Leiter ist Dr. Sebastian Kraffzig

Schatzsuche: In Bad Hersfeld wird ein Archiv für drei Landkreise aufgebaut

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Platz für etwa 3120 Din-A4-Aktenordner: Leiter Dr. Sebastian Kraffzig im Archivraum in Bad Hersfeld. Neben Unterlagen aus den Kreisverwaltungen finden sich auch weitere Dokumente. Das Glas-Dia zeigt laut Beschriftung etwa die Linde an der Heimboldshäuser Brücke – im vergangenen Jahrhundert. 

Bad Hersfeld. Im ehemaligen Tuchlager an der Wilhelm-Wever-Straße wird zurzeit das interkommunale Kreisarchiv für Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder und Vogelsberg aufgebaut.

Eine Auffälligkeit hat der Raum, in dem letztendlich alle Unterlagen von drei Kreisverwaltungen landen und der sonst aussieht wie ein normales Büro: Den Wecker, der nicht nur die Uhrzeit, sondern auch die Luftfeuchtigkeit angibt. Eine zu hohe Luftfeuchtigkeit setzt Dokumenten zu – und ist damit ein ungebetener Gast im ehemaligen Tuchlager an der Wilhelm-Wever-Straße in Bad Hersfeld, in dem seit Dezember 2017 das interkommunale Kreisarchiv für die Landkreise Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder und Vogelsberg aufgebaut wird.

„Die Entscheidung, was erhalten bleibt, fällt hier“, sagt Archivleiter Dr. Sebastian Kraffzig. Der 40-Jährige und sein Team sichten, verzeichnen und digitalisieren Schriftgut von etwa 1800 Registraturbildnern – das sind alle, die Unterlagen wie Akten, Urkunden und Dokumente produzieren. Es sei erstaunlich, wie viele Aufgabenfelder die Landkreise haben – und damit auch Berührungspunkte mit dem alltäglichen Leben der Bevölkerung, so Kraffzig. Die Schatzsuche nach dem Archivierungswürdigen macht seinen Job spannend. Allein in Hersfeld-Rotenburg warten mindestens 4,8 Kilometer Verwaltungsakten, maximal zehn Prozent sind archivwürdig.

Hier ist das Archiv untergebracht: Im ehemaligen Tuchlager an der Wilhelm-Wever-Straße in Bad Hersfeld.

Sein „Reich“ hat nicht viel mit romantischen Vorstellungen von alten Archiven zu tun. Es sind keine kerzenbeleuchteten Gewölbe, in denen sich alte Wälzer aneinanderreihen und hinter der nächsten Ecke die Bundeslade wartet, sondern nüchterne Büroräume. Weiße Wände, helle Möbel. Das Archiv selbst ist eine Tür vom Büro entfernt und könnte der Kellerraum eines Mehrfamilienhauses sein – nur eben trocken.

Dort ist neben Aktenordnern auch anderes Material zu finden: Aus dem Vogelsbergkreis etwa, wo der Kreistag seine Sitzungen auf Schallplatten aufgezeichnet hat. Es gibt alte Karten mit fremd wirkender Grenzziehung, alte Glas-Dias zeigen „Dorflinden und unter Naturschutz stehende Bäume“ aus dem vergangenen Jahrhundert. Das Archiv wird auch aus Nachlässen und privaten Sammlungen bestückt – alles, was für die Geschichte des Kreises eine Bedeutung haben könnte, bekommt eine Chance. „Postkarten sammeln wir aktiv“, sagt Kraffzig, „weil sie sehr gut bauliche Veränderungen dokumentierten.“

Hier ist das Archiv untergebracht: Im ehemaligen Tuchlager an der Wilhelm-Wever-Straße in Bad Hersfeld.

Für ein Kreisarchiv werden 1000 laufende Meter Lagerplatz empfohlen, das sind etwa 12 000 aneinandergereihte Din-A4-Aktenordner. In Bad Hersfeld ist Platz für 260 laufende Meter. Wie passt das mit dem Anspruch zusammen, das Archiv für drei Kreise zu sein? Bad Hersfeld ist die Einsatzzentrale, von der aus die Archivalien erfasst und zugänglich gemacht werden. Die Aufbewahrung findet weiterhin in den beteiligten Landkreisen statt. „Der Archivar reist und nicht das Material“, sagt Sebastian Kraffzig. Eine Erweiterung des Lagerraums sei geplant. Gefördert wird das Projekt mit 100 000 Euro vom Land Hessen, geplant wird mit jährlichen Personalkosten von etwa 66 000 Euro pro Kreis.

Das Archiv des Landkreises lag bis 2012 in der Hand des Staatsarchives Marburg und geht bis zur Gebietsreform im Jahr 1972 zurück. Es gibt also viel aufzuholen. Wie lange das dauern wird, ist noch schwer zu sagen: „Ein Archiv ist auf Jahrhunderte angelegt“, sagt Sebastian Kraffzig. Er und sein dreiköpfiges Team wollen eine gute Grundlage schaffen: „Das Archiv soll ein Zentrum werden, in dem regional historisch geforscht werden kann.“ Im Internet können Interessierte bereits recherchieren. Auch einen kleinen Raum mit Tisch für Besucher gibt es in Bad Hersfeld schon. (cig)

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