödie „Indien“ am Eichhof und im vergangenen Jahr Kafkas „Der Prozess“. Seit 2018 ist er Intendant. Joern Hinkel hat einen Sohn. Er lebt in Berlin und Bad Hersfeld und hat seine Hobbys – Theater, Literatur und Musik – zum Beruf gemacht

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