Bad Hersfelder Festspiele

In der Stiftsruine bleibt die "Titanic" obenauf

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Bad Hersfeld. Umjubelte Premiere für Stefan Hubers Musical-Inszenierung bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Musicals bei den Bad Hersfelder Festspielen – das ist seit Jahren eine Erfolgsgeschichte. Mit ihr sind die Erwartungen und die Qualitätsansprüche auf ein Level gestiegen, das jede neue Produktion zu einer extremen Herausforderung macht. Nur nicht nachlassen, und ein bisschen besser geht immer.

Regisseur Stefan Huber, der mit seinen Inszenierungen von „Anatevka“ und „Kiss me Kate“ selbst ein bisschen schuld ist am hohen Erfolgsdruck, mag erleichtert aufgeatmet haben, als das Publikum der „Titanic“-Premiere am Freitag gleich das erste große Bild mit dem bühnenbreiten Schriftzug bejubelte. Schon konnte nicht mehr viel schiefgehen an einem Abend, dem selbst der Dauerregen nichts anhaben konnte, musste man auch zwischenzeitlich befürchten, dass die „Titanic“ eher von oben geflutet wurde, bevor sie der Eisberg erwischen konnte. 

Das 1997 erstaufgeführte Musical von Peter Stone mit der Musik von Maury Yeston ist ein Ensemblestück, das den Fokus nicht auf eine durchgehende Story und einige wenige Figuren legt. Vielmehr wird hier eine Vielzahl von Personen und größtenteils realen Persönlichkeiten unterschiedlichster Herkunft im Wechsel beleuchtet und zum großen Ganzen geformt. Das ist hier ein Gesellschaftsbild, das vom Arbeitsplatz der Heizer über drei Passagierklassen bis auf die Brücke des Kapitäns reicht. Die Palette der gestreiften Themen reicht vom Technikwahn und der „neuen Zeit“ bis zu den Hoffnungen der kleinen Leute auf ihrem Weg ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten sowie der (Un-) Menschlichkeit in Extremsituationen. 

Stefan Huber ist es in mutmaßlich intensiver Probenarbeit gelungen, die einzelnen Charaktere prägnant herauszuarbeiten: Das gilt für die Machtprobe zwischen Captain E.J. Smith (auch im Zweifel stark: Michael Flöth) und Reeder J. Bruce Ismay (rollenbedingt unsympathisch: Frank Winkels), das gilt für den verliebten Heizer Barrett (ergreifender Gesang: David Arnsperger) und der nach Höherem strebenden Alice Beane (energiegeladen: Kristin Hölck) sowie für das bis in den Tod zueinander stehende Ehepaar Ida und Isidor Strauss (anrührend: Christine Rothacker und Uwe Dreves). Ein Sonderlob verdient sich auch Mathias Schlung für seine beflissen-stoische Darstellung des Stewards in der 1. Klasse. Was Hubers „Titanic“ auszeichnet, ist die durchgehend gute bis sehr gute Besetzung des rund 60-köpfigen Ensembles, in dem kein Schwachpunkt auszumachen ist. Jeder und jede Einzelne hätte eine Erwähnung verdient.

Am Ende legen die Zuschauer mit Jubel und Klatschen schon während des Ausklangs im Finale los und hören lange nicht auf. Und hätten wohl noch eine Weile weitergemacht, wenn nach dem Abgang des gesamten Ensembles nicht eine Pause entstanden wäre. 

Keine Frage, Stefan Huber hat nicht nur Erwartungen und Ansprüche erfüllt, sondern wieder ein bisschen was draufgepackt: Eine echte Herausforderung für die Musicalmacher im nächsten Jahr.

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